Über 1.000 Mal wurde das Saisonvorschau-Magazin der German Sea Hawkers in den vergangenen beiden Jahren heruntergeladen. Mit dieser unglaublichen Resonanz hatten wir nicht gerechnet, als uns die Idee zum Heft kam. Die Downloads haben uns angetrieben, 2022 zum dritten Mal viel Zeit und Mühe zu investieren – und auch diesmal Euer Feedback umzusetzen: Erstmals erscheint das Magazin 2022 auch als gedruckte Version.
Der öffentliche Teil des Training Camps und die Spiele der NFL-Preseason 2022 sind Geschichte. Für die Seattle Seahawks und Head Coach Pete Carroll geht es in zwei Wochen zum Saisonauftakt gegen Russell Wilson und die Denver Broncos. Bis es jedoch zum Duell mit dem ehemaligen Franchise-Quarterback im Lumen Field am Montagabend, 13. September, um 2:15 Uhr deutscher Zeit, kommt, stehen für das Trainerteam der Seahawks und alle anderen 31 NFL-Teams schwere Entscheidungen an. Die Frage lautet: Wer behält seinen Job, wer wird entlassen? Bis Dienstagabend (30. August 2022) um 22 Uhr muss jede Franchise von 80 Spielern 27 entlassen, um auf einen 53-Mann-Kader zu kommen.
Doch wer hat in der Saison-Vorbereitung die Coaches Carroll, Desai, Hurtt, Waldorn und Co. von sich überzeugt und sich einen Kaderplatz in Seattle gesichert? Wir schauen uns jede Position an und versuchen so nah wie möglich an den Roster der Seahawks, die 2022 in der Regular Season auch in München gastieren, am Dienstagabend heranzukommen.
„Es gab wahrscheinlich noch nie jemanden, der so groß und so schnell war, wie er“, sagte Pete Carroll nach dem NFL Draft 2022, als auf seinen neuen Cornerback Tariq Woolen angesprochen wurde. Der Vergleich mit Richard Sherman ist unvermeidlich. Im College zuerst Wide Receiver – dann zum Corner umgeschult. Er ist groß und mit langen Armen ausgestattet. Und wären das nicht schon genug Gemeinsamkeiten mit einem der besten Seahawks-Passverteidiger aller Zeiten, wurde Woolen auch noch genau wie Sherman in der fünften Runde des Drafts von den Seahawks gepickt.
Es könnte ein „match made in heaven“, wie die Amerikaner zu sagen pflegen, sein. Im Gespräch mit den Beat-Writern der Seahawks sagt Woolen über den Vergleich mit Sherman: „Es ist verrückt, in die gleichen Fußstapfen zu treten wie er.“ Das Potenzial des Texaners ist riesig. Nun liegt es am Coaching-Staff der Seahawks, es aus ihm herauszukitzeln.
An Tag 3 des NFL Drafts 2022 versöhnten John Schneider und Co. diejenigen Seahawks-Fans ein bisschen, die mit dem Pick von Ken Walker an Position 41 in der zweiten Runde nicht ganz warm geworden waren. Einen wesentlichen Teil trug der erste Pick an Tag 3 dazu bei: An Position 109 wählte das Front Office aus Seattle Cornerback Coby Bryant aus.
Mit dem Bryant-Pick sammelten die Seahawks, wenn man nach dem Consensus Big Board geht, an Position 90 ordentlich Value ein. Und das auf der Premium-Position des Cornerbacks. Bryant ist wohl der endgültige Beweis, dass die Seahawks nicht mehr an starren Leitlinien für Passverteidiger festhalten. Seine Arme sind mit 30 5/8 Inches von der 32 Inch-Marke ein gutes Stück weit weg. Darüber hinaus kann dieser Pick auch unter dem Motto „Tape over Testing“ verbucht werden. Er ist nicht der beste Athlet, aber ein wahrer Ballhawk: Neun mal fing er in seiner Karriere den Ball des Gegners ab. Gegenüber von Top-Prospect Ahmad „Sauce“ Gardner wurde er bei den Cincinnati Bearcats am College nicht selten getestet. Nichtsdestotrotz meisterte er seine Rolle als Field-Side-Corner in der Bearcats-Defense, 2021 häufig in Off-Coverage, ziemlich gut. Seine Stärken liegen auch auf dem nächsten Level höchstwahrscheinlich stärker in der Zonenverteidigung, als in enger Man-Coverage.
Bryant ist schon ein ziemlich „fertiger“ Spieler, der einen sehr hohen Floor, aufgrund seiner athletischen Limitierungen (RAS-Score: 5,61) wahrscheinlich jedoch nicht die Upside eines Top-10 Cornerbacks hat. Perspektivisch könnte Bryant mindestens den ersten Backup-Spot in der kommenden Saison holen. Gut möglich ist jedoch auch, dass er sich bereits einen der Starting-Spots ergattert. (mehr …)
Die Offensive Line der Seattle Seahawks befindet sich mal wieder im Umbau. Das zeigt die Neubesetzung im Coaching Staff (Andy Dickerson beerbte Mike Solari) und die mittlerweile fast jährlichen Rochaden innerhalb der Positionsgruppe. Mit Duane Brown und Brandon Shell verlassen wahrscheinlich zwei Veteranen das Team. Auf Center wurde dagegen Austin Blythe, ehemals Rams und Chiefs, verpflichtet.
Dazu passend erfolgte an Tag zwei des NFL Drafts 2022 die Selektion Abraham Lucas. Neben Charles Cross, der die linke Seite der Line besetzen wird, ist Lucas hier das perfekte Match für den Spot des Right Tackle. Auf dieser Position bestritt dieser seine gesamte bisherige Laufbahn am College von Washington State.
Mit der Auswahl von Kenneth Walker III von Michigan State waren die Seattle Seahawks in der zweiten Draft-Nacht in aller Munde. Kritisiert wurde hier in den meisten Fällen nicht der Spieler – dazu kommen wir später – sondern die Position des gewählten Talents. Das Front Office rund um Pete Carroll und John Schneider wählte erneut einen Running Back und gab einen hohen Draft-Pick für einen Spieler auf dieser Position aus. In den letzten drei Jahren gaben die Seahawks ligaweit das drittmeiste Draft-Kapital für Running Backs aus:
Damit investiert man enorme Ressourcen in eine Position, die in der NFL zunehmend unwichtiger wird. Zu sehr hängt die Performance eines Running Backs von den Umständen, vor allem der blockenden Offensive Line, ab. Und in der derzeitigen Phase des Teams und des Kaders, der öffentlich zwar nicht als Rebuild deklariert ist, aber de facto eben einer ist, ist ein so früher Pick für einen Running Back ein Luxus, den man sich eigentlich nicht leisten kann.
Die Idee des Front Office dahinter ist aber vermutlich relativ simpel. Mit den Picks der beiden Offensive Tackle Charles Cross und Abraham Lucas und dem Ziehen eines Running Backs will man neben der Verbesserung der Pass-Protection das Laufspiel stärken und damit dem doch eher zweifelhaften besetzten Quarterback-Raum mit Drew Lock und Geno Smith etwas die Last von den Schultern und den Ball aus den Händen nehmen. Und über die Qualität von Kenneth Walker gibt es dagegen wenig Zweifel.
Charles Cross ist es am Ende geworden: Mit einer gehörigen Portion Aufregung dürften die Anhänger der Seattle Seahawks den ersten Pick des NFL Drafts 2022 erlebt haben. Der erste Pick in der Ära nach Russell Wilson. Mit Pick #9 auch einer der Picks, der im Zuge des Blockbuster-Trades den Besitzer wechselte. So früh war das Team aus dem Pacific Northwest lange nicht mehr an der Reihe in der jährlichen Talentauswahl gewesen. Und man übertreibt nicht, wenn man diesen Draft als einen der richtungsweisenden Drafts der letzten Jahre bezeichnet.
Die Wahl fiel schlussendlich und ohne etwaige Trades auf den Offensive Tackle von Mississippi State. Dieser gilt als der beste Pass-Protector dieses Drafts und war der letzte verbliebende der Konsens-Top-3 Offensive Tackle der gesamten Draft-Klasse. Eine logische Auswahl, da er sowohl einen Bedarf adressiert als auch einer der besten verfügbaren Spieler auf dem Board war.
Und dann ist es tatsächlich doch passiert: Russell Wilson verlässt die Seahawks und wechselt zu den Denver Broncos. In Colorado wurde er am Mittwoch (16. März 2022) offiziell vorgestellt. Und obwohl das Gerücht eines Trades bereits mehr als ein Jahr im Raum stand, waren dennoch viele Seahawks-Fans vor mehr als einer Woche – als es dann doch passiert ist – geschockt. Die Seahawks ohne Wilson ist vergleichbar mit der Vorstellung eines FC Bayern ohne Thomas Müller.
Für die Dienste von Russell Wilson wechseln Tight Ende Noah Fant, Defensive Tackle Shelby Harris und Quarterback Drew Lock zu den Seahawks. Außerdem erhalten die Seahawks zwei Erstrunden-Picks, zwei Zweitrunden-Picks und einen Fünftrunden-Pick. Neben Russell Wilson geht ebenfalls ein Viertrunden-Pick der Seahawks nach Denver.
Das Recht selbst zu bestimmen, ob und wohin er getradet wird, hat Wilson in seinem Vertrag mit den Seahawks bei Vertragsverlängerung 2019 zugestanden bekommen. Deshalb konnte er nun selbst entscheiden, wohin er geht. Laut ESPN-Reporter Brady Henderson waren die Broncos sein Wunschziel.
Russell Wilson und die Seahawks: Schmerzhafte Trennung
ESPN zu Folge waren die Broncos allerdings nicht die einzigen, die sich für Wilson interessiert haben. Bis zu zwölf Teams sollen den Seahawks ein Angebot für einen Wilson-Trade gemacht haben. Am Ende haben Head Coach Pete Carroll und General Manager John Schneider sich für das Angebot aus Denver entschieden – auch weil sie keine andere Wahl hatten als Wilsons Wunsch zu respektieren.
Die Gründe für diese Trennung sind vielfältig. Auf der einen Seite forderte Russell Wilson seit einem Jahr mehr Mitspracherecht bei Personalentscheidungen und eine bessere O-Line. Auf der anderen Seite ist es ihm in den vergangen zwei Jahren nicht mehr gelungen, Topleistungen abzurufen – auch wenn im letzten Jahr seine Fingerverletzung definitiv dazu beigetragen hat. Am Ende sind sich Carroll, Schneider und Wilson in vielen Fragen nicht mehr einig gewesen. Eine schmerzhafte Trennung ist die Folge.
Für viele Seahawks-Fans – insbesondere in Deutschland – gehören die Seahawks und Russell Wilson zusammen, junge Fans kennen die Seahawks gar nicht ohne den Quarterback. Es wird seine Zeit brauchen, bis die Fans diesen Schock verdaut haben. Immerhin haben John Schneider und Pete Carroll noch einen draufgesetzt. Am Tag darauf folgte die Entlassung von dem einzigen anderen verbliebenen Spieler aus der Super Bowl-Mannschaft von 2013. Auch Bobby Wagner wird in der nächsten Saison wahrscheinlich nicht mehr für die Seahawks spielen.
Seattle Seahawks: Wer könnte Wilson und Wagner folgen?
Die Entscheidung, sich sowohl von Russell Wilson als auch von einer weiteren Franchise-Legende, Linebacker Bobby Wagner, zu trennen, zeigt in eine klare Richtung: den Rebuild. Denn die Ersparnisse durch den Wilson-Trade sind für dieses Jahr durch die Spieler, die von den Broncos im Gegenzug nach Seattle wechseln, zwar quasi bei null, dafür spart Seattle in den nächsten Jahren viel Geld. Die Entlassung von Bobby Wagner wirkt sich hingegen direkt auf das Cap Space aus. Seattle spart kommende Saison mehr als 16 Millionen Dollar.
Somit wird Seattle nun 39 Millionen Dollar – berechnet man auch Kosten für Rookie-Verträge mit ein – zur Verfügung haben, um in der Free Agency Spieler nach Seattle zu locken. Problem dabei: Seattle wird nach dem Abgang von Wilson kein attraktives Ziel mehr für Free Agents sein. Ohne guten Quarterback stehen die Erfolgschancen in der NFL nicht hoch. Könnte also sein, dass es für die Seahawks schwierig wird Spieler nach Seattle zu holen. Dabei wird etwas mehr finanzieller Spielraum in Verhandlungen helfen.
Die personelle Veränderung auf der Quarterback-Position hat womöglich auch Auswirkungen auf Spieler, die aktuell noch einen laufenden Vertrag in Seattle besitzen. Spieler wie Wide Receiver Tyler Lockett zum Beispiel könnten Wagner und Wilson bald folgen. Auf der anderen Seite wird es wichtig sein, wichtige Bausteine für das Team wie DK Metcalf, Darrell Taylor, Jamal Adams und Jordyn Brooks von dem Plan für die Zukunft zu überzeugen. Dies gilt speziell für DK Metcalf – dessen Vertrag nach der kommenden Saison endet.
Seattle Seahawks: Rookie oder Veteran?
Für DK wird es dabei neben dem Geld besonders auf eine Sache ankommen: Wer wirft die Bälle für die Seahawks in Zukunft?
Diese Frage müssen John Schneider und Pete Carroll beantworten. Drew Lock wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die langfristige Antwort sein. Somit haben die Seahawks im Großen und Ganzen zwei Optionen. Sie traden Picks für einen erfahrenen teuren Quarterback oder picken einen Quarterback im Draft.
Wofür sich Schneider und Carroll entscheiden, bleibt abzuwarten. Klar ist, dass Carroll bereits 70 Jahre alt ist und ein kompletter Rebuild mit ihm schwer vorstellbar ist. Auf der anderen Seite fällt es schwer sich auf eine womögliche Verpflichtung von Quarterbacks wie Deshaun Watson oder Jimmy Garoppolo zu freuen.
Carroll und Schneider: ein unberechenbares Duo
Die Hoffnung der Seahawks-Fans sollte darin stecken, dass die Seahawks sich für einen Quarterback aus dem College entscheiden. Zu viel spricht für junges Blut, das auch noch um einiges günstiger zu haben ist. Dabei müssen die Seahawks nicht unbedingt bereits in diesem Jahr sich für einen Quarterback entscheiden. Sie könnten auch erst nächstes Jahr sich einen Quarterback schnappen und diese Saison Drew Lock eine Chance geben.
Statements von Ownerin Jody Allen, Head Coach Pete Carroll und General Manager John Schneider zum Trade von Russell Wilson.👇🏼 https://t.co/Zqhg8g1Q9p
In welche Richtung die Seahawks sich bewegen, ist aktuell nicht klar. Pete Carroll und John Schneider ist alles zuzutrauen. Durchaus möglich, dass sich Carroll für den Weg ausspricht, der sein Team am schnellsten zurück in den Kreis der Titelfavoriten führt. Ob das kurzfristig unabhängig von der Lösung auf Quarterback möglich ist, kann jedoch durchaus infrage gestellt werden.
Ein Boxer im Ring muss wissen, wann er reagiert und wann er agiert. Wenn er nicht mehr aus der Verteidigungsposition gelangt und Schlag um Schlag kassiert, wird es nicht mehr lange dauern bis er K.O. geht. (mehr …)
Nach der absolut enttäuschenden Saison der Seattle Seahawks und noch vor Super Bowl LVI wollen wir in die Offseason 2022 starten und vorausschauen. Die Ownerin und das Front Office müssen in den kommenden Wochen und Monaten wichtige Entscheidungen treffen, um in der Saison 2022 einen konkurrenzfähigen Coaching Staff und das dazu passende Team aufs Spielfeld stellen zu können. Personal, Verletzungen, Finanzen, Spielplan – hier kommt der Überblick inklusive Ausblick.