Mein Treffen mit Marshawn Lynch bei den Vienna Vikings

Marshawn Lynch

Kaum eine Persönlichkeit verbindet man so sehr mit den Seattle Seahawks der 2010er Jahre wie RB Marshawn Lynch aka Beast Mode. Da ich genau zu seiner Blütezeit selbst RB gespielt habe, war er für mich vor allem ein Football-Idol und ein Grund die Seahawks lieben zu lernen. Als es also hieß, dass Beastmode in meine Heimatstadt Wien zum Season Opener der Vienna Vikings kommen würde, waren zwei Dinge klar für mich: Tickets kaufen und den 23. Mai dick im Kalender markieren.

Zu dem Zeitpunkt war mir noch nicht klar, wie nah man der Seahawks-Legende kommen würde und welches lustige Gespräch sich womöglich ergeben würde. So viel vorweg: Auch für mich hieß es am Ende so viel wie “I’m just here so I won’t get fined”. Doch der Reihe nach.

Lynch’s Ankunft in Wien

Die Ankündigung, dass Lynch den Coin Toss beim ersten Spiel der neu gegründeten AFLE machen würde, wurde erst gut eine Woche zuvor auf Social Media bekannt gegeben. Zunächst war nicht ganz klar, was sich Fans erwarten dürfen. Fotos? Meet & Greets? Autogramme? Fest stand nur, man würde ihn “live im Stadion sehen”.

Auf dem Instagram Account der Vienna Vikings konnte man zumindest ein paar Einblicke in Lynchs Zeit in Wien gewinnen. Persönlich von Vikings-Owner Robin Lumsden abgeholt, folgte ein Spaziergang durch die Innenstadt und eine stereotypische Fiaker-Fahrt (Pferdekutsche). Beastmode schien sich durchaus zu amüsieren, viel mehr öffentliche Auftritte folgten bis zum Gameday allerdings nicht. Lediglich ein Besuch beim Nachwuchstraining der Vienna Vikings wurde noch gepostet, bei dem Lynch kurzer Hand zum Coach wurde und den Spielern mit Sicherheit eine unvergessliche Einheit bescherte.

Hände schütteln und Lächeln mit Beast Mode

Kurz vor dem Spieltag war es dann soweit. Ein Instagram-Post verriet, dass man Marshawn Lynch kurz vor dem Spiel für Fotos und Autogramme persönlich treffen könnte. Eine Möglichkeit, die ich mir natürlich nicht entgehen lassen wollte. Der Haken: Sicher war das Meet & Greet nur mit dem Kauf eines auf 100 Stück limitierten “Vienna Vikings x Beast Mode“ T-Shirts. (Für alle, die es nicht wissen, Lynch vertreibt seine eigene Bekleidungsmarke unter eben diesem Namen). Den stolzen Preis sollte ich erst unmittelbar davor erfahren.

Pünktlich erschien ich also beim Stadion des Wiener Sport Clubs, eine lange Schlange an einem Seiteneingang hatte sich bereits gebildet und mir war klar “Die sind wohl alle für Marshawn da”. Ich hatte allerdings noch das Glück, eines der limitierten T-Shirts zu ergattern, vielleicht schreckte aber auch der Preis den ein oder anderen Fan ab. Mir war das aber egal und so stand ich schon in der Schlange für meinen ganz persönlichen Beast Mode-Moment.

Die Vikings-Verantwortlichen waren wirklich bemüht, dass auch jeder Shirt-Besitzer zu seinem Foto kam und so musste sich jeder Fan entscheiden “Foto oder Autogramm?”. Die Zeit bei Lynch, der auf einem Hocker hinter einem kleinen Tisch saß, war für jeden einzelnen streng begrenzt, aber so war ich trotz meiner schlechten Position in der Schlange schnell an der Reihe. Ein kurzer Handschlag, 1-2 wertschätzende Sätze von mir (falls er diese Sätze in meiner Aufregung überhaupt verstanden hat) und ein einfaches “Appreciate it” von seiner Seite. Sechs Fotos und ein Fist Bump zur Verabschiedung und dann war es auch schon wieder vorbei, mein kleiner Jugendtraum. Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu grinsen.

Lynch und die Medien

Bevor ich weitermache, noch ein paar kurze Anmerkungen zu der Person Marshawn Lynch. Denn ich war durchaus überrascht, dass genau er zu einem Promo-Event nach Wien kommen würde. Lynch, der doch öffentliche Auftritte gar nicht gerne mochte und mit dem Satz “I’m just here so I won’t get fined” (= “Ich bin nur hier, um keine Strafe zu erhalten”) ikonisch wurde. Bei verpflichtenden Presseterminen war das nämlich beinahe die einzige Antwort, die er Journalisten gegenüber gab.

Was genau Marshawn Lynch für seinen Besuch bekam, ist nicht klar. Fest steht nur, dass er mit Vikings-Import DB Marloshawn Franklin Jr. befreundet ist, der das wohl irgendwie eingefädelt hat. Während dem gut 30-minütigen Meet & Greet wirkte Lynch gelassen und entspannt, vielleicht auch durch die Rap-Musik, die er auf seinem Handy spielte und zu der er sich bewegte. Nach einer halben Stunde war es dann auch wieder vorbei und Marshawn verschwand im Stadion.

Coin Toss und Besuch im VIP-Bereich

Vor dem Spiel ließ sich Lynch immer wieder an der Seitenlinie blicken, scherzte mit Spielern und warf den einen oder anderen Ball. Kurz vor dem Anpfiff dann eine kurze Ankündigung des Stadionsprechers und an der enthusiastischen Reaktion des Publikums merkte man, Beast Mode mag vielleicht schon in der NFL-Pension sein, aber Fans hat er immer noch genug und nicht nur in den Reihen der 12s. Es folgte ein Foto mit einem langjährigen Seahawks Fan, der ein großes Portrait des Star-RBs dabei hatte, bevor er sich abermals ins Stadion-Innere zurückzog. Nicht nur ich beobachtete ihn in dieser Zeit, auch andere Fans hatten sich zum Spielfeldrand bewegt, um nochmal ein Foto oder Autogramm zu ergattern. Beast Mode ist noch immer topaktuell.

Spätestens beim Coin Toss waren dann alle Augen auf ihn gerichtet. So viele Fotografen hatte ich um einen Münzwurf noch nie versammelt gesehen. Auch wenn dieser Moment groß angekündigt war, war es vermutlich der unspektakulärste. Aber wer wollte, hatte ihn zuvor ohnehin schon ein wenig in Action sehen können. Bei Lynch schien nun aber endgültig die soziale Batterie verbraucht und so verbrachte er die erste Halbzeit im VIP-Bereich.

Frisch erholt, gesellte er sich in der 2. Halbzeit wieder ans Spielfeld. Beast Mode schien wieder gut aufgelegt. Warf ein paar Bälle mit seinem Freund Franklin Jr., quatschte mit Spielern und Trainern und verfolgte die restliche Zeit eines dominanten Vikings-Sieges von der Seitenlinie und gegen Ende von der etwas geschützteren und privateren Ersatzbank. Schlussendlich war es aber das, was die Fans sehen wollten und ich erfuhr auch im Nachhinein noch, dass man sich freute, diese Seahawks-Legende aus verhältnismäßig kurzer Distanz sehen zu können.

(Marshawn Lynch nach dem Coin-Toss und mit seinem Freund Marloshawn Franklin Jr.)

“I’m just here so I won’t get fined”

Am Ende des Spiels durfte ich sogar auf das Feld, um kurz mit Lynch zu sprechen, der auch nach dem Spiel noch auf der schützenden Ersatzbank sitzen blieb. Ich nahm all meinen Mut zusammen, wartete kurz ehe er sein Gespräch mit einem AFLE-Verantwortlichen pausierte und stellte mich kurz als Teil der German Seahawkers Redaktion vor. Auf meine Frage nach einer kurzen Wortmeldung erhielt ich nur ein ernüchterndes aber lächelndes “No I’m good” (dt. Nein, passt schon) als Antwort. Im ersten Moment war ich etwas perplex, hatte ich damit nicht gerechnet.

Am Ende des Tages war diese Antwort aber eines: authentisch. genau genommen die authentischste Lynch-Begegnung überhaupt. Ich war genau einer der Medienvertreter, mit denen er noch nie sprechen wollte, nur war seine Antwort diesmal etwas netter.

Eine Reaktion und Entscheidung, die man nur akzeptieren kann. Woran auch immer es liegen mag, dass Lynch die Medien scheut, es ist sein gutes Recht. Er ist dabei geradlinig, macht Dinge nicht einfach nur weil sie von ihm erwartet werden, sondern hat seine eigene Meinung, bei der er bleibt und die er durchzieht.

Am Ende musste dann ein Security abgestellt werden, damit Betreuer, Spieler, Cheerleader und wer sich sonst an der Seitenlinie herumtrieb nicht geradewegs auf ihn zuging und mit ihm für ein Foto posierte. Wohlgemerkt telefonierte er nebenbei auf Lautsprecher oder war im Austausch mit Verantwortlichen und wollte dabei auch nicht gestört werden. Wenn aber ein Kind oder ein höflich fragender Fan vorbeikam, nahm er trotzdem noch den Stift für ein Autogramm in die Hand oder erlaubte ein Foto.

Ob Beast Mode wohl froh ist, wieder zurück in den USA zu sein? Ich denke schon, auch wenn er dort mit Sicherheit auch oft genug erkannt wird. Aber ein Football-Gameday, wo er der Stargast ist, ist dann doch nochmal etwas anderes. Für mich ist und bleibt er eine absolute Seahawks-Legende. Und das nicht nur wegen seiner unglaublich guten Leistung auf dem Feld, sondern weil er ein ganz eigener und unverwechselbarer Charakter war und immer noch ist.

Ein Besuch bei den Vienna Vikings lohnt sich

Bei diesem Bericht sollen aber auch die Vienna Vikings nicht zu kurz kommen, die mir im Rahmen einer Presseakkreditierung nicht nur einen tollen Platz, sondern auch die Möglichkeit des kurzen Austauschs mit Marshawn Lynch nach dem Spiel ermöglicht haben. Ein Besuch lohnt sich aber auch ohne Stargäste wie Beast Mode.

Die Vienna Vikings spielen dieses Jahr in der neugegründeten AFLE auf europäischem Topniveau gegen Teams wie Rhein Fire oder eben die bereits erwähnten Berlin Thunder. Das frisch renovierte Stadion des Wiener Sportclubs, das abgesehen von der Begegnung gegen Rhein Fire (in der größeren Generali Arena) die diesjährige Heimstätte ist, bietet dabei eine geeignete Kulisse. Die richtige Stimmung kommt auch schon vor dem Spiel in der Pregame-Area direkt vor dem Stadion mit Musik, Gastronomie, Merchandise, Mitmach-Stationen, Maskottchen und Einlagen des Vikings Spirit Squads auf.

Schlussendlich merkt man vor allem auch, dass sich auch der europäische Football weiterentwickelt und das Drumherum immer professioneller gestaltet wird. Und auch wenn es (noch) nicht die NFL ist, ist es für mich immer noch die interessanteste und coolste Sportart, die es gibt. Wer also die Seahawks-freie-Zeit ein wenig überbrücken möchte, kann an einem Besuch bei den Vienna Vikings defintiv Gefallen finden.