Seahawks im Rückblick – Heute vor … elf Jahren: Head Coach Pete Carroll

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Die Seattle Seahawks im Jahr 2022. Nach dem erfolgreichsten Jahrzehnt der Franchise-Geschichte könnte nach der abgelaufenen Saison eine goldene Ära im Pacific Northwest zu Ende gehen. Seit 2012 gehörten die Seahawks zur Spitze der Liga, holten den ersten Super Bowl an den Puget Sound und waren nur ein Yard von einem zweiten Ring entfernt. Dazu waren die Playoffs seitdem, bis auf zwei Jahre, immer fest eingeplant. Auf die Art und Weise, wie sich Seattle zu einem NFL-Powerhouse entwickelte, wollen die German Sea Hawkers in den nächsten Monaten in einer fünfteiligen Serie zurückschauen. In Teil 1 geht es heute um den 12. Januar 2010, den Tag, an dem der neue Seahawks-Head Coach vorgestellt wurde: Pete Carroll.

Vor der NFL-Saison 2009 verpflichteten die Seahawks Jim Mora als neuen Cheftrainer. Doch nach einer enttäuschenden Spielzeit, die mit einer Bilanz von fünf Siegen bei elf Niederlagen auf dem dritten Platz in der NFC West und damit weit außerhalb der Playoffs endete, löste der Schleudersitz in Seattle aus und Mora war seinen Job schon wieder los. Auf der Suche nach einem neuen Head Coach fiel der Blick wenig später auf einen Mann, der in den letzten Jahren mit seinen USC Trojans den College Football in den USA mit prägte. Nachdem am 8. Januar 2010 die ersten Berichte ins Kraut geschossen waren, dass mit dem Kalifornier nur noch wenige Vertragsdetails auszuarbeiten waren, wurde es nur einen Tag später laut LA Times schon ganz konkret. Wenig später kam dann auch die Vollzugsmeldung, dass Pete Carroll und die Seahawks sich auf einen Fünfjahresvertrag geeinigt hatten. Dieser machte den damals 59-Jährigen nicht nur zum Cheftrainer, sondern auch zum Vice Persident of Football Operations. Drei Tage später wurde der neue mächtige Mann der Seattle Seahawks dann im Qwest Field der Öffentlichkeit vorgestellt.

Seahawks-Head Coach Pete Carroll: Die frühen NFL-Jahre

Als Spieler absolvierte Pete Carroll nie einen Snap in der NFL. Bis er das erste Mal mit der besten Football-Liga der Welt aktiv in Berührung kam, dauerte es bis zum Jahr 1984. Nach einem Jahr als Defensive Coordinator seiner Alma Mater, der University of the Pacific, holten die Buffalo Bills den 33-jährigen, ehemaligen College-Safety als Assistenztrainer für die Defensive Backs in den US-Bundesstaat New York.

Nach nur einem Jahr in der AFC East ging es für Carroll allerdings schon weiter nach Minnesota. Für die Vikings coachte er fünf Jahre lang erneut die Secondary, bevor es erste Avancen für einen Cheftrainer-Posten gab, allerdings am College an der Stanford University. Dieser Job ging dann aber doch an Dennis Green. Inzwischen hatte Pete Carroll Interesse bei den New Yorks Jets geweckt, die ihn schließlich 1990 als Defensive Coordinator einstellten. Nach vier Spielzeiten öffnete sich für ihn erneut die Tür für einen Head Coaching-Job, diesmal in der NFL. Doch nachdem Carroll erneut Green vor die Nase gesetzt wurde, blieb er bei den Jets, die ihn schließlich zur Saison 1994 zum Cheftrainer ernannten.

Obwohl er mit einer Bilanz von 6-10 am Ende der Saison alles andere als erfolgreich war und schlussendlich auch direkt wieder entlassen wurde, stach auch hier bereits sein in Seattle so legendär gewordener Enthusiasmus heraus. Eine von Carrolls ersten Amtshandlungen war die, ein Basketballfeld auf dem Parkplatz aufzumalen, auf dem er und seine Assistenten regelmäßig Drei gegen Drei spielten. Arbeitslos blieb der Kalifornier aber nicht lange. So holten ihn die San Francisco 49ers als Defensive Coordinator in seine Heimat. Obwohl der amtierende Super Bowl-Champion in den nächsten zwei Jahren keinen weiteren Titel holte, präsentierte sich Carrolls Defense so stabil, dass ihn die New England Patriots als Nachfolger von Hall-of-Famer Bill Parcells erneut in die AFC East holten. Nach zwei Playoff-Auftritten in drei Jahren und einer Bilanz von 34-33 für seine Teams, ging der erste Karriereabschnitt von Pete Carroll in der NFL 1999 mit der Entlassung durch die Patriots zu Ende.

Seahawks-Head Coach Pete Carroll: Der Weg der Trojaner zum College-Powerhouse

Nach einem Jahr Auszeit war es seine Tochter, die Pete Carroll zu seinem ersten Team führte, mit dem er seine Gegner über Jahre dominieren sollte. An der University of Southern California spielte Jamie im Jahr 2001 Volleyball und so informierte sich der Familienmensch, wie die Chancen stehen würden bei USC einen Job zu bekommen. Die Verantwortlichen des College waren zu diesem Zeitpunkt auf der Suche nach einem neuen Head Coach für das Football Team. Und nachdem die ersten drei Kandidaten nicht eingestellt wurden, war Carroll eigentlich nur vierte Wahl. Einen Fünfjahresvertrag bekam er trotzdem. Eine Entscheidung, die man auf dem Campus in Los Angeles nie bereuen sollte. Denn obwohl die Fans am Anfang fast schon gegen den neuen Cheftrainer rebellierten und die Trojans Carrolls erste Saison mit einer Bilanz von 6-6 abschlossen, sollte das Team im folgenden Jahr voll durchstarten.

Bis zum Ende der Saison 2009 sollten insgesamt 109 Siege bei nur 19 Niederlagen für USC stehen. Zwischen den Jahren 2002 und 2008 verloren die Trojans maximal zwei Spiele pro Spielzeit! 2004 zogen Carroll und sein Team ungeschlagen (11-0) in den Orange Bowl in Miami ein, wo man sich gegen die Oklahoma Sooners den Sieg im BCS National Championship Game sicherte. Auch die folgende Saison blieb die Truppe um Running Back Reggie Bush unbesiegt (12-0). Nur der Rose Bowl und der zweite College-Titel in Folge ging gegen die Texas Longhorns verloren. Kurz nachdem Carroll 2010 bei den Seahawks unterschrieben hatte, legte sich dann aber ein vermeintlich dunkler Schatten über die Rekord-Saison 2005. Weil ein Basketballer der Trojans (O. J. Mayo) und Bush in diesem Jahr unerlaubte Geschenke von ihren Agenten entgegennahmen, verstießen sie gegen die Regeln des College-Verbands NCAA. So waren die Athleten an den Universitäten bis Mitte des Jahres 2021 offiziell Amateursportler, die keinerlei finanzielle oder materielle Unterstützung von Sponsoren oder anderen Geldgebern in Anspruch nehmen durften. Dagegen hatte USC verstoßen und wurde fünf Jahre später drakonisch bestraft. So wurden den Trojans unter anderem alle Siege aus der Saison aberkannt, dazu wurde das Team für die Bowl-Spiele in 2010 und 2011 gesperrt. Bush gab später sogar freiwillig seine Heisman-Trophy für den besten College-Spieler des Jahres zurück.

All das erlebte Pete Carroll nicht mehr aus nächster Nähe, da er und seine Assistenten Ken Norton Jr., Rocky Seto und sein Sohn Brennan Carroll hier schon auf dem Weg nach Seattle waren.

Seahawks-Head Coach Pete Carroll: Seattles Meistermacher

Als Pete Carroll am 12. Januar 2010 das damalige Qwest Field betrat, um der Öffentlichkeit als neuer Head Coach der Seahawks vorgestellt zu werden, ahnten wohl nur wenige, wie groß sein Vermächtnis nach über zehn Jahren für die Franchise und die Sportstadt Seattle sein würde. Zumindest die Verantwortlichen um Teambesitzer Paul Allen wussten offenbar, was sie in Carroll hatten. Nicht umsonst machten sie ihn nicht nur zum Cheftrainer, sondern auch zum Vice President of Football Operations (VPFO). Damit hatte Pete Carroll so viel Macht und effektiv immer das letzte Wort, wenn es um sportliche Entscheidungen ging, wie sonst nur Bill Belichick bei den New England Patriots und seit zwei Jahren Ron Rivera beim Washington Football Team. Alle drei sind nämlich Head Coach und VPFO in einem.

Eine Position, derer sich Carroll von Anfang an bewusst war: „Sie haben die Art und Weise wie ich Dinge angehe und sehe, akzeptiert. Sie haben mir den Weg dafür freigemacht, damit ich die Möglichkeit habe, alles nach meiner Philosophie umzusetzen.“ Bis heute verfährt der Seahawks-Head Coach genauso, weil er weiß, dass er die volle Rückendeckung der Ownership hat. Genau wie vor elf Jahren, als er neben Allen mit Seahawks-CEO Tod Leiweke einen mächtigen Fürsprecher hatte, der auf Carrolls Vorstellung gleich die Richtung für das gesamte Team vorgab: „Heute gibt es neue Hoffnung für die Seahawks und die Möglichkeit, wieder von Titeln zu träumen.“

Auf dem Weg zum erfolgreichsten Trainer der Franchise-Geschichte, mit bis heute 119 Siegen, 73 Niederlagen und einem Unentschieden, wagte Pete Carroll schon im ersten Jahr seiner Amtszeit den totalen Umbruch. Gemeinsam mit dem neuen General Manager John Schneider begann er mit Signings, Trades und Picks von fast 200 Spielern den Kader der Seahawks nach seinem Mantra zu formen. Dazu brachte er, wie es in der NFL absolut üblich ist, seine Assistenten mit und installierte viele von ihnen in entscheidenden Positionen im Coaching Staff. Und obwohl seine erste Saison im Pacific Northwest mit einer Regular Season-Bilanz von 7-9 alles andere als glattlief, setzte Pete Carroll hier bereits Glanzlichter, die für viele 12s heute den Mythos der modernen Seahawks ausmachen.

Nachdem das Duo Carroll/Schneider in ihrem ersten NFL-Draft mit Earl Thomas und Kam Chancellor zwei Stützen der späteren Legion of Boom nach Seattle geholt hatten, gingen sie am 5. Oktober 2010 einen ihrer ersten prominenten Trades ein. So schickte man zwei Draft-Picks zu den Buffalo Bills im Tausch gegen eine gewissen Marshawn Lynch. Und genau der stürmte mit seinen neuen Teamkollegen trotz negativer Bilanz in die Playoffs, wo man als NFC West-Champion in der Wild Card-Round im heimischen Stadion auf die New Orleans Saints traf. Am Ende dieses Spiels hatte Pete Carroll in seiner ersten Spielzeit als Chef an Seattles Seitenlinie nicht nur direkt seinen ersten Playoff-Erfolg – ausgerechnet gegen den amtierenden Super Bowl-Champion – mit dem Team eingefahren. Nein, er, seine Spieler, der Coaching Staff, über 60.000 12s im Stadion und Millionen an den TV-Geräten waren gleichzeitig auch Zeugen des Plays geworden, das wie keines sonst den Weg der Seattle Seahawks an die Spitze der NFL symbolisierte: das Beast-Quake.

Damit hatte der Meistermacher Pete Carroll am Puget Sound offiziell und wortwörtlich das Biest in seiner neuen Franchise geweckt.

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