Habemus Offensive Coordinator! Die Seahawks holen Shane Waldron

Shane Waldron

Brian Schottenheimer raus, Shane Waldron rein. Und wer jetzt „Shane wer?“ fragt, gewöhnt sich am besten direkt an den Namen. Denn das ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der des neuen Offensive Coordinators der Seattle Seahawks. Ziemlich genau drei Wochen nachdem Schotty seinem Platz am Lake Washington räumen musste, stieg am Dienstagabend Ortszeit über dem VMAC der obligatorische weiße Rauch auf. Frei nach dem Motto: „Habemus Offensive Coordinator!“

Als erstes verkündete der meistens gut informierte ESPN-Mann Adam Schefter die Nachricht auf Twitter. Dann sickerten nach und nach auch Details dazu durch, wie und vor allem wer Waldron von den Seahawks überzeugte. So wird kolportiert, dass nicht nur das Front Office um General Manager John Schneider und Cheftrainer Pete Carroll bei der Kandidatenauswahl die Entscheider waren. Auch Quarterback Russell Wilson soll ein Wörtchen mit- und sich für den Kandidaten ausgesprochen haben. So wie er es nach dem Saisonende unverblümt gefordert hatte. Damit sind aber die Hauptfragen noch nicht geklärt: Was können die 12s von dem neuen Offensiv-Mastermind erwarten? Und kann er das zuletzt stotternde Angriffsspiel wieder in Schwung bringen?

Das ist Seahawks-Offensive Coordinator Shane Waldron

Zunächst einmal zur Person: Shane Waldron wurde am 17. August 1979 in Portland, Oregon, geboren. Von dort sind es nur etwas über 280 Kilometer bis nach Seattle und damit ins Hauptquartier der Seahawks, was ihn schon fast zu einer Art „Local Boy“ macht. Nach der High School wechselte er von der US-Westküste an die Ostküste. Im US-Bundesstaat Massachusetts studierte er an der Tufts University. Dort spielte er zwischen 1999 und 2002 als Tight End und Long Snapper. Weil er es als Aktiver nicht aufs NFL-Spielfeld schaffte, wechselte der heute 41-Jährige quasi direkt an die Seitenlinie.

Zwischen 2005 und 2007 war er zunächst Assistenztrainer an der Uni bei den Notre Dame Fighting Irish, bevor es dann zu den Profis ging. Weit musste Waldron dabei nicht fahren, denn er wechselte nach Boston zu den Patriots. In New England lernte er zwei Jahre lang unter Bill Belichick. 2008 war er als Trainer für die Videoanalyse zuständig und wurde 2009 zum Tight-End-Coach befördert. Danach folgten fünf Jahre NFL-Pause mit Stationen in der United Football League (UFL), an einer Privatschule und an der University of Massachusetts. 2016 ging es schließlich zum heutigen Washington Football Team, wo der Mann aus Oregon auf einen gewissen Sean McVay traf. Unter ihm als Offensive Coordinator war er ein Jahr lang wieder für die Videoanalyse verantwortlich.

2017 durfte Shane Waldron dann in der US-Hauptstadt seine Sachen packen, nachdem sein Boss Cheftrainer bei den LA Rams wurde. Sein Werdegang in der Stadt der Engel: Tight-End-Coach (2017), Passspiel-Coordinator (2018 bis 2020) sowie Quarterback-Coach (2019). Vor der Saison 2020 entschied sich McVay dagegen, Waldron zum neuen OC zu machen und stattdessen für seinen anderen Washington-Weggefährten Kevin O’Connell.

Das ist der Coaching-Stil von Shane Waldron

Nach vier Jahren in Kalifornien geht es für Shane Waldron jetzt also zu den Seattle Seahawks. Hier ist er erstmals auf Profi-Level Offensive Coordinator (Play Caller zuletzt an der High School). Und obwohl er in der NFL außerhalb der Preseason noch nie einen einzigen Spielzug gecallt hat, zeichnet sich in der Art und Weise, wie die LA Rams unter seiner Regie ihr Passspiel in der McVay-Ära aufzogen, schon ein Bild von seinem Stil ab. Auf den ersten Blick fällt auf, dass Waldron gerade einem Mann zugutekommen wird: Russell Wilson. Da ist man sich sogar bei den Rams sicher.

 

Seit er 2018 die Regie im Passspiel in LA übernahm, hat Waldron bewiesen, dass er ein starker Verfechter von Play Action (PA) und Bootlegs ist. Genau das ist auch eine der Stärken von Wilson, der am besten agiert, wenn er mobil sein und die Pocket verlassen darf. Unter Brian Schottenheimer war das Konzept in der abgelaufenen Saison bei den Seahawks nicht mehr so angesagt. Denn obwohl Russell Wilson im Jahr 2020 insgesamt 42 Passversuche mehr bekam als noch 2019, durfte er dabei neun Play-Action-Pässe weniger werfen. Zum Vergleich: Die Rams waren in den vergangenen beiden Jahren das Team mit den meisten Play-Action-Versuchen in der NFL.

Ein weiteres Detail, das bei der Philosophie von Seattles neuem Offensive Coordinator in Los Angeles aufgefallen ist: Kreativität. Gerade im Bereich der Passkonzepte und der Wege, wie Waldron Rams-Quarterback Jared Goff bei Play Action aus der Pocket laufen ließ. Denn obwohl die Gegner auf die hohe PA-Quote vorbereitet waren, war der Rams-Spielmacher selten mittellos. So fand er immer wieder Möglichkeiten, um seine Receiver und auch verstärkt die Tight Ends offen anzuspielen. Dazu dürften auch die Freunde der „Let Russ cook“-Bewegung ihre Freude an Waldron haben. So war und ist der NFC-West-Rivale statistisch gesehen eines der passlastigsten Teams der Liga bei ersten und zweiten Versuchen in neutralen Situationen.

Das ist die große Unbekannte

Der moderne Passspiel-Ansatz bedeutet aber nicht, dass sich Waldron mit einer lauflastigen Offensive nicht auskennt. Insgesamt waren die Rams über seine vier Spielzeiten in Los Angeles nur auf Platz 25 in Sachen Quarterback-Dropbacks. Mit Blick auf Pete Carrolls Vergangenheit und Ruf macht es Sinn, dass der neue OC sich auch in diesem Bereich wohl fühlt – wenngleich er mit dem Laufspiel in LA nichts zu tun hatte. Dass die Seahawks seinen Stil unverändert umsetzen, ist unwahrscheinlich. Bereits 2018 blieben drastische Veränderungen mit der Verpflichtung von Schottenheimer aus.

Ein größeres Fragezeichen steht diesbezüglich noch hinter der O-Line-Struktur. Die Seahawks setzten in den vergangenen drei Jahren unter Mike Solari auf große, schwere Linemen (Power Zone; auf Inside-Läufe ausgelegt). Die Rams spielten zuletzt Wide Zone. Waldron könnte den Umbau zurück zu athletischen Spielern vorantreiben (wie unter Tom Cable einst). Aktuell stehen nur acht O-Liner unter Vertrag, Seattle geht meist mit der knapp doppelten Zahl ins Training Camp. Die Alternative: Der neue Offensive Coordinator passt sich der aktuellen Philosophie an.

Eine weitere Stärke von Shane Waldron ist seine menschliche Seite. So schwärmte sein jetzt Ex-Chef Sean McVay schon 2018 von ihm: „Er ist ein phänomenaler Coach. Kommunikation ist sein Steckenpferd. Shane hat die seltene Gabe, nicht nur mit Trainern authentisch und ehrlich umzugehen, sondern auch mit Spielern. […] Bei ihm geht es immer darum, Probleme zu lösen – und zwar gemeinsam.“

Eine tiefere Analyse, was Shane Waldron den Seahawks als Offensive Coordinator bringen kann, gibt es nächste Woche in der Trainer-Folge des Ballhawks-Podcasts.

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