Eine Liebeserklärung an Bobby Wagner

Bobby Wagner

Bobby Joseph Wagner. Im Jahr 2012 pickten die Seattle Seahawks den Middle Linebacker der Utah State University im NFL Draft an 47. Stelle. Warum Head Coach Pete Carroll und General Manager John Schneider hier in der 2. Runde zuschlugen? Weil sie in dem jungen Linebacker aus Kalifornien enormes Potenzial sahen – zurecht. Denn direkt nach seinem Wechsel vom College zu den Profis sicherte sich Wagner noch während seiner Rookie-Saison einen Stammplatz in der Defense. Ein Jahrzehnt später hat sich daran absolut nichts geändert, im Gegenteil. Als Pro Bowler, All-Pro und Super-Bowl-Champion nimmt Bobby Wagner schon anno 2021 unaufhaltsam Kurs auf die Pro Football Hall of Fame.

Die abgelaufene Spielzeit war da keine Ausnahme. In der Saison 2020, in der die Defense der Seahawks teilweise auf Kurs war die schlechteste aller Zeiten zu sein und die Offense ebenfalls Achterbahn mit den Gefühlen der 12s fuhr, gab es im gesamten Team gefühlt nur eine Konstante. Ihr Name: Bobby Wagner. Kein Spieler im gesamten Roster stand bei so vielen Spielzügen (1.141 Snaps) auf dem Feld wie der Mann mit dem goldenen Captain-Aufnäher auf der Brust. Alleine das ist – neben vielen anderen Tatsachen (siehe unten) – für mich nach einer turbulenten Spielzeit Grund genug, eine Liebeserklärung an Bobby Joseph Wagner zu schreiben.

Bobby Wagner… der Anführer

Warum ist Nummer 54 so wichtig für die Seahawks? Eine Antwort auf diese Frage braucht man gar nicht lange zu suchen. Obwohl man das in einer Saison wahrscheinlich an dutzenden Szenen festmachen könnte. Aber ausgerechnet in der bitteren Niederlage gegen die Los Angeles Rams von vor vier Wochen in der Wild-Card Round findet sich für mich ein Paradebeispiel: Fünf Minuten waren im Lumen Field im dritten Viertel gespielt. Beim Spielstand von 23:10 für die Gäste hatte es die Defense gerade wieder geschafft, die Offense der Rams zu stoppen und einen Punt zu erzwingen. Während sich die Verteidiger darauf freuten, an der Seitenline durchatmen zu dürfen, fing Cornerback D.J. Reed den Kick. Er trug den Ball einige Yards zurück und ließ ihn sich dann an Seattles 36-Yard-Linie aus der Hand schlagen.

Ein Fumble – und schon war die ausgepumpte Defense der Seahawks sofort wieder auf dem Kunstrasen gefordert. In diesem Moment fängt ein Kameramann Bobby Wagner in der TV-Übertragung ein. Etwa 20 Sekunden ist der Linebacker in Nahaufnahme zu sehen. Er ist verschwitzt, seine Augen starren erschöpft in die Ferne und er atmet so schwer, dass seine Schulterpolster zu beben scheinen. Doch dann ändert sich alles, als ob jemand einen Lichtschalter angeknipst hätte. Innerhalb von Sekundenbruchteilen ist Wagner hellwach. Während sein Blick die Aufstellung der Rams messerscharf abscannt, bellt Nr. 54 seine Mitspieler den angesagten Spielzug entgegen. Und obwohl die beiden nächsten Plays in 15 Yards Raumgewinn für LA resultieren, bleibt das Ergebnis hier jeweils das gleiche: Am Ende setzt Bobby Wagner das Tackling.

Dieser Einsatz, diese Führungsstärke im Angesicht der drohenden und am Ende auch tatsächlichen Niederlage ist es, warum wir BWagz alle so lieben. Gefühlt ist der Wille des Linebackers nicht zu brechen, mehr zu dem „Warum“ später. Ein weiterer Beweis: So lag er ebenfalls gegen die Rams am Boden und musste behandelt werden. Eine Tatsache, die aufgrund von Wagners jetzt schon legendärer Schmerztoleranz Schlimmes vermuten ließ. Doch Bobby wäre nicht Bobby, wenn er nach einer kurzen Behandlungspause in der Kabine wieder an der Seitenlinie auftauchen würde, um in LAs nächsten Offensiv-Drive erneut auf dem Feld zu stehen.

Bobby Wagner… der Lehrmeister

Nach dem Ende der Legion of Boom mussten es Seahawks-Fans häufiger mitansehen, dass ihr Team defensiv teilweise vorgeführt wird. In diesen Fällen hat sich in Seattle eine Art Ritual entwickelt: die Brandrede an der Seitenline. Dabei immer mittendrin und der absolute Wortführer: Bobby Wagner. Wenn der Kapitän hier lautstark seine Ansagen macht, um seine Mitspieler wachzurütteln, dann hängen gerade die Rookies an seinen Lippen.

In den letzten Jahren mehr als noch davor. Mit Cody Barton und Ben Birr-Kirven (in 2019) sowie Jordyn Brooks (in 2020) haben die Seahawks nämlich drei vielversprechende Linebacker-Talente in den Pacific Northwest geholt. Auf dem Weg zu einer hoffentlich langen Karriere in der NFL hilft ihnen dabei nicht nur der Coaching-Staff an der Seitenline. Auf dem Feld sind sie auch mit einem halben Spielertrainer gesegnet, der eben Nummer 54 trägt. Das Bobby Wagner sein Wissen aus zehn Jahren NFL weitergeben will, damit hält er gar nicht hinter dem Berg. So ist sein Anruf bei Brooks wenige Minuten nach seinem Pick im Draft jetzt schon Legende.

Ähnlich wie es Russell Wilson bei DK Metcalf 2019 machte, klinkte Wagner sich direkt bei dem Rookie ein, um ihm den Einstieg in die NFL so einfach wie möglich zu machen. Schließlich wusste er genau aus der persönlichen Erfahrung heraus, was nach dem Draft auf ihn warten würde. Im Alter von gerade einmal 30 Jahren ist er eben bereits ein weiser Mann:

Für Brooks selbst waren es zunächst nicht die Fähigkeiten auf dem Feld, die er sich von Wagner und seinem siamesischen Linebacker-Zwilling K.J. Wright abschauen konnte: „Ich will mich hier nicht einschleimen, wenn ich sage, dass die beiden morgens die Ersten im VMAC sind und abends die Letzten die gehen.“ Das sich das Kopieren dieser Arbeitseinstellung auch auf dem Feld auszahlt, zeigte sich bei Brooks gegen Mitte der Saison. Hier verdrängte er nämlich Wright von seiner Position als zweiter Starting-Linebacker auf der „weak side“ (WILL).

Wie wichtig die Präsenz von Wagner auf dem Feld für den Rookie ist? Dass sahen die 12s im Heimspiel der Seahawks gegen die Rams in Woche 16. Bei einem Pass von LA-Quarterback Jared Goff in zweiten Quarter war Brooks zur Deckung der mittleren Zone und damit indirekt für Tight End Gerald Everett eingeteilt. Nach dem Snap folgt er aber stattdessen seinem Captain an die Außenlinie, um den Lauf des Running Backs zu stoppen. Die Folge: Obwohl er nicht angespielt wird, steht Everett die ganze Zeit blank. Und das hatte Bobby Wagner mit seinem fast schon außerirdischen Spielverständnis im Augenwinkel gesehen. Entsprechend schaltete er sofort in den Lehrmeister-Modus. So wies er den Rookie im kurzen Vier-Augen-Gespräch auf seinen Fehler hin und erklärte ihm, was die Rams hier vorhatten.

Und siehe da. Als die Gäste wenige Plays später genau den gleichen Spielzug aufrufen, ist die neue Nummer 56 der Seahawks zur Stelle. Nach Wagners Tipp hält er die Mitte, lässt sich nicht locken und schlägt den Ball erfolgreich weg, der diesmal in die Richtung des Tight Ends geflogen kommt. Und das Spannende daran: Es war nicht einmal das beste Play von Jordyn Brooks an diesem Abend.

Schließlich war er es, der beim heroischen Goal-Line Stand Ende des dritten Quarters beim vierten Versuch und einem Yard dafür sorgte, dass die Rams ohne Punkte blieben. Auf Anweisung von Bobby Wagner, der hier schon ahnt, dass die Rams einen Lauf über die rechte Seite planen, wird Brooks auf genau diese Position geschickt. Nach dem Snap kann er so direkt durch die Blocker der Offense schießen. Im Backfield bringt er dann Malcom Brown mit seinem Tackling entscheidend zum Stolpern, bevor seine Kollegen sich vor der Endzone auf den Running Back werfen können.

Bobby Wagner… der Familienmensch

Kennt ihr Quinncey Wagner? Nein? Kein Wunder, denn über seine Tochter spricht Bobby Wagner fast nie, anders als zum Beispiel Seahawks-Quarterback Russell Wilson. „Ich spreche in den Medien oder auf Social Media eigentlich ungerne über sie, weil ich versuchen möchte, ihr ein normales Leben zu ermöglichen. Ich bin als Vater sehr beschützend und deshalb bin ich da sehr strickt. Aber ihre Persönlichkeit macht es schon ziemlich schwierig, weil sie sehr freimütig ist“, erklärte Wagner 2018 in einem Radiointerview. Wer die Mutter seiner Tochter ist, ist bis heute unbekannt. Sicher ist nur, dass Quinncey kurz nach dem Tod ihrer Großmutter im Jahr 2009 das Licht der Welt erblickte.

Oma Phenia Wagner ist auch der Grund, warum ihr Sohn, immer wenn er Zuhause in Kalifornien ist, statt einem fetten SUV einen Lexus (Baujahr 2008) fährt. Das Auto ist Wagners Ein und Alles. Nachdem seine Mutter vor 13 Jahren einen Schlaganfall hatte und nicht mehr selbst fahren konnte, schenkte sie ihm aus dem Krankenhaus am Telefon ihr Auto. Seitdem hütet er den Wagen wie seinen Augapfel. Erst Ende 2020 ließ Bobby Wagner den Lexus komplett überholen. „Neue Felgen, neuer Lack, alles“, berichtete der Middle Linebacker in einer Zoom-Pressekonferenz im VMAC lächelnd. Schließlich will er ihn für immer fahren.

Überhaupt gibt es für Bobby Wagner eigentlich nichts Wichtigeres als seine Mutter. Sie war es, die ihn dazu antrieb am College für Utah State zu spielen. Es war die einzige Schule, die ihm überhaupt ein Stipendium anbot. Doch nachdem der Sunnyboy zum Vorgespräch nach Logan, Utah, geflogen war und es ihm im Mormonenstaat viel zu kalt war, ließ Mama Wagner nicht locker. Und so blieb Bobby nichts anderes übrig, als in Utah den Grundstein für seine Hall-of-Fame-Karriere zu legen. Dabei immer mit dabei: Sein knallgrüner Ninja-Turtles-Rucksack. Ein Accessoire, dass der Linebacker fast überall trägt – sogar beim Super Bowl.

Auch das ist übrigens eine Hommage des Familienmenschen an seine Mutter, der er vor jedem Kickoff in der Endzone kniend gedenkt. Als Kind durfte Wagner mit dem OK von Mama immer die Zeichentrickserie über die Karate-Schildkröten im Fernsehen schauen. Zum Geburtstag gab es von ihr immer Turtles-Geschenke und nach ihrem Tod 2009 kaufte sich ihr Sohn eben diesen Rucksack. Als Erinnerung an eine Leidenschaft, die er mit seiner Mutter teilte. Entsprechend eng hängt Wagner an der Tasche. So bettelte er im Dezember 2014 auf Twitter den oder die Unbekannte an, die kurz zuvor in sein Auto eingebrochen war und seine Sachen geklaut hatte. „Alles, was ich zurückhaben möchte, ist dieser Rucksack“, schrieb er damals. Und siehe da: Wenige Tage später wurde der grüne Schildkrötenpanzer aus Kunstleder vor dem VMAC abgelegt.

Bobby Wagner… der HBCU-Unterstützer

Wenn es um gemeinnützige Aktivitäten geht, hält sich Wagner meist bedeckt, so wie bei seinem Familienleben. Im Falle seiner Unterstützung für Historically Black Colleges and Universities (HBCU) ist das jedoch anders – und zwar aus einem guten Grund. HBCUs gibt es seit Mitte des 18. Jahrhunderts. Die in der Gesamtbevölkerung wenig bekannten Bildungseinrichtungen bieten einer Gruppe benachteiligter Menschen Möglichkeiten, die sie anderswo nicht haben. Um auf die Hochschulen aufmerksam zu machen, trug Wagner 2019 bei Pressekonferenzen immer wieder Hoodies der verschiedenen Universitäten und Colleges.

Über 100 HBCUs vermitteln Schwarzen in den USA kulturelle und pädagogische Erfahrungswerte. Sie sind in dieser Funktion elementar für den Aufstieg schwarzer Berufstätiger (der ihnen anderswo verwehrt bleibt). Doch sie bieten oft nicht die gleichen Kurzzeit-Programme zur Weiterbildung an, die Wagner für sich selbst suchte und beispielsweise an der Harvard Business School fand. Das möchte der Linebacker ändern. Um anderen Schwarzen die Möglichkeit zu geben, finanzielle Entscheidungen eigenständig zu treffen. Ohne derartige Fortbildungen hätte Wagner wohl nie seinen Rekordvertrag selbst aushandeln können.

2019 war Bobby Wagner der Nominierte der Seahawks für den Walter Payton Man of the Year Award, den ein Jahr später Russell Wilson für seine Aktivitäten abseits des Spielfelds gewann. Er gewann damals zwar die Auszeichnung nicht wie diese Saison sein Teamkollege, doch die 50.000 US-Dollar Preisgeld für die Nominierung gingen dennoch an die HBCU Foundation. Payton besuchte übrigens selbst einst eine HBCU-Institution, die Jackson State University. Deren Hoodie trug Wagner vor dem letzten Auswärtsspiel der Regular Season 2019.

Bobby Wagner… der Hall of Famer

Ich weiß, es mag unter den 12s wahrscheinlich etwas umstritten sein, doch ich sage es hier zu Beginn der Offseason 2021 trotzdem ganz deutlich: Bobby Wagner wird von den in Seattle noch aktiven Seahawks der nächste sein, der bald in Canton, Ohio, ein goldenes Jackett angelegt bekommt. Warum? Quarterback Russell Wilson ist zwar (wenn er in Form ist) ein wahrer Football-Magier und hat seinen Platz in der Hall of Fame ebenfalls fast schon sicher. Doch er ist nicht der einzige Spieler in Seattle, der Highlights produzieren kann:

Mit Plays wie diesem, übrigens der (geteilte) längste Interception-Return-Touchdown eines Linebackers in der Geschichte der NFL, hat sich Wagner jetzt schon eine Bronzebüste reserviert. Und wenn das nicht reicht, dann sprechen seine restlichen Statistiken einfach für sich. Beispiele gefällig?

  • Ray Lewis ist statistisch gesehen der beste Middle Linebacker aller Zeiten. Er wurde siebenmal ins First-Team All-Pro der Associated Press (AP) gewählt. Bobby Wagner – Stand 2021: sechsmal.
  • Ex-49er Ahmad Brooks hat mit 97 die meisten Quarterback Hits als Linebacker in der NFL-Geschichte auf seinem Konto stehen. Bobby Wagner – Stand 2021: 75.
  • Hall of Famer Brian Urlacher war bis zum Ende der Saison 2020 ein Unikum. Er war der einzige Linebacker seit Ligagründung, der in neun aufeinanderfolgenden Spielzeiten jeweils mehr als 100 Tacklings aufweisen konnte. Am 30. November 2020 zog Bobby Wagner im Auswärtsspiel in Philadelphia mit der Legende der Chicago Bears gleich.
  • Dazu ist Bobby Wagner Mitglied eines weiteren elitären Clubs. Dieser hat mit Junior Seau, Derrick Brooks, Lance Briggs, Ray Lewis, Brian Urlacher, Luke Kuechly und Zach Thomas nur sieben weitere Mitglieder. Alle acht sind Linebacker und die einzigen auf ihrer Position, die seit dem Jahr 1987 in ihrer Karriere mindestens 1.000 Tacklings sammeln konnten und dabei in sechs Pro Bowls gewählt wurden.

Anhand dieser Zahlen stelle ich zum Abschluss dieser Liebeserklärung fünf Thesen auf:

  1. Bobby Wagner ist (Stand Februar 2021) aktuell vollkommen zurecht der bestbezahlte Middle Linebacker der NFL.
  2. Bobby Joseph Wagner wird der letzte Spieler der Seattle Seahawks sein, der die Trikotnummer 54 getragen hat.
  3. Super Bowl XLVIII wird nicht der einzige sein, den Bobby Wagner in seiner Karriere mit den Seattle Seahawks gewinnt.
  4. Wagners noch immer steigender Vereinsrekord von aktuell 1.213 Tacklings wird nie von einem Seahawk gebrochen werden.
  5. In zehn Jahren, wenn die Seahawks in einem Spiel in der Defense wieder einmal heftig straucheln, werden viele 12s trotzdem ein Lächeln auf den Lippen haben. Sie werden sich denken: „Mensch, waren das Zeiten, als Bobby Wagner noch für Seattle auf dem Feld stand!“
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