Vogelperspektive #4: Aus Acht mach Elf

Liebe Leser, ich weiß, ich weiß… ihr lechzt nach dem nächsten Freundin-Vergleich, aber da muss ich euch zu Beginn dieser Episode leider erst einmal enttäuschen. „Aus Acht mach Elf“ ist nicht etwa eine Zusammenfassung meiner persönlichen Mädchen-die-ich-küssen-durfte-Statistik zwischen der 7. und 12. Klasse (obwohl auch das zutreffen könnte), sondern die diesjährige Draft-Formel von Seahawks-Manager John Schneider.

Acht Picks standen für das Football-Team aus Seattle vor Beginn der jährlich stattfindenden Talentziehung zu Buche. Ein Pick kann sinngemäß mit Auswahlrecht übersetzt werden. Der NFL Draft besteht aus sieben Runden, in denen jedes Teams in der Regel mindestens einmal wählen, also picken darf. Nur einmal? Naja, ich sag ja, mindestens einmal. Die NFL-Obrigkeiten haben sich nämlich jede Menge Kniffe einfallen lassen, um die Anzahl der Picks variabel zu gestalten. Bereits im September der vergangenen Saison war klar, dass die Seahawks einen Pick für den NFL Draft 2017 verlieren würden, da in der Vorbereitung mit zu viel Körpereinsatz trainiert wurde. Eine dieser Regeln, bei denen man sich fragt, wozu in Gottes Namen sie gut sein soll. Man darf doch wohl von Spielern, die in der kompletten Saison nichts anderes machen, als volles Karacho in andere Spieler hineinzubrettern (oder zu versuchen, den Gegenspielern auszuweichen) erwarten, selbst einschätzen zu können, mit wie viel „Elan“ sie das teaminterne (!) Training bestreiten. Jedenfalls sind durch diese Strafe aus den sieben Picks, die jedem Team standesgemäß zustehen, sechs geworden.

Nun haben die Seahawks durch den Abgang der Free Agents Bruce Irvin, Brandon Mebane, Russell Okung und J.R. Sweezy allerdings zwei zusätzliche Compensatory Picks erhalten. Ich sehe schon vor mir, wie ihr gerade in der Bahn sitzt, Kopfhörer auf den Ohren habt und den Blick zu dem Unbekannten gegenüber hebt: „Der Typ schreibt von Compensatory Picks. Was ist das denn nun wieder?“, flüstert es in eurem Kopf. Und ganz ehrlich, so genau weiß ich das auch nicht. Das Prinzip ist zwar einfach erklärt: Je nachdem, wie hochkarätig die Free Agents, die ein Team am Ende der Saison verlassen haben, eingestuft werden, erhält dieses Team zusätzliche Picks. Aber die Details (wie genau die „Hochkarätigkeit“ berechnet wird) entzieht sich meinen Internet-Recherche-Fähigkeiten. Sei es drum, durch diese Regelung sind aus den verbliebenen sechs Picks schwuppdiwupp acht geworden.

Und jetzt kommt der zweite Teil der Formel. Diese acht Picks waren nämlich nie in Stein gemeißelt. NFL-Teams dürfen miteinander verhandeln, um für einen entsprechenden Einsatz bessere Pick-Positionen, also in der zeitlichen Abfolge früher anstehende Picks, zu ergattern. Das Pick-abgebende Team erhält dafür natürlich eine Ausgleichsleistung. In der Regel besteht diese aus mehreren späteren Picks des Teams, an das sie den eigenen Pick abgeben. Diesen Vorgang nennt man Trade und das kann schon mal dazu führen, dass ein Pick genauso häufig den Besitzer wechselt wie dein Feuerzeug unter Rauchern auf der letzten Einweihungsparty. Spannend sind Trades besonders in der 1. Runde, da die potenziell besten Spieler am Anfang weggehen. Deshalb sind viele Teams überaus interessiert an solchen Wechselspielchen. Auch bei den Seahawks war ein sogenannter „Uptrade“ im Gespräch. Gerade in Bezug auf die wackelige O-Line hatte der ein oder andere Experte in Aussicht gestellt, dass die Seahawks Picks (oder sogar Spieler) sausen lassen könnten, um früher in der 1. Runde wählen zu dürfen. Am Ende kam es aber ganz anders: Seattle gab frühe Picks ab, um dadurch mehr zusätzliche Picks in späteren Runden zu erhalten. Das hat General Manager John Schneider geschickt eingefädelt.

Zunächst wurden aus den acht Picks durch einen Trade mit den Atlanta Falcons zehn und dann durch einen weiteren Trade mit den 49ers sogar elf Picks. Dass so ein Szenario in keinem der mir bekannten Mock Drafts (Draft-Simulationen) aufgetaucht war, überrascht dann doch, wenn man sich vor Augen führt, dass die Seahawks ihren ursprünglichen Erstrundenpick damit bereits das sechste Jahr in Serie getraded haben. John Schneider machte auch nie einen Hehl daraus, lieber mehr Spieler wählen zu wollen als einen speziellen Kandidaten sehr früh im Draft. Allerdings bedachte Mr. Schneider vielleicht nicht, dass es im 8.000 Kilometer entfernten Deutschland 1 Uhr morgens sein würde, wenn dieser Move publik würde. Da hatte sich durch den nächtlichen Fernseh-Genuss schon das NFL-Logo in die Iris des einen oder anderen Seahawks-Fans gebrannt. An dieser Stelle meinen Respekt an die, die tatsächlich wach blieben. Ich jedenfalls war froh, nicht so lange vor dem Fernseher gehangen zu haben, um dann zu sehen, wie die Seahawks am ersten Tag nicht einen einzigen Spieler auswählten.

Am Ende ist es eine Mischung aus Philosophie, Dringlichkeit und machbaren Trades, die Teams zwischen den dutzenden Vorgehensweisen im Draft wählen lassen. All diese Optionen sind auch der Grund, warum die sehr beliebten Mock Drafts mit Ausnahme der 1. Runde grausige Trefferquoten aufweisen. Es ist schlichtweg unmöglich, die Handlungsweisen aller 32 NFL-Teams einigermaßen akkurat vorherzusagen. Die Mock Drafts existieren eigentlich nur, weil sonst keiner weiß, worüber er in der Offseason schreiben oder reden soll. Aber das ist auch okay so und sicher keine Erkenntnis, die man mir zuschreiben wird.

Ja und wer sind denn nun die elf ausgewählten Spieler und auf welchen Positionen kommen sie dann wohl zum Einsatz? Ich hoffe, dass ihr nicht deshalb diesen Artikel angeklickt habt, denn darüber will ich mangels College Football-Kenntnissen gar nichts schreiben. Klar, hätte ich auch oben erwähnen können – habe ich aber nicht. Dafür verweise ich jetzt mit ausdrücklicher Empfehlung auf den hier verlinkten Artikel. In diesem findet ihr alles, was ihr wissen wollt und noch ein bisschen mehr.

Dass die Seahawks sich im Draft lieber für ein paar Spieler mehr entscheiden und dafür frühere Picks sausen lassen, kann bis dato durchaus positiv bewertet werden. Die so gewonnen Extra-Picks haben dem Team in der Vergangenheit einige leistungsstarke Spieler beschert, beispielsweise Cornerback Richard Sherman, der 2011 durch einen zusätzlichen Pick in der 5. Runde ausgewählt wurde. Apropos Sherman – ein gutes Beispiel dafür, was während des Drafts nicht passiert ist. Unser All-Pro Cornerback wurde nämlich nicht getraded. Er bleibt dem Team auch in der Saison 2017/18 erhalten. Woher ich das so sicher weiß? Head Coach Pete Carroll hat vor einigen Tagen in einem Radio-Interview die Wahrscheinlichkeit, dass Sherman noch getraded wird auf „like, zero percent” beziffert. Ich glaube, das versteht man auch ohne fortgeschrittene Englisch-Kenntnisse. Sowas haben wir doch auch schon über andere Spieler gehört und am Ende sind sie doch gegangen. Stimmt auch wieder, aber dann hätte ich wenigstens etwas, worüber ich noch schreiben kann in der nun bevorstehenden, wirklich footballfreien Zeit.

Und ist denn noch irgendetwas passiert, während dieses ganzen Draft-Wahnsinns? Ja, natürlich! Tony Romo wachte eines Morgens auf, starrte an die Decke seines 70-Quadratmeter-Schlafzimmers und entschied, dass er lieber zum Fernsehen geht, als bei den Houston Texans auf dem Platz zu stehen. Ein paar Tage später wachte er dann nochmal auf, starrte noch etwas länger und entschied dann, dass er doch eigentlich auch Golf-Profi werden könnte. Da fliegen doch auch Bälle durch die Gegend. Etwas solider fand ich da schon die Nachricht, dass Beast Mode, unsere ehemalige Runningback-Waffe Marshawn Lynch, von den Seahawks freigegeben wurde und für die kommende Saison bei den Raiders in seiner Heimatstadt Oakland angeheuert hat. Als Abschiedsgeschenk haben die Seahawks dafür ein paar Tausend Dollar Abfindung eingesackt. „Das ist doch fast wie bei meiner Ex-Freundin“, denkst du jetzt vielleicht, „wo mir die Kumpels ein paar Bier spendiert haben, als ich sie endlich habe gehen lassen“. Ja, genauso ist das! So oder ähnlich.

Bis dahin. Go Hawks.

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 Die Vogelperspektive ist eine Fan-Kolumne von Hannes Gärtner, dessen Puls bei 1000 liegt, wenn Blair Walsh zum Extra Point antritt oder Richard Sherman nicht die Seite wechselt, um den Superstar-Receiver des Gegners zu covern. Es kommt schon mal vor, dass seine Freundin die Unnecessary Roughness-Flagge wirft, wenn die Chips vor Aufregung durchs Wohnzimmer fliegen. Die Kolumne erscheint monatlich und beschäftigt sich auf pointierte Weise mit Themen rund um die Seattle Seahawks.

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