Wer bei der großen Party der Sea Hawkers am Vorabend des London-Spiels der Seattle Seahawks im Oktober 2018 dabei war, der wird die Fahnen bemerkt haben, die über dem Eingangsbereich der Bar in im Stadtteil Leadenhall hingen. Da war die weit und breit bekannte weiße 12 auf hellblauem Hintergrund, daneben der grün und dunkelblau eingefärbte Union Jack der UK Sea Hawkers – und eine den meisten Anwesenden bis dato unbekannte Fahne, auf der eine große 3 weiß auf weinrot abgebildet war.
Diese Zahl steht für Tyler Hilinski. Sieht steht für einen jungen Mann, dem die Zukunft gehören sollte. Sie steht auch für die allgegenwärtigen Gefahren der Sportart American Football. Und sie steht inzwischen für Hilinski’s Hope, eine Wohltätigkeitsorganisation, die Hilinskis Eltern nach dessen Tod gegründet haben. Denn Tyler Hilinski nahm sich am 16. Januar 2018 im Alter von 21 Jahren das Leben. Er war zu diesem Zeitpunkt Backup-Quarterback der Washington State Cougars in Pullman und sollte im Folgejahr als Starter das Team seiner Universität lenken. Doch soweit kam es nie.
[/vc_column_text][vc_column_text]
Nach seinem Tod stellten Ärzte bei Tyler Hilinskis Obduktion CTE ersten Grades fest. Der Quarterback habe „das Gehirn eines 65-Jährigen“ gehabt, sagten sie. American Football war wohl mit ein Grund dafür, dass ein junger Mensch mentale Probleme hatte. Dass ein junger Mensch mit sich selbst kämpfte, ohne Hilfe zu suchen. Dass ein junger Mensch sich das Leben genommen hat.
Für die Eltern von Tyler Hilinski, für seine zwei Brüder folgte eine Zeit der Trauer und der Fragen. Hätten sie bemerken müssen, dass mit ihrem Sohn und Bruder etwas nicht stimmte? Was hat ihn in den Suizid getrieben? Hätten sie besser für ihn da sein müssen? Hätten sie mit ihm über Risiken der Sportart sprechen müssen? In dieser Geschichte werden die Monate der Trauer berührend und respektvoll beschrieben. Die Familienmitglieder verarbeiteten den Verlust unterschiedlich. Der ältere Bruder und angehende Arzt Kelly stürzte sich in sein Medizinstudium. Der jüngere Bruder Ryan – inzwischen Quarterback bei den South Carolina Gamecocks in der NCAA – wollte jetzt erst recht als Footballer das verwirklichen, was sein Bruder Tyler sich einst zum Ziel gesetzt hatte. Mutter Kym und Vater Mark gründeten eine Stiftung: Hilinski’s Hope, kurz H3H.
H3H ist die Antwort auf die Unterstützung, die die Familie nach dem Tod von Tyler erfuhr. Mit H3H wollen die Hilinskis ihrem Sohn und Bruder gedenken und gleichzeitig Programme unterstützen, die psychische Krankheiten entstigmatisieren. Sie wollen, das Studenten und andere Betroffene über ihr Leiden sprechen können, ohne als schwach dargestellt zu werden und ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.
Die UK Sea Hawkers, maßgeblich in Person von Stuart Court, nahmen mit Kym Hilinski Kontakt auf, um das Anliegen der Stiftung auch über den großen Teich hinaus bekannter zu machen – und um im Rahmen des London Game 2018 Spenden zu sammeln und Shirts zu verkaufen. Insgesamt kamen für Hilinski’s Hope an dem Abend, an dem in einer London-Leadenhaller Bar die weinrote Fahne mit der Nummer 3 über den Köpfen der Fans schwebte, 2.380 Britische Pfund zusammen.
In der Regel berichten wir nicht über Selbsttötungen, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Der Grund für die bewusste Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.
Jeden Tag kommt es in Deutschland zu Verletzungen beim Sport. Während die Lage bei Bänderdehnungen und Knochenbrüchen – Eis drauf oder direkt zum Arzt – recht eindeutig ist, werden Kopfverletzungen noch recht zurückhaltend diagnostiziert und behandelt. Zum einen, weil derartige Blessuren nicht immer von außen erkennbar oder zu ertasten sind, zum anderen, weil Vorgaben für die akute Behandlung oft fehlen. Die Hannelore Kohl Stiftung hat es sich mit der „Schütz Deinen Kopf“-Initiative zum Ziel gesetzt, aufzuklären und zu fördern, indem sie Infomaterial für Betroffene, Eltern, Trainer und Mediziner zur Verfügung stellt und in die Forschung investiert.
Viele Verbände und Vereine verwenden für die Früherkennung von Kopfverletzungen inzwischen einen Fragebogen, der zur Benutzung von medizinischem Fachpersonal am Spielfeldrand von der „Concussion in Sport“-Gruppe entwickelt wurde. Der sogenannte SCAT-Verfahren (SCAT3/SCAT5) ermöglicht, anhand von wenigen einfachen Fragen das Vorhandensein und die Schwere einer Gehirnerschütterung möglichst genau zu bestimmen.
Eine Maßnahme, von der auch der American Football in Deutschland Gebrauch macht:
Die Hannelore Kohl Stiftung für Verletzte mit Schäden des Zentralen Nervensystems mit Sitz in Bonn wurde 1983 von Frau Dr. med. h.c. Hannelore Kohl ins Leben gerufen, um Tabus rund um das Thema Kopfverletzungen zu brechen. Die Stiftung unterhält einen Beratungs- und Informationsdienst für Schädelhirnverletzte und deren Angehörige, unterstützt bei der Suche nach geeigneten Rehabilitationseinrichtungen und fördert die wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der neurologischen Rehabilitation. Sie engagiert sich in der Präventionsarbeit für Unfallverhütung. Bis heute konnten rund 30 Millionen Euro aus Spendenmitteln für über 675 Projekte an Kliniken, Institutionen und Rehabilitationseinrichtungen in Deutschland weitergegeben werden. Jedes Jahr erleiden rund 270.000 Menschen Schädel-Hirn-Traumata, knapp die Hälfte von ihnen ist jünger als 25 Jahre. Dank der medizinischen Fortschritte kann vielen von ihnen geholfen werden.
Diesen Tweet veröffentlichte Russell Wilson am 26. August 2015, zwei Tage nachdem die Seattle Seahawks im CenturyLink Field das Wunder vollbrachten, die Green Bay Packers nach 0:16-Rückstand und Aufholjagd inklusive Onside Kick in der Overtime noch besiegten. Als wäre der Sieg nicht schon Wunder genug, behauptete Wilson nun auch noch, ein besonderes Wasser habe ihn davor bewahrt, eine Gehirnerschütterung zu bekommen.
Der Quarterback spielte damit wohl auf den Hit an, den Packers-Linebacker Clay Matthews ihm nach einer Interception verpasste. Schräg von der Seite kommt der Verteidiger heran gerauscht, um Wilson mit Helm und Schulter seitlich gegen Helm und Brustkorb zu tacklen. Wilson verliert das Gleichgewicht, taumelt, ein Bein knickt weg wie ein Windmännchen, so als hätte der Spieler komplett die Kontrolle darüber verloren. Dann kracht der Quarterback rückwärts auf den Boden. Als er wieder aufsteht und vom Feld trottet, sind seine Augen nur einen Spalt weit geöffnet, er sieht in diesem Moment nicht so aus, als könne er sein Team noch zum Sieg führen.
Doch genau das tat Russell Wilson. Und während die Sportwelt noch Monate später über dieses Spiel spricht, spricht der Spielmacher der Seahawks mit dem Rolling Stone. „Ich habe mir im Packers-Spiel in den Playoffs den Kopf gestoßen – und am nächsten Tag ging es mir gut“, wird Wilson im Magazin zitiert. „Es war das Wasser.“ Sein Agent Mark Rodgers lenkte daraufhin ein: „Naja, wir sagen nicht, dass wir echte medizinische Beweise dafür haben.“ Doch Wilson schüttelte angeblich den Kopf und sagte: „Ich weiß, dass es funktioniert. Bald wird man das [Wasser] direkt bei Amazon bestellen können.
Das war hier natürlich versteckte Werbung. Wilson war 2015 Investor bei Reliant Recovery Water. Das drei US-Dollar teure Gebräu mit sogenannten Nanobubbles und Elektrolyten soll Menschen helfen, nach dem Training – und laut dem Quarterback auch nach Verletzungen – schneller wieder fit zu werden.
Was ist dran am Wunder-Getränk? Doc Grünwald gibt seine Einschätzung dazu:[/vc_column_text][vc_video link=“https://vimeo.com/314823390″ align=“center“][vc_column_text]
Was ist dran am Mythos Recovery Water? Ein Autor bei FieldGulls, auf Twitter bekannt als riesiger, ja übertrieben fanatischer Anhänger von Russell Wilson, hat sich dazu Studien angesehen, um den überwiegend skeptischen und spöttischen Kommentaren zum Thema etwas entgegensetzen zu können. Hier einige mit Vorsicht zu genießende Erkenntnisse aus seiner Recherche (Quellenangaben im Weiterlesen-Bereich):
Seit 2010 sind Sauerstoff-Nanobubbles Element wissenschaftlicher Studien und klinischer Versuche, zum Beispiel an den Universitäten Harvard, Oxford, Rush und NYU. Dabei standen bislang Krankheiten im neurologischen Bereich wie beispielsweise Alzheimer, Parkinson, ALS und Multiple Sklerose im Mittelpunkt.
Positive Effekte wurden zum Beispiel bei künstlichen Organismen, genetisch modifizierten Mäusen und Menschen festgestellt – in Bezug auf Gehirnaktivität, Muskelheilung und Krebsbehandlung.
Nanobubbles reduzieren bei Mäusen mit Alzheimer die Phosphorylierung (Regulation von biologischen Prozessen in der Zelle) von Tauproteinen. Solche Tauproteine wurden in überhöhtem Maße bei Patienten nachgewiesen, die mit traumatischen Gehirnverletzungen in Verbindung gebracht werden.
Sauerstoff-Nanobubbles hemmen das Auftreten von Entzündungen im Nervengewebe bei Mäusen mit Parkinson. Und sie durchqueren die Blut-Hirn-Schranke.
Orale Einnahme von Sauerstoff-Nanobubbles reduziert die Mangelversorgung des Gewebes mit Sauerstoff bei Mäusen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs. Und sie mildert Muskelverletzungen bei Menschen.
Wem das zu kompliziert war – hier kommt die vereinfachte Kurzfassung: Es gibt definitiv ungeklärte Fragen zu den Nanobubbles, doch erste wissenschaftliche Studien zeigen, dass mit Sauerstoff angereichertes Wasser durchaus einen positiven Effekt auf den menschlichen Körper haben kann. Vielleicht ist Russell Wilsons Behauptung also doch nicht ganz absurd, sondern nur teilweise. Denn bei aller Bewunderung für den Quarterback ist auch klar, dass der Vorfall, der zur (im Nachhinein durch das Wasser geheilten) Gehirnerschütterung führte, mitten im Spiel passierte und Wilson anschließend weiter spielte und ein großes Risiko einging. Bei einem zweiten Zusammenstoß (Gefahr Second-Impact-Syndrom) hätte auch kein literweise angewandtes Recovery Water geholfen.
Übrigens: Aus der einst so guten Geschäftsidee, in die Russell Wilson investierte, ist wohl kein Kassenschlager geworden. Die Website ist Stand heute nicht mehr erreichbar. Und bei Amazon ist das Wasser in den Geschmacksrichtungen Original, Gurke-Minze und Frischer Pfirsich aktuell nicht lieferbar.
Man kann es auf den ersten Blick nicht erkennen, doch Wide Receiver Doug Baldwin von den Seattle Seahawks trägt ihn. Sein Teamkollege, Quarterback Russell Wilson, tut’s ihm nach. Und Golden Tate, der ehemalige Mitspieler von Wilson und Baldwin hat ihn ebenfalls auf dem Kopf. Den Vicis Zero1. Im dritten Jahr in Serie ist der Helm – ein Start-up-Projekt von Wissenschaftlern aus dem US-Bundesstaat Washington – im Ranking von NFL und NFLPA nach ausgiebigen Tests auf Platz eins gelandet.
Because player health and safety is one of our top priorities, we evaluate helmet performance for our members every year along with the @NFL. Results are out from our 2019 study. Here's to continued improvements! https://t.co/JxCTYksjgypic.twitter.com/dlFc7jWIVr
Was ist besonders an den Helmen von Vicis? Das Äußere. Die Schale des Kopfschutzes sieht zwar genau gleich aus wie bei anderen Helmen, doch beim Zusammenstoß reagiert sie völlig anders als die herkömmlicher Modelle. Das weichere Außenmaterial absorbiert Energie, weil es beim Aufprall nachgibt. Das Innenmaterial, eine schaumähnliche Substanz, fängt ebenfalls Stöße ab und verbessert dazu noch den Tragekomfort. Das Video zum Helm:
Doug Baldwin, der seit als Schirmherr für das Start-up auftritt, hält den Vicis-Helm für eine revolutionäre Entwicklung. Dieser fühle sich zwar schwerer an, aber auch bequemer. Mit der Entscheidung für einen Helm, der nicht von einem der Marktführer Riddell oder Schutt produziert wurde, schlug der Wide Receiver vor einigen Jahren einen Weg ein, auf den ihm inzwischen viele weitere NFL-Profis, aber auch beispielsweise ganze High Schools gefolgt sind, weil sie den Schutz des Kopfes bestmöglich gewährleisten wollen.
Und der Trend hält an. Ungefähr 50 Prozent der NFL-Spieler wechselten laut Statistik der Liga im Jahr 2018 zu einem besser bewerteten Helm. Von Week 17 der vergangenen Saison an trugen 74 Prozent der Profis einen Helm, der in der Top-Kategorie rangierte. Die Teams der 32 Spieler, die noch schlecht bewertete Helme tragen, wurden von der NFL darüber informiert.
Inzwischen wurden diese Helme verboten und die Equipment-Manager der betroffenen Mannschaften informiert. Zu den 32 Spielern, die nun einen neuen Kopfschutz auswählen müssen, gehört übrigens auch der Quarterback der New England Patriots, Tom Brady.
„Ihr könntet damit das Spiel American Football retten“, sagte Doug Baldwin, als er den Vicis Zero1 2017 für Tests aufsetzte. Und er meinte das ernst.[/vc_column_text][vc_video link=“https://www.youtube.com/watch?v=SWcM3IsDdp4″ align=“center“][vc_column_text]Weiterlesen:
Vergleiche zwischen Sportarten kommen Jahr für Jahr neu in Mode. Handball ist so viel bodenständiger als Fußball, heißt es immer wieder zum Jahresbeginn, wenn Deutschland wegen einer Welt- oder Europameisterschaft im Handball in Euphorie verfällt. Rugby ist so viel härter als American Football, weil die Spieler dort ganz ohne Panzerung auskommen – ein weiterer Klassiker der Sportvergleiche. Während dieser Ansatz umstritten ist und meist mehr Streit als sachliche Debatte bewirkt, gibt es eine andere Herangehensweise, die produktiver erscheint:
Was können Sportarten voneinander lernen?
2012 fragten sich Pete Carroll und sein damaliger Assistent Rocky Seto genau das, als sie sich mit Rugby beschäftigten. Was kann American Football von der anderen Sportart mit dem eiförmigen Ball lernen?
Carroll und Seto luden einen Gasttrainer aus England ins Virginia Mason Athletic Center ein und zeigten ihm, wie bei den Seattle Seahawks Tackling gelehrt wird: Die nahe Hüfte verfolgen, die Waden anvisieren, mit der nahen Schulter attackieren. Der Gast entdeckte Gemeinsamkeiten mit dem Rugby – und gab dem Ansatz seinen Namen: „Rugby-Style Tackling.“
Seto glaubt, dass so früher schon American Football gespielt wurde, als die Sportler noch Lederhelme ohne Gesichtsgitter trugen. Er spricht wohl von der Zeit, als der Helm noch nicht als Waffe eingesetzt wurde.
Es ist im Grunde das, was die Spieler im Rugby zwangsläufig bis heute versuchen. Den Kopf aus dem Spiel zu nehmen, weil er dort eben ungeschützt ist. Die massiven Schultern gezielt einzusetzen (Bobby Wagner findet’s klasse, sein Nacken auch), um mit hoher Zuverlässigkeit Gegner zu Boden zu bringen.
Was für die Seahawks als Suche nach der effizientesten Tackling-Methode begann, endete mit der Erkenntnis, dass durch den gefundenen Ansatz das gesamte Spiel sicherer gemacht wird.
So entstand 2014 erstmals ein Lehrvideo, in dem Pete Carroll als Stimme aus dem Off interessierten Trainern und Spielern erklärt, wie die Seahawks Tackling lehren. Gewiss keine gewöhnliche Aktion, denn welcher Trainer plaudert schon gerne die Geheimnisse seines Erfolges aus. Doch für Carroll und Seto Stand bei der Entscheidung, ihre Methodik öffentlich zu machen, die Sicherheit des Spiels und die langfristige Gesundheit der Spieler im Vordergrund.
Im dem 21-minütigen Video unterscheidet Carroll sechs verschiedene Tackling-Techniken, die darauf abzielen, die Kontaktaufnahme des Verteidigers mit dem Angreifer zu optimieren und den Kopf völlig aus der Bewegung zu entfernen – und so Tackling erfolgreicher zu machen.
Dass das funktioniert, bewies die hochtalentierte Defensive der Seahawks von 2012 bis 2015, als sie einzigartiges Niveau erreichte und die NFL in nahezu allen statistischen Kategorien dominierte. Im Super Bowl gegen die Denver Broncos beispielsweise verfehlten die Spieler von Carroll nur zwei Tackles. 1,5 Yards schafften gegnerische Läufer nach Kontakt eines Seahawks-Verteidigers in diesen drei Jahren, 4,38 Yards waren es bei Fängern.
Und: Statistiken zufolge haben nur vier von Seattles Verteidigern in diesem Zeitraum Gehirnerschütterungen erlitten. Der Liga-Durchschnitt lag bei 7,03. Earl Thomas wurde von ESPN 2016 zum Konzept befragt und sagte: „Ja, ich denke das ist ein guter Ansatz. Besonders, wenn man über Gehirnerschütterungen und die Folgen nach der aktiven Karriere spricht.“
Rocky Seto, der bei USC und in Seattle Carrolls Weggefährte war und das „Hawk Tackling“ in Seattle in jedem Meeting des Teams lehrte und predigte, ist heute übrigens hauptberuflich Pastor in Californien. Er hat gemerkt, dass er Menschen nachhaltig erreicht und etwas verändern kann, nicht nur auf dem Spielfeld.
2016 sagte er über den Ansatz der Seahawks: „Coach Carroll wird für seine Erfolge bei USC und den Seahawks und seine Philosophie in die Geschichte eingehen. Doch sein größter Verdienst für die Sportart ist, wie wir dem Tackling geholfen haben. Ich habe mit Kindertrainern, Schultrainern, College-Trainern und Profi-Trainern gesprochen.“ Der Tackling-Ansatz der Seahawks ist landesweit zum Lehrmuster geworden.
Der Ansatz hat es inzwischen auch über den Atlantik und nach Deutschland geschafft, wie AFVD-Verbandsarzt Dr. Ulrich Grünwald erzählt:
Russell Wilson hat in seiner NFL-Karriere 125 Spiele (Regular Season und Playoffs) absolviert. Das ist an sich schon besonders, weil es 125 von 125 möglichen Spielen sind, also das Maximum. Verletzungen – ob der Öffentlichkeit bekannt oder verheimlicht – hielten den Quarterback der Seattle Seahawks nie davon ab, aufs Spielfeld zu gehen.
Als Wilson noch Quarterback für das College-Team der North Carolina State University war, hatte er nicht immer so viel Glück. Am 28. August 2008 kassierte der Spielmacher einen heftigen Hit gegen den Kopf, blieb minutenlang am Boden liegen und wurde schließlich auf einer Bahre liegend vom Feld und direkt ins Krankenhaus gefahren. Den heroischen und fast schon obligatorischen „Keine-Sorge-mir-geht-es-gut“-Daumen konnte Wilson nur wenig sichtbar nach oben strecken, weil er auf der Trage so fixiert war, dass er sich kaum bewegen konnte.
Wir Fans klammern uns in solchen Momenten, in denen wir die Brutalität dieses Sports nicht verdrängen können, an Gesten fest. Das war so, als Ricardo Lockette im November 2015 derart niedergestreckt wurde, dass sein Leben an ein paar instabilen Halswirbeln hing. Das war so, als Tyler Lockett an Heiligabend 2016 in der Endzone lag und sein Bein nicht mehr so aussah wie ein Bein.
[/vc_column_text][vc_column_text]
Wilson war nach dem Knockout im College-Spiel zwei Wochen später wieder im Einsatz.
In der NFL fehlte Wilson nie, auch wenn es in seiner Profikarriere Momente gab, in denen er möglicherweise nicht sofort aufs Spielfeld hätte zurückkehren sollen. Das ist spekulativ, doch der Blick auf einzelne Ereignisse lohnt sich. Anfang 2015 und Anfang 2016, jeweils in den Playoffs, wo jedes Spiel das letzte sein kann, wurde Wilson so getackled, dass sein Kopf erschüttert wurde, dass er hart auf den Boden krachte. (GIF lädt langsam.) 2017 war Wilson der Quarterback, der in der NFL mit Abstand am häufigsten zu Boden geworfen wurde (139 Mal; Kizer 118, Brissett 116, Cousins 104, Ryan 100).
[/vc_column_text][vc_column_text]
Russell Wilson verpasste nach diesem Hit von Clay Matthews keinen Snap. Ob das sinnvoll war, darüber lässt sich wohl streiten. Der Blick in sein Gesicht direkt nach der Aktion lässt vermuten, dass es ihm nicht gut geht. Der Blick auf den Spielverlauf zeigt, dass Wilson anschließend noch zwei Interceptions wirft (an denen er nicht alleine Schuld trägt). Der Blick aufs Ergebnis bescheinigt, dass er sein Team am Ende auf wundersame Weise zum Sieg führte.
Matthews wurde später von der NFL bestraft, weil er Wilson von außerhalb dessen Sichtfeldes attackierte. Wilson erzählte später, ein Wunderwasser habe ihn nach dem Spiel vor der Gehirnerschütterung bewahrt.
[/vc_column_text][vc_column_text]
100.000 US-Dollar Strafe mussten die Seattle Seahawks an die NFL bezahlen, weil sie beim Spiel gegen die Arizona Cardinals am 9. November 2017 das Concussion Protocol nicht befolgten. Was war passiert?
Nach einem schweren Hit gegen Russell Wilson – ein Treffer am Kinn im dritten Quarter, hatte der zuständige Schiedsrichter Walt Anderson angeordnet, dass der Quarterback sich einem Gesundheitscheck unterziehen müsse. Wilson verließ zwar für ein Play das Spielfeld, kehrte jedoch dann zurück, ohne von den Teamärzten im schicken blauen Zelt gecheckt worden zu sein.
Zusätzlich zur Geldstrafe muss das medizinische Personal der Seahawks eine Nachschulung in Sachen Concussion Protocol besuchen.
Die Verantwortlichen in Seattle akzeptierten die Strafe, betonten jedoch, dass niemand die Absicht gehabt habe, das Protokoll zu umgehen.
Ein Blick auf die Zahlen, die öffentlich einsehbar sind und auf Daten der NFL basieren. Registriert sind hier natürlich nur die Gehirnerschütterungen, die auch gemeldet wurden. Es ist nicht auszuschließen, dass Spieler wegen Erfolgsdruck, Konkurrenzkampf und Überehrgeiz Kopfverletzungen verheimlichen.
[/vc_column_text][vc_column_text]
291 Gehirnerschütterungen wurden in der NFL in der Saison 2017 in Training und Spielen festgestellt. 91 davon, deutlich mehr als in den Jahren zuvor, wurden in der Preseason festgestellt, wo Spieler um Jobs kämpften. Insgesamt wurden 2017 rund 15 Prozent mehr Gehirnerschütterungen registriert als im Fünfjahresschnitt. Das könnte mit strikteren Vorgaben durch das Concussion Protocoll und die unabhängigen Gutachter der NFL zusammenhängen. Und damit, dass bei den Spielern das Bewusstsein für die Risiken ihrer Sportart wächst. 50 Gehirnerschütterungen, also rund ein Sechstel, wurden von den Footballern selbst an ihre medizinischen Betreuer gemeldet.
[/vc_column_text][vc_column_text]
In der NFL lagen die Seattle Seahawks zwischen 2013 und 2015 bei der Anzahl der gemeldeten Gehirnerschütterungen mit 8,3 unter dem Liga-Durchschnitt (9,5). Das dürfte auch dem im „Hawk Tackling“ gelehrten Ansatz zu verdanken sein, hängt aber wohl auch immer davon ab, wie im jeweiligen Team das Spannungsfeld aus verschiedenen Interessen geregelt wird.
Für den Mannschaftsarzt hat die Gesundheit des Spielers oberste Priorität. Für den Trainer spielt die Leistung eine wichtige Rolle für das übergeordnete Ziel Erfolg. Für den Spieler zählt natürlich der Gehaltsscheck. Und für die Fans?
Was können Fans in diesem Zusammenhang tun? Beim Fantasy Football die reelle Gesundheit des Spielers den eigenen virtuellen Interessen überordnen. Und, so blöd es vielleicht klingt: sich darüber freuen, wenn ein Spieler sich im Verletzungsfall bewusst fürs Pausieren und ein tendenziell beschwerdefreieres Leben nach der Karriere entscheidet.
Dr. Ulrich Grünwald ist seit 2018 unser German Football Doc und spricht mit uns über die medizinischen Aspekte der Sportart American Football. Als ehrenamtlicher Verbandsarzt beim American Football Verband Deutschland (AFVD) beschäftigt er sich täglich mit den Gefahren der Sportart, die er einst auch selbst aktiv ausübte.
Mit uns hat er während eines Lehrgangs der Frauen-Auswahl des nordrhein-westfälischen Verbandes über Gehirnerschütterungen und CTE gesprochen und uns seine Einschätzungen zu verschiedenen Aspekten gegeben.
Grünwald hospitierte in der Preseason 2015 in der medizinischen Abteilung der Seattle Seahawks, wo er Einblicke in die Praktiken des Ärzte- und Physiotherapeutenstabs erhielt.
Wenn Grünwald über Kopfverletzungen im American Football spricht, differenziert er.
Relevant sei im Zusammenhang mit Langzeitfolgen besonders die frühe Erkennung von Gehirnerschütterungen. Betroffene Spieler ohne Diagnose wieder aufs Spielfeld zu schicken, sei riskant. Prominentes Beispiel war 2014 der deutsche Fußball-Nationalspieler Christoph Kramer, der im WM-Finale trotz Gehirnerschütterung noch mehrere Minuten auf dem Spielfeld stand und so der Gefahr einer zweiten, folgenschwereren Erschütterung ausgesetzt war.
Bei der Krankheit CTE, die nach neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft nicht unbedingt durch Gehirnerschütterungen, sondern eher durch häufige Kopfstöße mit hoher Geschwindigkeit hervorgerufen wird, ist eine Diagnose schwierig.
Der Ansatz bei der Verhinderung von CTE liegt daher neben der Früherkennung von Gehirnerschütterung in der Verbesserung der Spielsicherheit. Ob dabei neue Regeln, die es verbieten, einen Quarterback mit voller Wucht in den Boden zu rammen, mehr als Aktionismus um den Star des Spiels sind, darf hinterfragt werden. Als effizienter dürfte sich ein Umdenken beim Tackling erweisen, indem der Kopf aus der Bewegung heraus genommen wird.
Fast täglich gibt es im Bereich Kopfverletzung neue Erkenntnisse. Für Grünwald ist klar, dass Spätfolgen von Kopfverletzungen nicht an einem einzigen Faktor festgemacht werden können.
Ein Blick in die Praxis in Deutschland: Die Arbeit am Spielfeldrand fokussiert sich auf die Erkennung von Schädel-Hirn-Traumata. Wie geht der Doc vor, wenn er eine Gehirnerschütterung vermutet?
Die im Vergleich zur NFL geringere Geschwindigkeit im deutschen American Football ist für die Häufigkeit von Kopfverletzungen laut Grünwald kein Faktor.
Immer wieder wird Doc Grünwald innerhalb dieses Projekts Aspekte kommentieren, die in unserer Sammlung zur Sprache kommen. So äußert er sich beispielsweise zu Russell Wilsons Wunderwasser, „Hawk Tackling“, und für die Diagnose von Gehirnerschütterungen eingesetzte Scat-Karten.
Erich Grau kann sich nicht daran erinnern, jemals eine Gehirnerschütterung gehabt zu haben. Das liegt jedoch nicht daran, dass er möglicherweise der erste deutschen Footballer sein könnte, der an CTE erkrankt ist, sondern daran, dass er laut eigener Aussage einfach nie eine Gehirnerschütterung erlitten hat.
Das passt zu den neuesten Erkenntnissen über CTE, die besagen, dass die Krankheit nicht durch Gehirnerschütterungen, sondern durch häufige Schläge auf den Kopf ausgelöst wird. Schläge, wie sie beim American Football Spielzug für Spielzug vorkommen.
[/vc_column_text][vc_column_text]
Wir treffen Erich Grau, 63, zu Hause in Ansbach zum Interview. Dort erzählt uns der ehemalige Quarterback der deutschen Nationalmannschaft, wie er sein Leben neu geordnet hat, nachdem er am Tiefpunkt angelangt war. Tiefpunkt, das bedeutete im Fall des inzwischen pensionierten Pädagogen, den Weg von Lehrer- zum Klassenzimmer nicht mehr zu finden. Das bedeutete, Münzen nicht mehr abzählen zu können. Das bedeutete Stimmungsschwankungen, Kopfschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten, vergessene Termine, Schreibfehler an der Tafel.
Das bedeutete. Vergangenheitsform. Denn Grau, Gründungsmitglied der deutschen Football-Liga und mit den Ansbach Grizzlies neunmal in Serie im Finale um die Meisterschaft, hat in seinem Leben Störfaktoren reduziert.
Einst arbeitete er neben dem Lehrerberuf als Fernseh-Kommentator und Sportdirektor des AFVD, jetzt geht er in eine Gedächtnissprechstunde und lernt dort, sich auf wenige wichtige Dinge zu konzentrieren. Dazu gehört der Sport noch immer, wenngleich der nicht mehr American Football heißt, sondern beispielsweise Skibob (aktiv) oder Leichtathletik (als Trainer).
[/vc_column_text][vc_column_text]
Im Interview spricht Erich Grau über neue Strategien gegen das Vergessen, das Schicksal ehemaliger Teamkameraden und den Umgang mit den Gefahren von American Football heute.
Herr Grau, bereuen Sie es heute, zwölf Jahre lang American Football gespielt zu haben?
American Football ist Kopfsache. Das heißt es oft, wenn die Sportart beschrieben wird. Dann fallen die Vergleiche. Schach auf Rasen. Trainer, die wie Kriegsstrategen ihre Spielfiguren in der Schlacht lenken – immer bedacht darauf, im Kopf einen Schritt weiter zu sein als der Gegner. Spieler, die aus dem Gedächtnis einen von hunderten Spielzügen abrufen und mechanisch das ausführen, was ihnen aufs Ohr gesagt wird. Ja, American Football ist Rasenschach. Doch wenn es ausschließlich und allein als solches vermarktet würde, würde vermutlich niemand in diesem Moment auf dieser Website diese dem Rasenschach so fernen Zeilen lesen, weil es diese Plattform nicht gäbe.
Seit einigen Jahren wächst das Interesse an der Sportart in Deutschland spürbar. Die Nische ist größer geworden. Private, kostenlos empfangbare TV-Sender, Webportale, Zeitungen, Social-Media-Kanäle und Magazine haben darin ihren Platz gefunden. Fan-Podcasts und -Sendungen sind entstanden. Vereine, wie die German Sea Hawkers e.V. einer sind, haben sich gebildet. Weil die Premium-Liga NFL gemeinsam mit einigen Medienhäusern ein Produkt nach Deutschland gebracht hat, das Unterhaltung in extrem hoher Qualität bietet. Körperliche Höchstleistungen in Hochglanz und Zeitlupe aufbereitet, aus fantastischen Perspektiven, mit Highlight-Garantie. Ein Hype, dem auch wir – viele Mitglieder schon seit Jahrzehnten – verfallen sind.
Für Rasenschach bleibt ein kleiner Zweig der Nische. Taktik, Scouting, Analysen werden dort bedient, sie werden aber wohl nie mit puren Highlight-Zusammenschnitten mithalten können. Denn je komplexer es wird, desto kleiner das Publikum.
Komplexität kann man den Gefahren der Sportart American Football wiederum nicht vorwerfen. Trotzdem scheinen die zweifelsfrei existenten Risiken, denen die Sportler sich – für den eigenen Lebensunterhalt, aber auch zu unserem Vergnügen – aussetzen, im Hype unterzugehen. Weil diese Realität unbequem ist. Auch wir sind in erster Linie Fans, weil wir von American Football und speziell den Seattle Seahawks fasziniert sind und uns davon unterhalten lassen wollen.
Gerade deshalb aber wollen wir in diesem Projekt unter dem Titel „Kopfsache“ für einen bewussten Konsum und aufgeklärten Umgang mit unserer Lieblingssportart werben – und die negativen Aspekte, die zweifelsohne ein Teil von American Football sind, nicht verdrängen.
Nicht erst seit dem Kinofilm „Concussion“ (deutscher Titel: „Erschütternde Wahrheit“) mit Will Smith sind neurologische Schäden, die durch Kollisionen auf dem Spielfeld hervorgerufen werden können, ein Thema im American Football. Gehirnerschütterungen, Kopfstöße und daraus möglicherweise resultierende Spätfolgen (Stichwort CTE) sind neben der zu komplexen Taktiktafel die größte Existenzbedrohung einer Sportart, die Fans durch übermenschliche Athletik und rauschendes Spektakel in ihren Bann zieht.
Wir von den German Sea Hawkers e.V. wollen uns mit diesem Thema beschäftigen – in einer Form, wie es sie in Deutschland bislang noch nicht gab. In diesem Sammelsurium aus Geschichten, Filmen, Bildern, Zitaten und Links nähern wir uns einem Aspekt des American Football, der auf die Spieler wartet, sobald sie aus dem Scheinwerferlicht ins Dunkel der Stadionkatakomben schreiten. Sobald sie nicht mehr jubelnd in der Endzone stehen, sondern mit gebückter Haltung auf der Ladefläche eines Golfkarts das Spielfeld verlassen müssen.
Viele Aspekte, die in diesem Projekt auftauchen, haben einen Bezug zu den Seattle Seahawks, einige auch zu American Football in Deutschland. Denn unser Interesse für das, was unsere Lieblingsspieler Sonntag für Sonntag auf dem Spielfeld einbringen, sollte nicht an dem Bildschirm aufhören, über den wir das Spiel in unserem Wohnzimmer empfangen. Dieses Interesse sollte uns anregen, über Konsequenzen nachzudenken, Vorfälle einzuordnen und verantwortungsbewusst zu konsumieren.
Denn American Football ist Kopfsache.[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row][vc_row css=“%7B%22default%22%3A%7B%22margin-left%22%3A%220%22%2C%22margin-top%22%3A%2230px%22%2C%22margin-bottom%22%3A%2230px%22%2C%22margin-right%22%3A%220%22%2C%22padding-left%22%3A%220%22%2C%22padding-top%22%3A%220%22%2C%22padding-bottom%22%3A%220%22%2C%22padding-right%22%3A%220%22%7D%7D“][vc_column][vc_column_text]
Einstieg
Auf den folgenden Seiten könnt Ihr klicken, lesen, anschauen, stöbern, lernen, hinterfragen, zuhören. Unsere kleine Sammlung erhebt weder einen Anspruch auf Vollständigkeit noch trifft sie endgültige Aussagen über Kopfverletzungen. Wir wünschen Euch eine erkenntnisreiche und kurzweilige Zeit mit dem Projekt „Kopfsache“.
Dieser Film von Regisseur Josh Begley und Produzentin Laura Poitras ist ein Zusammenschnitt aller Gehirnerschütterungen, die in der Saison 2017 in der NFL gemeldet wurden. Der Einsatz von Verlangsamung und Zurückspulung in Kombination mit monotoner Hintergrundmusik dramatisiert das Geschehen und gibt gleichzeitig einen guten Einblick, welche enormen Kräfte wirken, wenn die Körper von Spielern aufeinander- oder auf den (Kunst-)Rasen krachen.
Die sichtbaren Kollisionen führten allesamt zu Gehirnerschütterungen. Spätfolgen, wie sie beispielsweise bei CTE erkennbar sind, lassen sich anhand dieser Diagnose weder bestätigen noch ausschließen. Um Kopfverletzungen einordnen zu können, müssen zunächst diese zwei grundlegenden Begriffe voneinander abgegrenzt werden.
Eine Gehirnerschütterung wird in der Fachsprache als leichtes Schädel-Hirn-Trauma bezeichnet, also eine Hirnverletzung. Dabei bewirkt eine heftiger Schlag oder Stoß eine vorübergehende Schädigung des Gehirns, die unter anderem mit plötzlicher Bewusstseinsstörung, Übelkeit oder Erbrechen verbunden ist. Schädel-Hirn-Traumata werden in ihrer Ausprägung unterteilt in leicht, mittelschwer und schwer.
CTE, ausgeschrieben: Chronisch-traumatische Enzephalopathie, auch bekannt als Dementia pugilistica oder Boxer-Syndrom, wird nach heutigem Stand der Wissenschaft durch regelmässige, die Hirnmasse beschädigende Erschütterungen hervorgerufen. Die möglichen Folgen reichen von chronischen Schmerzen über Demenz bis hin zu Depression. Bisher kann die Krankheit nur bei Verstorbenen nachgewiesen werden.
Die Neuropathologen Dr. Ann McKee und Dr. Bennet Omalu sind die Gesichter des Wissenschaftszweigs, der sich seit Jahren mit Kopfverletzungen im American Football beschäftigt. Ihre Veröffentlichungen brachten die NFL nach der Jahrtausendwende in Bedrängnis und haben inzwischen dazu geführt, dass die Liga einen Zusammenhang zwischen ihrer Sportart und Kopfverletzungen nicht mehr leugnet.
Drei Veröffentlichungen aus den vergangenen Jahren sind empfehlenswert. Das Zeit-Dossier „Krieg der Köpfe“ von Amrai Coen, in dem der Tight End der Seattle Seahawks, Ed Dickson, vorkommt und auch die nicht ganz einfache Beziehung der zwei prominenten Wissenschaftlern zueinander beleuchtet wird. Das im unteren Bild dargestellte Storytelling-Projekt der New York Times zu einer Studie aus dem Jahr 2017 von McKee. Und der Hollywood-Film „Erschütternde Wahrheit“ (englisch: „Concussion“) mit Will Smith in der Hauptrolle, der einen kurzweiligen ersten Überblick zur Thematik liefert.
Die Redaktion der German Sea Hawkers e.V. hat Inhalte zusammengestellt, um Fans von American Football einen neuen Blick auf die Sportart zu ermöglichen. Die folgenden vier Geschichten dieses Projekts handeln von Russell Wilson, dem vermeintlich unkaputtbaren Spielmacher der Seattle Seahawks, von einer „Hawk Tackling“ genannten Initiative für sauberes Verteidigen, von Erich Grau, einem Pionier des deutschen American Football und von den Erfahrungen, die Dr. Ulrich Grünwald, Verbandsarzt im AFVD, im medizinischen Bereich der Sportart gesammelt hat.
Aufbauend auf den ersten vier Themenkomplexen folgen hier weitere Aspekte, die im Zusammenhang mit Kopfverletzungen stehen oder gar daraus resultieren. Dazu gehört sowohl der Mythos um ein vermeintliches Wunderwasser als auch neue Helm-Technologien und zwei Stiftungen, die aus unterschiedlichen Gründen ähnliche Arbeit leisten.
American Football ist ein brutaler Sport, in dem monströse Körper mit extremen Geschwindigkeiten aufeinanderprallen. Das ist nicht erst seit der Veröffentlichung dieses Projekts bekannt. Genauso wenig hat dieses Sammelsurium den Zweck, neue Erkenntnisse zu verbreiten. Ziel von „Kopfsache“ war und ist es, auf Basis von ausgewählten Inhalten ein Verständnis zu schaffen für die Risiken der Sportart, die uns alle so fasziniert. Hoffentlich ist dies zumindest teilweise gelungen.
Die Redaktion freut sich unter medien@germanseahawkers.com über Anregungen und Kritik.[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row][vc_row][vc_column][vc_column_text]
Über das Projekt
„Kopfsache“ ist ein Projekt der German Sea Hawkers e.V. für einen verantwortungsbewussten Umgang mit und aufgeklärten Konsum der Sportart American Football. Die Idee dazu entstand in der Offseason 2018. Die dazugehörigen Interviews wurden im Sommer 2018 geführt. Unser Dank gilt Dr. Ulrich Grünwald und Erich Grau, die sich für unsere Fragen Zeit nahmen.
Kamera & Schnitt: Timo Czerwonka
Idee, Texte & Umsetzung: Maximilian Länge[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row]