Seahawks-Defensive Coordinator Ken Norton Jr. entlassen

Seahawks Coaches Carroll und Norton Jr. beratschlagen sich am Feld

Ein Boxer im Ring muss wissen, wann er reagiert und wann er agiert. Wenn er nicht mehr aus der Verteidigungsposition gelangt und Schlag um Schlag kassiert, wird es nicht mehr lange dauern bis er K.O. geht.

Ken Norton Jr., Sohn des legendären Boxers Ken Norton, dem es sogar gelang Muhammad Ali zu besiegen, musste auch einige Schläge einstecken. Ein paar Schläge zu viel, wie es scheint. Denn Ken Norton Jr. wird 2022 nicht mehr Defensive Coordinator der Seahawks sein.

Bob Condotta, Beat-Writer der Seattle Times, wusste als erstes Bescheid. Nach einem offiziellem Statement des Teams ist die Meldung nun perfekt. Während Seahawks-Fans gespannt auf Veränderung auf höherer Ebene in der Organisation gewartet haben, hat es nun einen Coordinator getroffen. Ken Norton Jr. ist allerdings nicht der Einzige, der seinen Job los ist. Auch Defensive Passing Game-Coordinator Andre Curtis wird 2022 nicht nach Seattle zurückkehren.

Norton Jr.’s Defense nicht zu vereinen mit Carroll-Philosophie

Zwei historisch schlechte Saisonstarts in Folge waren Pete Carroll am Ende wohl zu viel des Guten. Die Passverteidigung der Seahawks ließ in den ersten fünf Spielen der vergangenen Saison 451 Yards pro Spiel zu. Wäre das so weiter gegangen, hätten die Seahawks einen NFL-Negativ-Rekord gebrochen. Es wäre statt nur zu ein paar harten Treffern im Gesicht zum K.O. dieses Teams gekommen.

Nachdem Norton Jr. und Carroll sich dann jedoch darauf geeinigt hatten, dass sich etwas ändern musste, gelang Seattles Defense im zweiten Jahr in Folge die Wende in der zweiten Saisonhälfte. 2020 war der ausschlaggebende Faktor noch der Trade für Pass-Rusher Carlos Dunlap. 2021 war es die Entlassung von Cornerback Tre Flowers und der Seitenwechsel von Cornerback DJ Reed von der linken auf die rechte Seite.

Die Defense der Seahawks erlaubte am Ende der Regular Season zwar nur 21,5 Punkte pro Spiel, dennoch erlaubte Seattle gleichzeitig 379,1 Yards im Durchschnitt. Nur Seattles Team von 2001 kann diesen Negativwert überbieten, mit 399 erlaubten Yards pro Partie. Ein weiteres Problem von Norton Jr’s Defense in der vergangenen Saison waren die fehlenden Turnover – einer der Grundpfeiler Carrolls Philosophie. Seattles Defense produzierte in der vergangenen Spielzeit nur magere 18 Turnover. Das entspricht Platz 25 am Ende der Saison.

Weitere besorgniserregende Negativwerte der Seahawks-Defense sind unter anderem die meisten zugelassenen Yards after Catch in der NFL mit insgesamt 2540. Außerdem zündete der Pass-Rush erst kurz vor Ende der Saison. Hier befindet sich Seattle ebenfalls im letzten Drittel der NFL. Dunlap, Taylor und Co. konnten nur bei 22,2 Prozent der Pass-Spielzüge des Gegners Druck auf den gegnerischen Quarterback ausüben. Im Vergleich ist dem besten Team der NFL in dieser Kategorie das in 30,8 Prozent der Pass-Spielzüge des Gegners gelungen.

Ähnliche Probleme für Ken Norton Jr. in Oakland und Seattle

Bereits 2018, als Pete Carroll Ken Norton Jr. zurück nach Seattle holte, waren nicht viele begeistert über diese Verpflichtung. Norton Jr. wurde 2015 zum ersten Mal Defensive Coordinator. Nach der Super Bowl-Pleite gegen New England engagierte Jack Del Rio ihn in Oakland. Bis er 2017 dort gefeuert wurde, konnte seine Raiders-Defense nicht überzeugen.

Bereits während seiner ersten Defensive-Coordinator-Station hatte seine Defense ähnliche Probleme, wie auch die Seahawks-Defense im vergangenen Jahr. Wenig Turnovers, Probleme das Feld bei 3rd Down zu verlassen. Das sind Themen, die Seahawks-Fans nicht allzu fremd sind.

Doch die Verpflichtung von Norton war bereits damals nur logisch, trotz des Unverständnisses unter Seahawks-Anhängern. Sie passte ins Bild. Pete Carroll ist dafür bekannt ungern in fremden Gewässern zu fischen. Er fühlt sich wohler im heimischen See.

Ken Norton Jr.: Die Pete Carroll-Verbindung

Norton ist da nicht das einzige Beispiel für, wie Field Gulls bereits zu Zeiten von Nortons Rückkehr herausgearbeitet hat. Ganz im Gegenteil. Mike Solari, aktueller Offensive-Line-Coach war zum Beispiel 1995 bis 1996 Tight Ends Coach und Assistent Offensive Line Coach bei den San Francisco 49ers, als Carroll dort gerade Defensive Coordinator war. Solaris Vorgänger als Offensive Line Coach in Seattle, Tom Cable ist auf eine andere Art nach Seattle gelangt. Cable war 2007 bis 2008 Offensive Line-Coach der Raiders unter Lane Kiffin. Kiffin hat wiederum sechs Jahre lang unter Carroll bei USC gearbeitet.

Also entweder sind es Trainer mit denen Carroll bereits zusammengearbeitet hat oder es sind Trainer, die mit engen Vertrauten von Carroll bereits zusammengearbeitet haben. So können potenzielle Kandidaten für die Nachfolge von Norton Jr. unkompliziert ausgeschlossen werden. Auch wenn es zu Ausnahmen kommen kann, wie der Fall Shane Waldron zeigt.

Der erste Kandidat für den Posten des Defensive Coordinators ist somit wenig überraschend jemand, der bereits bei den Seahawks unter Vertrag steht. Clint Hurtt, seit 2017 Defensive-Line-Coach der Seahawks gilt als Kandidat Nummer eins. Hurtt, 43, ist ebenfalls Assistant Head Coach seit 2018.

Ohne Norton: Zweites Vater-Sohn-Gespann in Seattle

Hurtt ist auch nicht ohne Verbindung zu Carroll nach Seattle gelangt. Er war 2014 Assistant Defensive Line Coach bei den Chicago Bears. Head Coach in Chicago zur damaligen Zeit war Marc Trestman. Carroll und Trestman kennen sich seit mehr als dreißig Jahren. Sie haben in der Mitte der 80er Jahre als Position-Coaches gemeinsam die Vikings trainiert.

Hurtt hat bisher noch keine Erfahrung als Defensive Coordinator. Ein Grund, weshalb er Nortons Nachfolger werden könnte, ist dass er ebenfalls als Kandidat für den Posten des Defensive Coordinators an seiner Alma Mater in Miami gehandelt wird. Eine Beförderung von Hurtt wäre ein Weg den beliebten Coach in Seattle zu halten. Er genießt großen Respekt in der NFL und ist unter anderem für die Entwicklung von Poona Ford verantwortlich.

Der zweite Name, der als potenzieller neuer Defensive Coordiantor genannt wird, ist Ed Donatell. Donatell war von 2019 bis zum Ende dieser Saison Defensive Coordinator der Denver Broncos unter Head Coach Vic Fangio.

Der Name Donatell hat selbstverständlich auch Verbindungen zu Carroll. Ed Donatell war zur gleichen Zeit Teil des Jets-Coaching Staffs als auch Carroll dort zuerst Defensive Coordinator und dann Head Coach war. Der Sohn von Ed Donatell, Tom ist aktuell sogar Quality Control Coach der Defensive von Seattle. Wahrscheinlich auch dank der Verbindung seines Vaters zu Carroll.

Norton-Nachfolger: Dan Quinn-Rückkehr ist unwahrscheinlich

Hier könnte es eine weitere Familienzusammenführung geben. Dann würde es zwei Vater-Sohn-Paare im Seahawks-Coaching Staff geben. Pete Carrolls Sohn, Nate Carroll ist aktuell Wide Receiver-Coach der Seahawks. Auch dessen Bruder Brennan Carroll war mal Assistant Offensive Line Coach der Seahawks. Carroll ist nun mal ein Familienmensch.

Und nun kommt das Beste: Der Dritte Kandidat im Bunde für den offenen Posten ist Bears-Defensive Coordinator Sean Desai. Alle drei Kandidaten haben zusammen bei den Bears als Assitenten von Vic Fangio gecoacht. Das Interesse an Desai lässt sich somit ganz einfach durch Carrolls Beziehung zu Ed Donatell und Clint Hurtt herleiten, die zu Carrolls Vertrauten zählen und Desai gut kennen.

Kandidaten wie Vic Fangio oder Dan Quinn sind hingegen eher unwahrscheinlich. Beide werden aller Wahrscheinlichkeit nach die Chance bekommen, erneut einen Head Coaching-Job zu landen.

Es ist also zu erwarten, dass der Nachfolger von Ken Norton Jr. eine Verbindung zu Pete Carroll hat. Alle Kandidaten, die bisher als potenzielle Nachfolger gelten, können eine glasklare Verbindung zu Carroll aufweisen. Aber wer weiß, vielleicht überrascht uns Pete am Ende ja noch einmal. Eine Fähigkeit sollte der neue Defensive Coordinator der Seahawks-Defense jedoch verleihen können: Die Fähigkeit, Schläge auszuteilen, anstatt sie nur einzustecken.

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