Da stehen wir jetzt. Schwache Saison. Doppelt so viele Niederlagen wie Siege. Verpasste Playoffs. Verletzter Quarterback, weit weg von Normalform. Frustrierte Receiver. Überforderte Defense. Und mittendrin? Ein unkreativer, beratungsresistenter Coaching Staff. Zum ersten Mal seit 2017 verlängern die Seahawks die Regular Season nicht. Zum ersten Mal seit zehn Jahren wird die Saison mit einem negativen Record enden. Zeit, grundlegende Veränderungen einzufordern.
Es wird da eine Szene beschrieben im kürzlich bei The Athletic erschienenen Feature-Artikel zum beispiellosen Absturz des Earl Thomas – die bleibt hängen. An einem Abend kurz vor der Saison 2014 ist die komplette Seahawks-Familie in Seattle zusammengekommen, um noch einmal den Super-Bowl-Titel der vorangegangenen Runde zu feiern – mit der Übergabe der Ringe.
Lass das mal genau dann posten, wenn Russell Wilson gerade auf dem Spielfeld steht. Das dachte sich vermutlich der oder die Social-Media-KoordinatorIn der WNBA irgendwann vor dem vergangenen Sonntag – und plante den folgenden Tweet zum Quarterback der Seahawks und zu Seattles Basketball-Legende Sue Bird für kurz nach 15 Uhr Ortszeit ein.
Wenn Mike American Football im TV sieht, übertönt das Geräusch seines Fernsehers den Piepton in seinen Ohren. Der Tinnitus ist dann für ein paar Stunden nebensächlich.
Der Wecker klingelt, es ist 0.49 Uhr. War ich vorher noch etwas müde, ändert sich das spätestens beim diesjährigen NFL Draft-Heißmacher mit „The Roots“-Frontmann „Black Thought“, der die 2. Runde offiziell einläutet.
Meine Mama hat immer gesagt: Bevor du etwas sagst, das dir hinterher leid tut, schlaf lieber drüber. Morgen sieht die Welt ganz anders aus.
Meine Mama hat viele kluge Dinge gesagt, aber das mit dem Drüber schlafen funktioniert irgendwie nicht so richtig. Besonders nach schlechten Spielen meines Lieblingsteams.
So wie gestern. Und letzte Woche. Ja, ich weiß, die Saison hat erst angefangen, wir fangen immer schwach an und steigern uns dann – alles gut und schön.
Aber ich bin der Meinung, dass wir uns in unruhigen Gewässern befinden und dass hier unbedingt gegengesteuert werden muss.
Lasst uns ein Jahr zurückgehen.
In der Vorbereitung zur vergangenen Saison wurde Jimmy Graham nach Seattle geholt. Für ihn gab man Center Max Unger nach New Orleans ab – also Herz und Hirn der Offensive Line. Ich war von vorne herein nicht besonders begeistert über diesen Deal. Nicht dass ich Jimmy Graham nicht mag, ich halte ihn für einen ausgezeichneten Tight End, wenn er gesund ist auf einer Stufe mit Gronk. Nein, was mir Sorgen machte war, dass unser Spiel gar nicht auf einen Spieler seines Formats ausgelegt war. Wir waren, wir sind ein Running Team. Wir leben vom Laufspiel. Das hat sich auch bis heute nicht geändert. Zeit, um für die Zukunft zu planen, war mehr als genug! (Stichwort Playbook!)
Die Konsequenz also war, dass die O-Line neu aufgestellt werden musste. Dies dauerte fast drei Viertel der vergangenen Saison, und auch am Ende war die Leistung meist durchwachsen. Trotzdem war unser Spiel nach wie vor lauflastig. Ich hätte nun erwartet, dass man hier zur neuen Saison nachbessert. Insbesondere nach dem Abgang von Marshawn Lynch hätte man hier Qualität holen müssen, um unseren jungen Running Backs den Weg vernünftig freizublocken. Stattdessen bekam Doug Baldwin seinen Zahltag, man draftete Spieler, die die O-Line verstärken sollen und holte mit J’Marcus Webb vermeintliche Erfahrung aus Oakland. Kann gut gehen, muss aber nicht.
Denn wie man sieht, ist die O-Line bisher nicht gerade sattelfest, um es vorsichtig zu sagen. Und unser Running Game wird allzuoft bereits hinter der Line of Scrimmage gestoppt. Als Sahnehäubchen muss unser QB noch angeschlagen spielen – ein Risiko das vermeidbar wäre!
Versteht mich nicht falsch, ich stehe zu den Seahawks. In guten wie in schlechten Zeiten. Keine Frage.
Quo vadis, Seahawks?
Ich befürchte, dass sich unsere sportliche Leitung diesmal verspekuliert haben könnte. Da unsere Turnover-Produktion gleich null ist, fehlen folgerichtig mögliche und wichtige Punkte zum Sieg. Die Durchschlagskraft unserer Offense ist momentan nicht der Rede wert. Und von Disziplinlosigkeiten, die zu Strafen führen, rede ich noch gar nicht. Das muss intern angesprochen werden, in aller Deutlichkeit.
Ich hoffe, unsere Coaches drehen an den richtigen Stellschrauben. Wir sind meilenweit entfernt von unserer Topform, selbst deutlich von unsere Durchschnittsform der vergangenen Jahre. Wir müssen vielleicht mal raus aus der Komfortzone, vielleicht muss der Ton mal rauher werden. Sonst wird das nicht reichen, um den erneuten Einzug in den Super Bowl zu schaffen.
So wird das nicht mal für eine 8-8-Saison reichen. Da kann ich so oft drüber schlafen wie ich will.
Am heutigen Tag sind genau 15 Jahre vergangen seit 9/11, als Anschläge die USA in ihren Grundfesten erschütterten. 15 Jahre, in denen sich das Land verändert hat. Politisch. Ökonomisch. Humanitär. Militärisch. 15 Jahre, in denen Gesellschaftsbereiche aber auch unberührt blieben von Veränderungen.
Ich war gestern überzeugt, dass die Seattle Seahawks das Spiel bei den Cincinnati Bengals gewinnen können.
Die Motivation sollte passen – mit zwei Heimsiegen im Rücken und dem Ansporn des Duells gegen eines der momentan besten NFL-Teams. Und bis Anfang des vierten Quarters sah es auch so aus, als wären die Seahawks wieder auf Kurs. Doch was dann passierte, hat mich geschockt. Nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, möchte ich nun die Gründe nennen, die bei mir den Schock ausgelöst haben.
Meiner Meinung nach laufen momentan einige Dinge nicht optimal in Seattle. Eines der wichtigsten Puzzleteile war das Teamplay, der Zusammenhalt als und im Team. Das hat Seattle stark gemacht. Ich behaupte: Da sind inzwischen faule Äpfel bei den Seahawks im Korb, die langsam vor sich hinverwesen und andere infizieren.
Ich möchte an dieser Stelle auch direkt das erste Kind beim Namen nennen: Michael Bennett. Seit er mit dem Fahrrad durch das CLink gefahren ist, geht es mit seiner Leistung stetig bergab. Sicher, er hat ab und zu lichte Momente wie gestern, als er den Fumble zum Touchdown von Bobby Wagner verursachte. Allzu oft aber fällt er nur noch durch dumme Fouls (beispielsweise gestern, als er Andy Dalton völlig unnötig anging und die Seahawks so etwa 50 Yards Raumgewinn nach dem Pick von Earl Thomas wieder abgeben mussten) oder beim verursachen zahlreicher Offside-Strafen auf. Abseits des Spielfelds jammert Bennett seit Monaten, er sei unterbezahlt. Ständig fordert er mehr Geld für sich und für andere (Kam Chancellor). Seine Ansprüche gipfelten vergangene Woche in der Behauptung, einige Quarterbacks in der NFL seien völlig überbezahlt. Das gehe auf Kosten von Spielern wie Chancellor. Sich selbst nimmt er da selbstverständlich nicht aus als einen der Leidtragenden. Welche Spielmacher er mit seinen Aussagen meint, lässt er – mit Ausnahme von Sam Bradford – offen. Wir können uns alle denken, in welche Richtung das abzielt, nachdem Russell Wilson kurz vor der Saison einen neuen Vertrag unterzeichnet hat.
Auf einem ähnlichen Trip war zuletzt auch Kam Chancellor, der gegen die Cincinnati Bengals erschreckend schwach spielte, ein Schatten seiner selbst war. Wer selbst einmal Teamsport betrieben hat, weiß, wie schnell so etwas die Stimmung vergiften kann.
Deshalb sage ich inzwischen: Lieber Michael, danke für Deine Leistungen in den vergangen Jahren, doch es wird Zeit, sich zu trennen. Liebe Seahawks, traded ihn für ein paar schicke Picks und lasst Jungs ran, die mit dem Herzen bei der Sache sind. Auch Kam Chancellor sollte tunlichst zusehen, dass er sich auf das Wesentliche konzentriert. Nach den zwei Touchdowns für die Bengals, die er gestern federführend mitgestaltet hat, war zu erkennen, dass ihm Earl Thomas einiges mit auf dem Weg in Richtung Seitenlinie gab. Vermutlich berechtigte Worte eines Defensiv-Leaders. Doch diese hätte es in den vergangenen Jahren nicht gegeben, als das Team noch funktionierte – zumindest nicht in dieser gereizten Form. Ich nehme hier mal Richard Sherman als gutes Beispiel, der ein wahrer Lautsprecher ist – WENN es läuft. Momentan hält er sich zurück – absolut nachvollziehbar.
Nicht außer Acht lassen will ich aber auch, dass sich strategisch dringend etwas ändern muss: Wenn man schon einen Top-Center wie Max Unger für einen Top-Tight End wie Jimmy Graham eintauscht, dann MUSS man das Offensivspiel auch dementsprechend anpassen! Drei bis vier Pässe pro Spiel auf ihn sind viel zu wenig! Ändern die Seahawks das nicht, war es der größte Flop aller Zeiten! Und das ist dann definitiv nicht Graham anzurechnen. Die Play Calls in dieser Saison waren teilweise fragwürdig. Ebenso die Tatsache, dass Thomas Rawls durch Fred Jackson ersetzt wurde. Der Junge brannte gestern, deshalb muss er als Running Back durchspielen.
Ich persönlich schaue momentan nicht mehr auf die Playoffs. Es gibt dringende Baustellen, die man schnellstens beheben muss – sonst kann man sich schon früh aufs kommende Jahr vorbereiten.