„Thanks for asking!“ – Von »Won not done« zu »One and done«

Kommentar

Es wird da eine Szene beschrieben im kürzlich bei The Athletic erschienenen Feature-Artikel zum beispiellosen Absturz des Earl Thomas – die bleibt hängen. An einem Abend kurz vor der Saison 2014 ist die komplette Seahawks-Familie in Seattle zusammengekommen, um noch einmal den Super-Bowl-Titel der vorangegangenen Runde zu feiern – mit der Übergabe der Ringe.

Natürlich fließt Alkohol, natürlich ist die Stimmung gut – und natürlich kapselt sich Earl Thomas nach kurzer Zeit ab. Er fährt noch am selben Abend zurück aufs Trainingsgelände und sperrt sich zum Videostudium ein. Wie es ein erfolgshungriger, detailversessener All-Pro auf der Jagd nach der Unsterblichkeit eben tut. So zumindest erzählt es die Legende.

Sechs Jahre später ist Thomas nicht mehr der die National Football League revolutionierende Safety, nein. Er ist ein geschasster Ex-Superstar mit eigenem Stripclub namens „Area 29“ in Houston – und bei NFL-Teams unerwünscht. Auf dem Weg Richtung Hall of Fame ist er falsch abgebogen.

Der tiefe Fall vom hart arbeitenden Profi zur Persona non grata in der Liga – er findet sich als Mikrokosmos in der Spielzeit 2020 der Seattle Seahawks wieder. Es ist die Geschichte einer begeisternden Offensive. Einer, die fünf Wochen lang ihre Gegner abschießt, Touchdown-Rekorde jagt und – bedienen wir uns noch ein letztes Mal am Jargon der Saison – ein verdammt leckeres Süppchen kocht. Mit dem Unterschied, dass sich der Absturz der #LetRussCook-Seahawks nicht wie der von Thomas mehrere Monate oder gar Jahre hinzog. Er dauerte nur wenige Wochen.

Trotzdem wähle ich diesen Vergleich. Weil sich bei Earl Thomas wie bei den Seahawks Dinge nicht nur oberflächlich verschlechtert, sondern auch von innen heraus den Absturz vorangetrieben haben. Bei Thomas fallen uns sofort die Auseinandersetzung mit seiner Frau und die mit seinen Mitspielern bei den Baltimore Ravens ein. Bei den Seahawks sind es Russell Wilsons wilde Interceptions und beispielsweise Niederlagen gegen die Arizona Cardinals oder New York Giants. Aber am Ende waren all diese Dinge nur Symptome, die von tieferliegenden Ursachen an die Oberfläche gespült wurden.

Was lange verborgen blieb, war der selbst erteilte Sonderstatus, mit dem Thomas bei den Seahawks und Ravens Mitspieler und Trainer zur Verzweiflung trieb. Was auf dem Spielfeld nicht zu erkennen war, war die Unbekümmertheit, mit der die Verantwortlichen in Seattle den stotternden Offensiv-Motor zur Kenntnis nahmen.

Das hatte bei Thomas keine Konsequenzen, solange er Leistung brachte. Als er sie nicht mehr brachte, war es zu spät.

Das hatte bei den Seahawks keine Konsequenzen, solange sie siegten. Als sie nicht mehr siegten, war es zu spät.

Spox-Redakteur Adrian Franke hat noch einmal zusammengefasst, woran es bei den Seahawks am Ende haperte. O-Line, Play Calling, Quarterback, Offensive Coordinator – alle bekommen sie wie schon seit Wochen ihren Platz in den kritischen Artikeln. Die Laufverteidigung hat sich nach dem Ausscheiden ebenfalls einen Platz in der langen Liste verdient. Über die Gewichtung kann man streiten.

Auch wir haben als Redaktion auf der Website, in Podcasts und in den sozialen Medien in den vergangenen Wochen oft genug über die Schwächen des Teams berichtet. Wir haben vermeintlich harmlose Fehler im Game Management in unseren Spielberichten hart kritisiert – und wurden dafür belächelt. Wir haben vor einer Wiederholung der Playoff-Dramen 2018 und 2019 gewarnt – und wurden beraten, das Team doch erstmal machen zu lassen. Und wir haben Russell Wilson nach schwachen Spielen angegriffen – und wurden zurechtgewiesen, denn er sei doch schließlich der primäre Grund für den Erfolg der Seahawks.

„I wish we would have adapted better“, sagte Pete Carroll am frühen Sonntagmorgen nach dem Ausscheiden. Zu deutsch: „Ich wünschte, wir hätten bessere Anpassungen vorgenommen.“ Er sagte das mit demselben Unterton, mit dem er vor Wochen bereits die Nichtverpflichtung von Colin Kaepernick im Jahr 2017 oder 2018 bereut hatte. Es bleibt bei beiden Themen die Frage: Was – verdammt nochmal – hielt ihn davon ab?

Alles oder nichts? Alles und nichts!

Es bleibt als Erklärung nur, dass er nicht wusste wie. Oder dass er die Lage krass falsch einschätzte. Denn Carroll war zu diesem Zeitpunkt schon lange aufs Ganze gegangen. Er hatte in der Offseason Haus und Hof für einen Box-Safety eingetauscht, um eine zweite Legion of Boom zusammenzuwürfeln. Er hatte der Forderung nach mehr Verantwortung für seinen Quarterback nach Jahren endlich stattgegeben. Und lange sah zumindest in der Angriffsabteilung alles gut aus. Die O-Line blockte so gut wie noch nie in der Wilson-Ära. Das Team war gesund – und die Los Angeles Rams waren es auf einer Schlüsselposition nicht.

Das ist es, was mich stört an diesem Ausscheiden. Die Seahawks haben ihre größte Chance auf das Endspiel seit der historischen Pleite in Super Bowl XLIX verspielt, weil sie zu bequem waren. Sie haben die Pole Position verspielt, weil sie zu faul waren, in den vergangenen Wochen Anpassungen in der Offensive vorzunehmen. Sie haben sich zum dritten Mal in Serie zu früh und mit einem unwürdigen Auftritt aus der Postseason verabschiedet, weil sie zu optimistisch blieben, dass ihr Quarterback sich von alleine wieder aus dem Schlamassel ziehen würde.

So wie Earl Thomas sich irgendwann nicht mehr früh am Abend von Feierlichkeiten verabschiedete, um sich dem Filmstudium zu widmen. So wie er sich in seinem Ruf als hochmotivierter, das ganze Feld patrouillierender Free Safety sonnte und dabei kontinuierlich abbaute, haben die Seahawks sich nach Siegen zurückgelehnt in dieser Saison – und Niederlagen nicht richtig aufgearbeitet.

Trainer wie Spieler.

Die Ausreden sind Teil der Teamkultur geworden. Wenn Pete Carroll davon spricht, dass sein Team in den letzten Wochen der Saison immer wieder guten Verteidigungen gegenüberstand und es deshalb schwer hatte, lebt er diese Kultur der fadenscheinigen Begründungen vor. Denn eine starke, gut gecoachte Defensive – selbst die der Los Angeles Rams – darf nicht dazu führen, dass eine gute Offensive zu einer unterirdischen Offensive wird.

Wenn Tyler Lockett sagt, dass ein passlastiges Team für Gegner eben leichter auszurechnen sei, plappert er das nach. Denn noch vor einem Jahr belächelten Teams die Seahawks und stellten ihnen ob des lauflastigen Ansatzes die Box zu.

Und wenn Russell Wilson sich nach dem Ausscheiden darüber beschwert, dass der Offensive das Tempo gefehlt habe? Dann schießt er damit nicht nur gegen seinen Offensive Coordinator. Er nimmt sich auch aus der Verantwortung, die auch am Samstag wieder massig vorhandenen Kurzpass-Optionen zu sehen und sein Team geduldiger übers Feld zu führen.

Diese Verweigerungshaltung kulminierte in einer Niederlage in der Wild-Card Round gegen die Rams. In einem Execution-Desaster. Gegen ein Team, dass es trotz eigener Probleme in der Offensive einfach mehr wollte. Das gallig war, nachdem die Seahawks den NFC-West-Titel in Week 16 mit Zigarren und »Won not done«-Shirts gefeiert hatten. Das Seattles Offense nach zwei Aufeinandertreffen in und auswendig kannte.

Die Seattle Seahawks sind derweil »One and done« und stehen nach einer wertlosen 12-4-Saison vor einem Scherbenhaufen. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem die Kultur, die Pete Carroll seiner Mannschaft Jahr für Jahr einpflanzt (so sehr sie von Spielern gelobt wird), der Entwicklung der Franchise im Weg steht. Deren übermächtiger Head Coach verlängerte erst kürzlich seinen Vertrag bis 2025 und wird sich solange nicht aus dem Chefsessel bewegen, bis er verjagt wird oder ihn die Muße verlässt. Deren Draft-Kapital ist durch den Trade für Jamal Adams geplündert und deren finanzielle Flexibilität verschlechtert sich mit der kommenden Saison wohl drastisch. Und deren Koordinatoren sind gelähmt von der Spielidee ihres Bosses.

Der letzte Ausweg aus der Stagnation

Ich war immer sehr skeptisch, wenn es um eine Entlassung Pete Carrolls ging. Irgendwo hatte ich stets die Hoffnung, dass er doch noch einlenken würde. Einige Zeit lang sah er in dieser Saison auch wie ein Gewinner aus, als er seinem Team in der Offensive die Ketten abnahm. Doch jetzt sehe ich keinen anderen Weg mehr, als dieser Franchise und ihrem verunsicherten Spielmacher durch einen Trainerwechsel einen neuen Impuls zu geben. Und: zu einer No-Bullshit-Philosophie überzugehen.

Doch wir wissen alle, dass das nicht passieren wird.

Welche Schlüsse werden die Verantwortlichen aus dieser Saison ziehen? Am ehesten wohl, dass ihr Quarterback der Last der Verantwortung am Ende nicht gerecht wurde. Damit wäre das Experiment mit viel Passspiel bei den frühen Downs in neutralen Situationen, kurz #LetRussCook, beendet.

12-4. Die beste Offensive der Teamgeschichte. Reihenweise individuelle Franchise-Rekorde. All das wird in den Statistikbüchern das schwächste, enttäuschendste, unverzeihlichste Spiel der Carroll-Ära kaschieren. Und sie werden den Trainern abermals den Hintern retten.

Abermals? Als die Green Bay Packers nach ein paar Jahren Playoffs ohne Titel und dann zwei Jahren ohne Postseason die Notbremse zogen und Mike McCarthy entließen, brachte der Trainerwechsel schnell Resultate. Und das, obwohl Quarterback Aaron Rodgers nicht mehr wie der einstige MVP wirkte. Die Tatsache, dass der Spielmacher schon in den vorherigen Jahren strauchelte, sich mit seinem Trainer nicht verstand und die Bilanz darunter litt, kostete McCarthy wohl den Job. Nun blüht Rodgers, der designierte MVP der NFL-Saison 2020, wieder auf.

Russell Wilsons individuelle Klasse verhinderte in den vergangenen Jahren eine ähnlich negative Entwicklung bei den Seahawks. Jetzt steckt er im Formtief. Für den Moment hat das Saisonende den Status quo gesichert. Wenn der Quarterback 2021 nicht zu alter Stärke zurückfindet, könnte das den krassen Umbruch einleiten. Denn scheinbar provozieren nur mehr Niederlagen ein Hinterfragen.

Und wenn doch?

Dann können wir uns schon jetzt auf das nächste Déjà-vu im Januar 2022 einstellen.

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