Bye-bye, Bobby – Abschiedsbrief an eine Seahawks-Legende

Seattle Seahawks Middle Linebacker Bobby Wagner

Bye-bye, Bobby Wagner! Mit diesen Worten ist der Exodus der Super Bowl XLVIII-Champions in den Reihen der Seattle Seahawks nun komplett. Denn am 2. Februar 2014 liefen im MetLife Stadium in East Rutherford, New Jersey, 22 Männer als Starter auf der offensiven und defensiven Seite des Balles für das Team aus dem Pacific Northwest auf: Doug Baldwin, Russell Okung, James Carpenter, Max Unger, J.R. Sweezy, Breno Giacomini, Alvin Bailey, Zach Miller, Golden Tate, Russell Wilson, Marshawn Lynch, Cliff Avril, Michael Bennett, Clinton McDonald, Chris Clemons, K.J. Wright, Bobby Wagner, Walter Thurmond, Richard Sherman, Byron Maxwell, Kam Chancellor und Earl Thomas.

Durch die Entlassung von Seattles jetzt schon legendärer Nr. 54 musste der letzte dieser Spieler nun die Seahawks verlassen. Ein Einschnitt, der vielen 12s extrem nahe geht. Denn die einzige Konstante unserer Lieblings-Franchise lässt sich beim Blick an die Seitenlinie erhaschen. So ist dort, wie es die Ironie des Schicksals will, jetzt nur noch ausgerechnet der alte, weiße Mann geblieben: Head Coach Pete Carroll.

 

Dass er und General Manager John Schneider überhaupt dafür verantwortlichen waren, dass Spieler wie Bobby Wagner für Seattle spielen und der Stadt am Puget Sound den bislang größten sportlichen Erfolg ihrer Geschichte bringen sollten, steht vollkommen außer Frage. Im Angesicht des Abschiedsschmerzes liegt es aber in der Natur eines jeden Sportfans, eine Schuldige oder einen Schuldigen für die Trennung zu suchen. Und für mich heißt der an dieser Stelle bestimmt nicht Bobby Wagner.

Bobby Wagner und der Anfang bei den Seattle Seahawks

Beim Rückblick auf meine Zeit als 12er fallen jetzt direkt einige Parallelen zur Karriere von Bobby Wagner auf. Im Endeffekt war es „Liebe“ auf den zweiten Blick. Denn bei dem Spiel, bei dem ich mich in die Seahawks verguckt habe, war es am Ende die Offense, die im Gedächtnis blieb. Angeführt von Russell Wilson holte das Team am 3. November 2013 einen 0:21-Rückstand im heimischen CentruryLink Field gegen die damals noch in der Bedeutungslosigkeit vor sich hin dümpelnden Tampa Bay Buccaneers auf. Am Ende stand es nach Overtime 27:24 für Seattle und im Unterbewusstsein hatte ich „mein“ Team gefunden. Bei dem Offensiv-Feuerwerk in Halbzeit zwei ging dabei aber die Leistung eines gewissen Linebackers unter. Um das Spiel zu drehen und Bucs-QB Mike Glennon zu stoppen, war es auch hier Bobby Wagner, der insgesamt elf Tackles und 1,5 Sacks beisteuerte. Eine typische Wagner-Leistung, die im Angesicht der Coverage der Legion of Boom eher in den Hintergrund geriet, für den Erfolg des gesamten Teams aber unerlässlich war.

Ein Faktor, den auch Pete Carroll schnell erkannte, als er seinen Zweitrundenpick 2012 direkt nach dem Training Camp in seiner Rookie-Saison zum Starter auf der Position des Middle Linebackers und damit effektiv zum Quarterback der Defense machte. Dass Wagner überhaupt auf dem Radar der Seahawks landete, ist, wie in meiner Liebeserklärung an Nr. 54 bereits beschrieben, Bobbys verstorbener Mutter Phenia zu verdanken. Die „zwang“ ihren Sohn fast schon dazu, im kalten Utah ans College zu gehen, nachdem der Sunnyboy aus Kalifornien dazu nach seinem ersten Besuch vor Ort eigentlich gar keine Lust hatte. Als Zwei-Sterne-Talent eingestuft, startete er für Utah State in vier Spielzeiten. In seiner letzten, 2011, sammelte Bobby Wagner 147 Tackles (11,5 davon für Raumverlust), vier Sacks und zwei Interceptions. Da war es keine Überraschung, dass er als Western Athletic Conference (WAC) Defensive Player of the Year zum Senior Bowl eingeladen wurde. Mit 22 Tacklings und einer Interception in diesem einen Spiel wurde Wagner zum MVP gewählt und meldete dann für den NFL Draft 2012.

Und apropos MVP: Während Russell Wilson immer noch mehr oder minder verzweifelt nach seiner ersten Stimme im Voting der Sportjournalisten der Associated Press (AP) für den wertvollsten Spieler einer jeweiligen NFL-Saison sucht, kann sich Bobby Wagner hier zurücklehnen…

Bobby Wagner, der Ruhepol der Seattle Seahawks

Warum meine innige sportliche Zuneigung zu Bobby Wagner erst wachsen musste, liegt auch einfach an der Art des Menschen Bobby Wagner. Während Teile der Legion of Boom oder andere Franchise-Player neben ihrem dominanten Spielstil auf dem Feld vor allem mit lauten Post-Game-Interviews, mit eindeutigen Gesten Richtung Seitenlinie, anderen extrakurrikularen Aktivitäten, grenzwertigen Social-Media-Auftritten, sowie Ausflügen in die Welt des Parfüms und vertragsbedingten Holdouts von sich reden machten, fliegt Wagner hier seit gut einem Jahrzehnt in der NFL unter dem Radar. Gerade letzteres, die Art und Weise sein Arbeitspapier zu verhandeln, spricht Bände darüber, wie sich der geborene Kalifornier persönlich definiert. Bevor er 2019 ganz ohne Agenten den damals bestbezahlten Vertrag für einen Linebacker in der NFL-Geschichte verhandelte, stand auch hier noch das jährliche Training Camp an. Anders als Earl Thomas oder Kam Chancellor einige Jahre zuvor stand Wagner – zwar im Hoodie und nicht mit Helm – jeden Tag mit seinen Teamkollegen auf den Trainingsplätzen des Virginia Mason Athletic Centers. Dort führte er entweder lange Gespräche mit seinem Linebacker-Zwillingsbruder K.J. Wright, unterstütze die Coaches oder demonstrierte Übungen für die Rookies und hatte für die Neulinge auch sonst immer ein offenes Ohr.

Auf dem Feld selbst, seien es Heim- oder Auswärtsspiele, präsentiert sich Bobby Wagner dagegen ganz anders. Hier macht kaum einer bei den Seattle Seahawks so deutlich den Mund auf wie Nr. 54. Als Playcaller der Defense ist das natürlich in erster Line sein Job. Und auch sonst scheut er nicht von deutlichen Ansagen zurück. Gerade in den letzten Jahren, als die Produktion der sonst gewohnt starken Defense immer weiter nachließ, war es Wagner, der seine Teamkollegen immer wieder an der Seitenlinie zusammenrief, um sie lautstark an ihre Aufgaben zu erinnern und ihnen damit ihre Verantwortung für den Ausgang des Spiels deutlich zu machen.

Beim Stichwort Verantwortung wären wir dann beim nächsten Punkt, der Wagner aus meiner Sicht so wertvoll für jedes NFL-Team macht. Es ist die Eigenschaft, die ihm persönlich am wichtigsten ist: Verantwortung für die weniger privilegierten Menschen der Gesellschaft zu übernehmen, die er wie so viele NFL-Spieler auch finanziell über Charitys unterstützt. Verantwortung als Captain seines Teams gegenüber Journalisten übernehmen, die er auf Pressekonferenzen immer mit Respekt behandelt und dort hinter dem Mikrofon Präsenz zeigt, egal wie das letzte Spiel ausging. Verantwortung für die afroamerikanischen Community und deren Bildungschancen übernehmen, die Bobby Wagner durch sein Engagement in der Stiftung der Historically Black Colleges and Universities (HBCU) unterstützt. Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen von Unternehmen und Schülern übernehmen, die er jeden Donnerstag zu Beginn seiner Pressestatements promotet oder sie zu gemeinsamen Besuchen bei Finanzunternehmen aus dem Silicon Valley einlädt.

Bobby Wagner, der nächste Hall of Famer der Seattle Seahawks

Und ja, ich bin mir bewusst: „Total stats don’t matter“ und Pro Football Focus (PFF) zitieren ist verpönt. Trotzdem lohnt sich ein Blick auf diese Statistiken, um ungefähr einzuordnen, in welchen elitären Sphären sich Bobby Wagner schon nach zehn Jahren in der NFL bewegt und warum er und nicht Russell Wilson der erste Seahawk aus der Carroll-Ära sein wird, der in Canton, Ohio, das nächste goldenen Jackett übergestreift bekommt. Als Maßstab für den besten Middle Linebacker aller Zeiten gilt aktuell Ray Lewis – und auch Brian Urlacher wird hier oft angeführt. Während der Mike-Linebacker der Chicago Bears laut PFF 2006 seine beste Saison mit einer Gesamtnote von 90,4 hatte, setzte Lewis 2009 den neuen Bestwert mit 91,3. Ein Wert der neun Jahre hielt, bis Bobby Wagner kam. Er wurde im Jahr 2018 von PFF mit 91,8 bewertet. Damit hat er Lewis als Maßstab in zumindest einer Kategorie überholt.

Unangefochten liegt der aber zum Beispiel in der Liste mit den meisten Tackles in der NFL-Geschichte vorne, mit 2.059. Wagner liegt mit seinem Seahawks-Franchise-Rekord von 1.383 aktuell an 17. Stelle der All-Time-Liste. Dabei gilt es aber zu bedenken, dass Wagner der einzige noch aktive Spieler in den Top-25 ist und Ray Lewis insgesamt 17 Jahre in der Liga spielte. Hier kann Bobby Wagner also mit Sicherheit in den nächsten Jahren noch nachlegen. Ob er, der seit 2014 jedes Jahr in den Pro Bowl gewählt wurde, was mit Sicherheit eine „nette“ aber dann doch mit viel Show belegte Auszeichnung ist, in einer anderen Kategorie aber noch einen drauflegen kann, ist unklar. Denn dank der immer stärker werdenen jungen Linebacker-Generation dürfte die prestigeträchtige Wahl ins First-Team All-Pro der AP von Jahr zu Jahr unwahrscheinlicher werden. Trotzdem: Selbst mit bislang sechs Nominierungen (Ray Lewis hat übrigens sieben) dürfte der Weg zu einer eigenen Bronze-Büste für Bobby Wagner schon jetzt vorgezeichnet sein.

Soweit die sport-romantischen Gedanken eines Fans an seinen Lieblingsspieler – und damit zur harten Realität der NFL. Denn die besteht nicht aus blau-grünen Einhörnern und Regenbögen, sondern heißt eindeutig: It’s just Business. Und genau das macht auch vor liebgewordenen Franchise-Legenden wie Bobby Wagner nicht halt. Denn Fakt ist: Obwohl er mittlerweile „nur“ 31 Jahre jung ist, haben auch zehn Jahre NFL an ihm genagt. Sein Football-Instinkt und seine Führungsqualitäten sind ohne jede Frage noch vorhanden, doch physisch baut auch Nr. 54 ab. Hier und da einen Schritt zu spät, der Griff beim Tackling nicht mehr so fest oder der Move gegen einen Blocker nicht mehr so entschlossen. All das trägt dazu bei, dass es aus geschäftlicher Sicht vollkommen klar ist, einem Off-Ball-Linebacker, dessen Positionswert in der modernen NFL ohnehin auf dem absteigenden Ast ist, nicht 20 Millionen US-Dollar pro Jahr zu zahlen. Hier den wortwörtlichen Cut zu machen und das metaphorische Pflaster abzureißen, ist logisch, auch wenn es aus Fan-Sicht richtig wehtut.

Allerdings wirft die Art und Weise, wie dieser ganze Prozess offenbar vonstattengegangen ist, Fragen auf. Warum wurde Wagner nicht persönlich über seine Entlassung informiert, bevor die Insider darüber berichteten? Ist die als familiär beschriebene Atmosphäre in der Zentrale der Seahawks in den letzten Jahren wirklich so toxisch geworden, wie gemunkelt wird? Hat sich Bobby Wagner deshalb von sich aus geweigert, einen Pay Cut zu nehmen oder seinen Vertrag zu restrukturieren? Waren dies überhaupt Optionen, die Pete Carroll und John Schneider in Betracht gezogen haben? Fragen über Fragen, die an dieser Stelle nicht davon ablenken sollen, dass es dann nun wirklich angebracht ist zu sagen: Bye-bye, Bobby!

Als Seahawks-Fan war es mir eine Freude, in dir nicht nur einen Lieblingsspieler, sondern auch ein Vorbild in vielen anderen Bereichen des Lebens gefunden zu haben. Deine Integrität, deine Leidenschaft für den Sport, deine Führungsstärke, deine Bescheidenheit und deine Mentalität dürften im Locker Room in Seattle auf Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte ein unerreichbarer Standard sein. Gerade deshalb tut es mir als 12er so weh, wie dein Abschied ablief. Wer was kommuniziert oder eben nicht kommuniziert hat, wer wann welches Angebot ausgeschlagen hat oder ob es überhaupt eins gab, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Verdient hat das Ganze ein zukünftiger Hall of Famer und eine Franchise-Legende wie du auf keinen Fall! Und genau deshalb wünsche ich dir auch alles erdenklich Gute für deine persönliche und sportliche Zukunft. Dass die jetzt nicht in Seattle, sondern ausgerechnet in Los Angeles liegt, bricht mir nicht nur das Fan-Herz. Normalerweise liebe ich es, emotionale Tribute-Videos anzuschauen, aber den Clip, den die Seattle Seahawks für dich zusammengeschnitten haben, kann ich mir auch nach mehr als einer Woche einfach nicht geben.

In diesem Sinne: Thank YOU, Legend, #54 forever!!!

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