© Toledo


© Toledo
Bud Clark, Julian Neal, Andre Fuller und Michael Dansby – 50 Prozent der eigenen Draft-Picks 2026 für Defensive Backs verwenden, ist genau das Vorgehen, das man von einem auf die Verteidigung spezialisierten NFL-Cheftrainer erwartet. Mike Macdonald hat sich seine Ressourcen aber nicht so eingeteilt, weil er kompromisslos sein eigenes Profil schärfen will. Der Head Coach muss zwei Stammspieler seiner Secondary ersetzen: die in der Free Agency abgewanderten Coby Bryant (Chicago Bears) und Tariq Woolen (Philadelphia Eagles).
Dass Andre Fuller als Siebtrundenpick dabei eine prominente Rolle zukommen wird, ist zunächst mal unwahrscheinlich. Dennoch hat der Passverteidiger Fähigkeiten, mit denen er gut ins Defensivsystem der Seattle Seahawks passen könnte.
Was genau macht Andre Fuller aber aus und warum hat der amtierende Super Bowl-Champion ihn so früh im NFL-Draft 2026 ausgewählt? Das und noch mehr beantworten wir euch in diesem Artikel. In der Rubrik „See A Hawk“ stellen wir in den kommenden Tagen die Draft-Neuzugänge der Seattle Seahawks etwas genauer vor.
Kurzinfos:
College-Statistiken (2025):
Andre Fullers Weg in die NFL ist alles andere als die Geschichte eines Supertalents über alle Entwicklungsstufen hinweg. Als ältestes von sechs Kindern seiner Familie wuchs er mit seiner Mutter in Palm Beach, Florida, auf. An der Seminole Ridge Community High School spielte er als Cornerback und Wide Receiver und wurde 2019 in seinem Abschlussjahr als All-County- und All-District-Spieler ausgezeichnet. Trotzdem bewerteten ihn die Scouts nicht als vielversprechendes Talent fürs College: null Sterne.
Die FBS als höchste College-Spielklasse blieb für ihn deshalb zunächst ein Wunschtraum. Fuller unterschrieb im Corona-Jahr 2020 als Walk-on (also ohne Stipendium) bei Arkansas-Pine Bluff und spielte zwei Spielzeiten für das FCS-Programm. 2021 wurde er zum Starter und empfahl sich für höhere Aufgaben. Durch eine Verbindung zu Assistenztrainer Ross Watson wechselte er nach Toledo in die FBS und war dort 2022 und 2023 als Reserve-Safety im Einsatz.
Für seine vermeintliche Abschlusssaison 2024 wechselte er dann auf die Position des Cornerbacks, zog sich jedoch eine Rumpfmuskelverletzung zu und verpasste nach der Operation den Rest der Saison. Dadurch konnte er 2025 noch ein Jahr dranhängen und endlich als Stammspieler auf höchstem Niveau. Der heute 24-Jährige wurde in die Auswahl seiner Conference (MAC) berufen.
Obwohl er nur ein Jahr lang Stammspieler in der FBS war, spielte sich Fuller mit seiner Leistung im Jahr 2025 zum Draft-Kandidaten empor, nach insgesamt sechs College-Saisons. Gefühlt ist er älter als der blutjung in die NFL gekommene Sam Darnold (aktuell 28).
Ist das etwa Tariq Woolen in etwas kleiner? Die Highlights von Andre Fuller riechen nach einem physischen Mann-gegen-Mann-Verteidiger, der immer seine langen Arme ins Spiel bringt und damit Schwachstellen in der Beintechnik kompensiert.
Toledo CB Andre Fuller (Rd 5-6):
+ 6’2”, 202 lbs
+ 56.5 passer rating allowed in 2025
+ Length and ball-tracking skills
+ Fluid mover with size
+ Aggressive downhill tackler
– Older prospect as a sixth-year
– Small sample size vs. P4 talent
– Crispness pic.twitter.com/TkvSD5U36U— Jacob Infante (@jacobinfante24) January 2, 2026
Für einen Outside-Cornerback hat Fuller gute Maße und Arme, mit denen er seinen Gegenspieler bereits an der Line of Scrimmage kontrollieren kann. NFL-Trainer lieben das, Mike Macdonald wird verzückt sein. Mit kräftigen Armstößen stört er die Laufwege von Receivern hart, aber fair. In freien Flächen und bei geradlinigen Bewegungen kann er seine Geschwindigkeit ausspielen und Rückstände aufholen. Das macht ihn zu einem Special-Teams-Kandidaten in der Kickoff und Punt Coverage und könnte sein direktester Weg in den Spieltagskader sein. Nicht zu unterschätzen: kein Stenre-Ranking an der Highschool, College-Aufstieg, Verletzung. Immer wieder hat Fuller in seiner Karriere gezeigt, dass er sich nicht davon definieren lässt, wie andere ihn bewerten. Das sollte er sich auch in der NFL zu Herzen nehmen.
So vorteilhaft seine langen Arme sind, Fuller wiegt sich dadurch öfter zu sehr in Sicherheit und schludert bei der Beinarbeit. Beim Übergang vom Rückwärtsschritt in den Sprint verliert er einen Schritt und hängt gegen schnelle Receiver hinterher. Seine Spitzengeschwindigkeit hilft ihm dabei, den Abstand wieder zu verringern, aber in der NFL könnte es dann bereits zu spät sein. Hier muss ihm das Defense-Schema helfen.
Den Football in der Luft zu lokalisieren, gehört zu seinen Schwachstellen. Zu oft attackiert er regelwidrig den Gegenspieler, anstatt sich umzudrehen und den Ball zu spielen. Bei komplexen Passrouten wirkt Fuller hüftsteif und Doppeltäuschungen sowie scharfe Richtungswechsel sind sein Kryptonit. An der Bereitschaft zum Körperkontakt in der Laufverteidigung (nicht selbstverständlich) scheitert es bei Fuller nicht, doch an seiner Tackling-Technik muss er in Seattle ebenfalls arbeiten, denn er rennt oft aufrecht in den Ballträger hinein und bringt seinen Gegenspieler so nicht zu Boden.
Die Seahawks hatten Andre Fuller Berichten zufolge als potenziellen Fünftrundenpick auf ihrem Draftboard. Damit waren sie wohl alleine, sonst hätten sie ihn in der siebten Runde nicht mehr bekommen. Der Cornerback ist eine Antwort auf Seattles zuletzt stark verringerte Tiefe auf der Position. Fuller hat ähnliche Maße und ähnliches Tempo wie Drittrundenpick Julian Neal, aber eben kein so starkes Arbeitszeugnis.
Die Seahawks haben Noah Igbinoghene in der Offseason einen Einjahresvertrag mit einer Dreiviertelmillion US-Dollar gegeben. Er sollte gemeinsam mit Neal die erste Ersatzreihe für Devon Witherspoon und Josh Jobe darstellen. Dahinter kämpft Fuller mit Nehemiah Pritchett, Shemar Jean-Charles und Michael Dansby um einen Kaderplatz. Sein Vorteil: Er ist vielseitig. Cornerback, Nickel und Safety hat er in Toledo schon gespielt, die Special Teams gehörten auch zu seinen Aufgaben.
„Ihr bekommt einen harten Arbeiter, der alles für den Sieg gibt; alles fürs Team gibt, um zu gewinnen“, sagte Fuller über sich selbst. „Ich bin ein guter Teamkamerad, guter Bruder.“ Letzteres passt gut in die Kultur, die Mike Macdonald in Seattle etabliert hat. Ersteres wird er sein müssen, um über die Practice Squad hinaus einen Impact zu haben.