© IMAGO/Brent Soule


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John Schneider machte im diesjährigen Draft seinem Ruf wieder alle Ehre und wählte bereits mit Pick-Nr. 32 einen Running Back in der Person von Jadarian Price aus. Statt eines „Trades“, der im Raum stand, hieß es „Stick and Pick“ für einen Spieler, der eine offensichtliche Lücke im Team füllen soll. Price wurde von Experten bereits im Vorfeld häufig zu den Seahawks prognostiziert, primär aufgrund des Abgangs von Ken Walker III und der schwachen Runningback-Gruppe im NFL-Draft 2026. An welcher Position Seattle einen Running Back auswählen würde, war ein häufig diskutiertes Thema. Vor allem, weil der Position an sich im Draft heutzutage verhältnismäßig wenig Wert zugeordnet wird.
Besonders kurios: Price war bei seinem College nicht einmal der Starter. Aber bei genauem Hinsehen wird klar, dass Seattles Erstrunden-Pick kein einfacher Backup war. Im Schatten von Nr. 3-Overall-Pick Jeremiyah Love überzeugte Price mit seinen ganz eigenen Fähigkeiten und weckte die Aufmerksamkeit von Experten und Teams.
Was genau macht Jadarian Price aber aus und warum hat der amtierende Super Bowl-Champion ihn so früh im NFL-Draft 2026 ausgewählt? Das und noch mehr beantworten wir euch in diesem Artikel. In der Rubrik „See A Hawk“ stellen wir in den kommenden Tagen die Draft-Neuzugänge der Seattle Seahawks etwas genauer vor.
Kurzinfos:
College-Statistiken (2025):
Jadarian Price stammt aus Denison in Texas, wo er die gleichnamige High School besuchte und für das zugehörige Footballteam spielte. Mit fast 5.000 Yards in 39 Spielen und einem Durchschnitt von über 9 Yards pro Lauf in seiner letzten Saison machte er dabei gehörig auf sich aufmerksam und gehörte als 4-Sterne-Recruit zu den begehrtesten Running Backs des Landes. Price entschied sich nach seinem Schulabschluss für die University of Notre Dame, wo er jedoch gleich seine erste Saison aufgrund eines Achillessehnenrisses verpasste.
Doch er erholte sich und stand in seiner ersten „richtigen“ Saison in jedem Spiel auf dem Platz und trug etwa mit vier Touchdowns zum Teamerfolg bei. Star-RB Jeremiyah Love wurde 2026 im selben Draft bereits mit dem Nr.3-Pick von den Arizona Cardinals ausgewählt und war der durchgehende Starter im Team. Dennoch sicherte sich Price in den darauffolgenden zwei Saisons mit guten Leistungen einen erheblichen Anteil (ca. ein Drittel) an den Laufspielzügen der „Fighting Irish“. Übrigens gab es in der modernen Draft-Ära zuvor kein Duo derselben Schule, das mit den ersten zwei Picks auf der Runningback-Position im selben Jahr gedraftet wurde.
Price‘ persönliche Geschichte ist zudem nicht die einfachste: Schließlich erkrankte seine Mutter an Brustkrebs, als er 12 Jahre alt war. Da sie alleinerziehend war, musste der junge Jadarian sich zu diesem Zeitpunkt viel um sich und seine beiden jüngeren Geschwister kümmern. Seine Mutter besiegte schließlich den Krebs und konnte so auch bei diesem besonderen Moment an seiner Seite sein. Eine große Inspiration und Motivation für Price, wie er selbst sagt. Und wie es das Schicksal wollte, war es ausgerechnet ein junger Mann aus dem Make-a-Wish-Programm, der zweimal den Krebs besiegt hatte, der seinen Pick am Ende dieses langen Abends verkündete. Das fand auch Jadarian Price ganz besonders.
Eines wurde spätestens mit dem frühen Pick für Price klar: Der RB von Notre Dame soll auf kurz oder lang Super Bowl-MVP Ken Walker III beim amtierenden Champion ersetzen. Eine große Aufgabe, obwohl beide Spieler gewisse Ähnlichkeiten aufweisen. Wobei eine der größten Stärken von Price eine häufige Schwachstelle von Walker ist und war: die Fähigkeit, das Feld und die Defensive konstant zu lesen.
So versteht es der 2026er First-Round-Pick der Seahawks wie kaum ein anderer Running Back im diesjährigen Draft, die gegnerische Defensive blitzschnell zu analysieren, die richtigen Entscheidungen zu treffen und Geschwindigkeit sowie Winkel an die jeweilige Situation anzupassen. Price handelt schlau und überlegt und holt konstant den Raumgewinn heraus, den die O-Line freiblockt. Häufig jedoch deutlich mehr, was seinen Schnitt von 6 Yards pro Lauf in der vergangenen Saison unterstreicht.
Dabei nutzt der Mann, der in Seattle jetzt mit der Trikotnummer 8 auflaufen wird, gerne auch sogenannte Cutback-Lanes, also offene Wege auf der Rückseite des Plays, ohne diese zu provozieren und vermeintlich bessere Optionen liegen zu lassen. Price versteht das Play und fühlt sich insbesondere im Zone-Blocking-Scheme, das fundamental für die Seahawks-Offense ist, sehr wohl, wie er selbst betont. Dabei verliert er auch die Endzone nicht aus den Augen, orientiert sich immer wieder vertikal und verschwendet nicht unnötig viel Zeit damit, von links nach rechts zu laufen. Diese Stärken konnte er auch als Kickoff-Returner ausspielen, eine Rolle, in der er in seiner letzten Saison sogar zwei Touchdowns erzielte.
JADARIAN PRICE 47-YARD RUN FOR THE FIRST TOUCHDOWN OF THE GAME ☘️
— College Football Report (@CFBReport) September 1, 2024
Dass Price seine Fähigkeit, das Spiel und die Defensive zu lesen, auch entsprechend auf den Platz bringen kann, verdankt er seiner hervorragenden Athletik. Er ist ein schneller Running Back, der den Ball bei langen Plays auch bis in die Endzone tragen kann. Allerdings liegt seine größte Stärke im plötzlichen und präzisen Richtungswechsel. In dieser Kategorie hat er vielleicht sogar die Nase vorn, vor seinem Ex-Teamkollegen und kommendem NFL-Superstar Jeremiyah Love.
Diese Attribute prägen auch seinen Spielstil, der sich dadurch auszeichnet, dass Price vielmehr an seinen Gegenspielern „vorbeiläuft“ als Tackles zu brechen oder durch außergewöhnliche Moves die Defensive ins Leere laufen zu lassen. Es ist diese Kombination aus Spielverständnis, schneller Auffassungsgabe und Read-Fähigkeit sowie der nötigen Athletik, die Jadarian Price zu einem überaus soliden Spieler und potenziellen Starter auf der Running Back-Position macht.
Oh my lord this Arkansas defense. Good for Jadarian Price tho pic.twitter.com/zCxZQ84SzE
— Billy M (@BillyM_91) September 27, 2025
Die größte Schwäche von Jadarian Price könnte langfristig sogar zu einem Vorteil für den First-Round-Pick werden: seine bisher eher geringe Spielzeit. Im Schatten von Jeremiyah Love sammelte Price in drei vollen Seasons bei den Fighting Irish „lediglich“ 280 Läufe und 15 Catches (Love im Vergleich: 433 Läufe und 63 Catches). So ist hauptsächlich seine Fähigkeit als Passempfänger und Blocker noch eher unbekannt oder ausbaufähig. Seine wenigen Einsätze in diesem Gebiet sind aber wohl nicht unbedingt auf sein Können, sondern vielmehr auf seinen überragenden Teamkollegen zurückzuführen.
Price ist also in dieser Hinsicht teilweise noch eine Wundertüte, jedoch mit einer Menge Potenzial, wenn man bedenkt, wie er sich im Open Field bewegt. Auf der anderen Seite ist Price noch frisch und hat bisher nicht sonderlich viele Plays in den Beinen, was langfristig seiner Fitness, Verletzungsanfälligkeit und damit Verfügbarkeit helfen kann. Denn wie sagt man so schön in der NFL: „The best ability is availability“.
Außerdem ist Price nicht der kräftigste Running Back. Das macht sich beim Pass-Blocking, aber auch im Laufspiel bemerkbar. Seine Stärke sind daher nicht unbedingt die kurzen Runs, bei denen er Tackles brechen muss. Dennoch kann er durch seine guten Read-Fähigkeiten auch in solchen Situationen seine Stärken ausspielen. Nicht zuletzt deshalb fand Price im vergangenen Jahr 13 Mal die Endzone. Und für die ganz kurzen First Downs haben die Seahawks mit Zach Charbonnet ohnehin den passenden Spieler bereits in den eigenen Reihen.
Ist Jadarian Price aus jetziger Sicht den 32. Pick im Draft wert (gewesen)? Für ein Team, das als amtierender Super Bowl-Champion zumindest kurzfristig nur wenige Lücken im Kader hat und bereit ist, erneut anzugreifen, definitiv. Insbesondere in einem Draft mit verhältnismäßig wenig Talent hinter ihm auf der Running Back-Position. Price ist eindeutig als Ersatz für Walker einzuordnen und wird vermutlich früh eine tragende Rolle in der Offense übernehmen. Auch weil noch unklar ist, wann und in welchem Umfang Charbonnet nach seiner Verletzung wieder zurückkommen kann. Mit seinen Fähigkeiten, die aktuell kein Seahawks-Running Back in diesem Ausmaß besitzt, ergeben sich für Neu-OC Brian Fleury weitere Optionen im Laufspiel.
Und zu guter Letzt kommt mit Jadarian Price ein überaus sympathischer und bodenständiger Spieler in den Pacific Northwest. Also ein echter „Character Pick“, wie es für die Seahawks mittlerweile schon typisch ist, der noch einiges an Potenzial hat. Es bleibt abzuwarten, zu was für einem Running Back er sich noch entwickelt, Optimismus ist aber definitiv angebracht.