Fischadleraugen: Die zwei Gesichter des Russell Wilson

Fischadleraugen Russell Wilson

Die Seattle Seahawks haben die New-York-Wochen überstanden: Das Team aus dem Pacific Northwest spielte in aufeinander folgenden Wochen zuerst gegen die New York Giants und anschließend gegen die  New York Jets. Dabei reiste das Team nicht einmal in den Osten der Vereinigten Staaten – beide Spiele fanden im heimischen Lumen Field statt. Im Fokus stand dort wieder einmal die Offensive der Seahawks. Und wenig überraschend damit auch Quarterback Russell Wilson.

Wilsons bis dato schlechtestes Spiel in der ersten Begegnung mit den Arizona Cardinals sezierte ich bereits. In dem Glauben, dass er eine Leistung am unteren Spektrum seines Leistungsvermögens abgeliefert hatte. Im weiteren Verlauf der Saison warf Wilson weiterhin einige Interceptions, wurde oft durch unkluges Verhalten in der Pocket gesackt und produzierte einige Fumbles. Fehler, die man so von ihm nicht gewohnt war. Nicht von ungefähr wurden daher Stimmen laut, die vom schlechtesten Abschnitt der Karriere Wilsons sprachen. Und das war nicht völlig unbegründet.

Neuen Diskussionsstoff um Wilsons Leistungsfähigkeit stellte das Spiel gegen die Giants bereit. Die Offensive lahmte, brachte es gegen den wenig schmeichelhaften Leader der NFC East mit einem damaligen Record von 4-7 zu nur 13 Punkten. So verlor Seattle – trotz einer Defensive, die sich immer weiter stabilisiert und nur 17 Punkte zuließ – das Spiel gegen die G-Men.

In Woche 14 waren die Vorzeichen gegen die New York Jets noch klarer: null Saisonsiege, abgeschlagen letztes Team in der NFL. Und auf der anderen Seite ein Team, das sich selbst zum erweiterten Kreis der Super-Bowl-Anwärter zählt. Alle Blicke waren auf die Offensive der Seahawks gerichtet. Auch die Fischadleraugen.

Analyse

Dass Wilson als einer der besten Tiefpasser der Liga gilt, ist unbestritten. Doch darauf stellen sich gegnerische Defensivreihen inzwischen ein. Die New York Giants spielten in Week 13 oft mit zwei tiefen Safetys. Dadurch hatten sie mehr Unterstützung in der Passverteidigung. Die einzelnen Zonen, die jeder Verteidiger abdecken musste, wurden kleiner. Dazu hatte, rein rechnerisch, jeder Cornerback auf den Außenbahnen einen Safety zur Absicherung auf seiner Seite. So erschwerten und minimierten die Giants die explosiven Plays, auf die die Seahawks-Offensive setzt. Es ist ganz generell schwer, eine solche Abwehrformation tief zu attackieren.

Die folgende Szene ist exemplarisch für die Ausrichtung der Giants-Defense im Spiel gegen die Seahawks. Die Giants spielen mit zwei tiefen Safetys, Wilson wird den markierten Receiver anwerfen. Dazu hat er eine saubere Pocket und genügend Zeit zu werfen. Receiver Freddie Swain kann sich vom Verteidiger absetzen und kreiert die so wertvolle Seperation. Wilson aber überwirft seinen Passempfänger schlicht. Der Safety der Giants muss dann die Interception fangen.

Durch die zwei tiefen Safetys ist der Raum für Fehler sehr gering. Eine kleine Ungenauigkeit und schon kann der Pass in einem Turnover enden. Es wird für den Quarterback schwerer, das enge Fenster zu treffen. Zudem kann er die Defensive Backs nicht mehr so leicht mit seinen Augen manipulieren.

In der nächsten Szene spielen die Giants eine Mannverteidigung. Die Defensive versteckt ihre Coverage zuerst, ist nah an der Line of Scrimmage aufgestellt. Außerdem spielt nur ein Verteidiger in der Defensive Line mit der “Hand im Dreck”. Wilson kann sich deshalb nicht sicher sein, von welchem Spieler den Druck auf den Quarterback kommen wird. Nach dem Snap leistet die Giants-Defense hervorragende Deckungsarbeit. Jeder tiefe Receiver ist eng gedeckt. Wilson hat die Augen zu lange irgendwo tief im Feld und wird gesackt.

Die Entscheidungsfindung von Wilson war in den vergangenen Wochen nicht gut. So auch in dieser Szene. Running Back Carlos Hyde, der im Video markierte Spieler, wäre frei gewesen. Per Checkdown hätte dieser einige Yards Raumgewinn erzielen. Kurz gesagt: Wilson hätte den Raumverlust durch den Sack vermeiden können.

Springen wir eine Woche weiter. Einer der Kritikpunkte an Wilson war sein mangelhaftes Verhalten in der Pocket. Er vertraute, wohl auch bedingt durch den Ausfall von Right Tackle Brandon Shell, seiner Offensive Line nicht. Oft lief Wilson zu schnell aus der Pocket, konnte so nicht durch seine Reads gehen.

Im folgenden Beispiel bleibt Wilson ruhiger hinter seiner Angriffslinie. Er beweist ein gutes Gespür für Druck. Als die Verteidiger ihm näher kommen, macht er einige Schritte nach rechts und verschafft sich zusätzlich Zeit. Swain (markiert) steht im Slot. Er läuft eine einfache Go-Route – also geradewegs Richtung Endzone. Der Rookie zeigt hier ein gutes Gefühl für die Zonenverteidigung der Jets. Was wie ein fataler Fehler in Deckungsarbeit aussieht, ist auch ein Verdienst des Rookies.

Wilson wirft aus dem Lauf hart und präzise zwischen die zwei Spieler der Jets-Secondary, die nur noch theoretisch Chancen auf eine erfolgreiche Abwehraktion haben. Touchdown.

Zum Abschluss eine eher unspektakuläre Szene, die aber dennoch relevant ist. Nach dem Snap geht Wilson durch seine möglichen Anspielstationen, dies geschieht schnell. Er sieht aber, dass kein Mitspieler genügend Raum für ein Anspiel hat. Wilson trennt sich deshalb schnell vom Ball und wirft den kurzen Pass auf seinen Running Back. Anders als in der Vorwoche forciert er damit nicht den langen Pass oder den Wurf in ein zu enges Fenster. Auch lädt er die Defensive Line des Gegners nicht durch zu langes Halten des Balles zum Sack ein.

Wilson entscheidet sich für die Checkdown-Option, Carson läuft einige Yards und die Offense bleibt im Rhythmus.

Fazit

Nach der Bankrotterklärung der Offensive im Spiel gegen die New York Giants besuchte ein dankbarer Gegner in Form der New York Jets die Seattle Seahawks. Russell Wilson konnte sich in Week 14 die dringend benötigte Sicherheit für den letzten Abschnitt der Saison erspielen. Er stellte Fehler ab, fand seinen Rhythmus und spielte souverän. Mit den nun anstehenden schweren Spielen gegen das Washington Football Team, die Los Angeles Rams und die San Francisco 49ers wartet ein hartes Restprogramm auf die Seahawks. Diese Spielen kann Seattle nur mit Wilson in Normalform gewinnen. Auch wenn der letzte Funken Hoffnung auf eine Rückkehr seiner Giganten-Form vom Saisonbeginn noch nicht erloschen ist.

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