“Thanks for asking!” – Meine Meinung zum NFL Draft 2017

Der Wecker klingelt, es ist 0.49 Uhr. War ich vorher noch etwas müde, ändert sich das spätestens beim diesjährigen NFL Draft-Heißmacher mit „The Roots“-Frontmann „Black Thought“, der die 2. Runde offiziell einläutet.

Der Draft-Abend zuvor hätte für Seattle besser nicht laufen können. Durch Trades mit den Atlanta Falcons und den San Francisco 49ers sicherten sich die Seahawks zwei Zweitrunden- und vier Drittrundenpicks. Damit konnten General Manager John Schneider und Head Coach Pete Carroll sicher arbeiten. Ich war aus einem ganz anderen Grund angespannt, denn der Outland Trophy-Gewinner von 2016, Offensive Tackle Cam Robinson (Alabama) war immer noch verfügbar. Auf die Nachricht, dass Seattle Robinson in den Pacific Northwest holen würde, hatte ich bereits die Nacht zuvor zweimal vergeblich gewartet.

Der zweite Draft-Abend ist gestartet, Green Bays Uhr läuft. Wenig überraschend schnappen sie sich einen Cornerback und in Kevin King auch noch einen Washington Husky. Dann wird es ernst, denn die Hawks werden gleich zum ersten Mal im diesjährigen Draft picken.

Doch als ich kurze Zeit später auf den unteren Bildschirmrand schaue, muss ich feststellen, dass sich das Video-Layout von Seahawks-Grün in Jaguars-Blau gewandelt hat.

In einer Art Schockstarre nehme ich wahr, dass die Hawks erneut einen Pick runter gegangen sind, im Tausch für einen Sechstrundenpick. Die Jaguars sind am Zug und dass die nun Robinson nehmen, ist glasklar. Genau das war die Baustelle Nummer eins der Seahawks – die Left Tackle Position. Minuten später lassen die Jacksonville Jaguars ebenjenen Pick verkünden.

Im Impuls hoffe ich anschließend zumindest auf Guard Forrest Lamp oder einen der verbleibenden Defensive Backs von den Washington Huskies. Sowohl Budda Baker als auch Sidney Jones würden ausgezeichnet in die Seahawks-Secondary passen. Doch stattdessen wählt John Schneider die Nummer von DE Malik McDowell.

Mein Problem dabei ist folgendes: Luke Joeckel, der zuvor von Jacksonville entlassen wurde, konnte in seiner bisherigen Karriere alles andere als überzeugen. Gary Gilliam zog es nach San Francisco. Zudem sah George Fant, der vor seiner Profikarriere keinen einzigen Football-Snap auf dem College gespielt hatte, 2016 gegen überdurchschnittliche Pass Rusher kein Land. Dass es davon in der NFC West allerdings viele  gibt, muss eigentlich nicht erwähnt werden.

Ein Cam Robinson mit drei Jahren College-Erfahrung, von denen er zwei erst mit dem Finalspiel der College Football Playoffs beendet hatte, wäre besonders auf der LT-Position hilfreich gewesen.

Nicht falsch verstehen: „Competition fuels the business“ – Konkurrenz belebt das Geschäft – und mehr Konkurrenzkampf in der D-Line ist keinesfalls schlecht, aber mehr Qualität in der O-Line ist bitter nötig. Von sechs Zweit- bzw. Drittrundenpicks hatte ich mir zumindest zwei Picks für die O-Line erhofft.

Seit 2010 hat kein NFL-Team im Draft mehr O-Line-Personal ausgewählt als die Seahawks. Doch offen gesagt zählt für einen Super Bowl-Kandidaten, wie es die Seahawks sind, nicht nur die Quantität, sondern vor allem die Qualität, denn auch im Kader der Seahawks ist letztendlich nur für 53 Spieler Platz.

Was mir gut gefallen hat, waren die vier Picks für die Secondary. Die Legion of Boom befindet sich vor entscheidenden Jahren. Earl Thomas ging mit einer schweren Verletzung in die Offseason, DeShawn Shead ebenfalls. Die Backups konnten die großen Lücken nicht ausreichend füllen, was besonders in der Divisional Round in Atlanta deutlich wurde. Kam Chancellor wird nach der kommenden Saison Free Agent und obwohl es wahrscheinlich ist, dass die Seahawks mit ihm verlängern werden, verpasste auch er 2016 fünf Spiele wegen Verletzung. Nicht zu vergessen die Differenzen, die es   in der Vergangenheit bezüglich der Entlohnung gab. Auch Richard Sherman spielte eine für seine Verhältnisse unterdurchschnittliche Saison und machte eher mit Unmutsäußerungen als mit guter Leistung auf sich aufmerksam. Trade-Gerüchte dauerten die ganze Offseason an.

Drittrundenpick Delano Hill sieht für mich sehr stark nach einem zukünftigen Backup-Safety aus. Hill spielt sehr körperbetont und ist sich nicht zu schade, nahe der Line of Scrimmage zupacken zu müssen. Allerdings wird er sich erst in den Special Teams beweisen müssen.

Bin ich mit dem Draft insgesamt zufrieden? Ja. Der Pick von Louisiana State C/OG Etan Pocic an 58. Stelle wird der O-Line sicherlich helfen. Gut möglich, dass er aufgrund seiner Flexibilität als RT eingesetzt wird. Und bei den Receivern, der Secondary sowie der Front Seven konnten sich Seattle gewiss verstärken.

Einen bitteren Beigeschmack hat das Draft-Wochenende für mich dennoch. Denn irgendwann will man die $87 Millionen-Investition Russell Wilson auch angemessen geschützt wissen. Dass die Seahawks deshalb die Option Cam Robinson oder Forrest Lamp ziehen, hatte ich inständig gehofft.

Etwas sagt mir, dass wir das noch bereuen könnten.

Menü