Seahawks im Rückblick – Heute vor … acht Jahren: NFC Championship-Game 2014

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Championship-Hinweis: Aufgrund von persönlichen Terminproblemen des Autors konnten wir diesen Artikel leider nicht am exakten Jahrestag veröffentlichen. Diese Verschiebung um vier Tage bitten wir zu entschuldigen und hoffen, dass Ihr trotzdem viel Spaß beim Lesen habt!

Die Seattle Seahawks im Jahr 2022. Nach dem erfolgreichsten Jahrzehnt der Franchise-Geschichte könnte nach der abgelaufenen Saison eine goldene Ära im Pacific Nothwest zu Ende gehen. Seit 2012 gehörten die Seahawks zur Spitze der Liga, holten den ersten Super Bowl an den Puget Sound und waren nur ein Yard von einem zweiten Ring entfernt. Dazu waren die Playoffs seitdem, bis auf zwei Jahre, immer fest eingeplant. Auf die Art und Weise, wie sich Seattle zu einem NFL-Powerhouse entwickelte, wollen die German Sea Hawkers in den nächsten Monaten in einer fünfteiligen Serie zurückschauen. In Teil 2 geht es heute um den 18. Januar 2015, den Tag, an dem die Seahawks den Sieg im NFC Championship Game 2014 feierten.

Rohe, ungefilterte Emotionen sind eigentlich nicht das Ding von Russell Wilson. Doch nach diesem Spiel musste alles raus. Während sich auf den Rängen des damaligen CenturyLink Fields zehntausende 12s jubelnd in den Armen lagen, kniete der Seahawks-Quarterback händehaltend mit Mitspielern und seinen Gegnern aus Green Bay im Gebet auf den Kunstrasen und weinte hemmungslos. Es war eine Mischung aus Frust, Freude, Schock und schlicht purer Erleichterung. Denn was Wilson, seine Teamkollegen, die Stadt Seattle und Football-Fans auf der ganzen Welt in den Stunden zuvor für ein Spiel miterleben durften, war eines, das nicht nur in die Franchise-Geschichte einging, sondern in den Mythos NFL an sich:

Seahawks vs. Packers – NFC Championship-Game 2014 – 1st Quarter

Es war nicht der erste Cointoss, den die Seattle Seahawks an diesem Nachmittag gewinnen sollten, der den Packers den ersten Ballbesitz brachte. Nach einem ersten Drive, der nach zwei Strafen gegen Michael Bennett (zu ihm später mehr) und Cliff Avril zugunsten der Gäste verlängert wurde, stand Green Bay-QB Aaron Rodgers schließlich an der 29 Yard-Line und visierte nach mehreren erfolglosen Pässen schließlich Davante Adams in der Endzone an. Dabei übersah er in Coverage aber Richard Sherman, der den Ball kurz vor der Auslinie zur ersten Interception des Tages abfing. Und während die 12s auf den Rängen tobten, machte sich Russell Wilson ans Werk. Doch als er in seinem dritten Play zum ersten Mal Jermaine Kearse anvisierte, nahm das Drama dieses Championship Games seinen Lauf. Statt dem Wide Receiver fischte nämlich Ha Ha Clinton-Dix das Lederei aus der Luft: Pick Nr. 1

Diese Einladung nahm Green Bay an, um die ersten Punkte durch ein Field Goal aufs Board zu bringen, nachdem ihnen ein Touchdown durch einen der berühmten Goalline-Stands der Seahawks verwehrt wurde. Der folgende Kickoff führte zum ersten Ballbesitz von Doug Baldwin in diesem Spiel. Der hielt aber nur für wenige Sekunden, bevor er den Ball fumbelte und die gegnerische Defense sich den zweiten Turnover in den letzten zwei Plays sicherte. Die Folge: Nach einem kurzen Drive bauten die Packers ihre Führung mit einem weiteren Field Goal aus. Und dass die Seahawks nicht nur in 2021 gut darin waren, 3&outs zu produzieren, bewiesen sie direkt im Anschluss, bevor Rodgers sechs Sekunden vor Ende des ersten Quarters den ersten TD-Pass auf Randall Cobb anbrachte. Spielstand: Seahawks 0, Packers 13.

Seahawks vs. Packers – NFC Championship-Game 2014 – 2nd Quarter

Neuer Spielabschnitt, neue Hoffnung für die 12s? Nein. Nach Seattles zweitem 3&out, war es Green Bay-K Mason Crosby, der sein Team mit 0:16 in Führung brachte. Und weil Seahawks-Head Coach Pete Carroll viel Ballbesitz liebt, tat ihm sein Quarterback nach nur sechs weiteren Sekunden Spielzeit den „Gefallen“ und kassierte einen heftigen Blind Side-Hit von Clay Matthews, nachdem er den Ball statt zu Jermaine Kearse ein zweites Mal zu Ha Ha Clinton-Dix passte: Pick Nr. 2.

Russell Wilson kommentierte das an der Seitenlinie trocken mit einem seiner bis heute berühmtesten Sprüche: „Hey, it’s only 16:0!“ – „Hey, es steht nur 16:0!“

Dass das bis zur Halbzeit so bleiben sollte, lag auch daran, dass sich Aaron Rodgers nach nur drei Pässen an der Runde Interception-Ping Pong beteiligen wollte. Denn statt Randall Cobb sicherte sich hier Byron Maxwell den nächsten Turnover für die „Legion of Boom“. Was folgte, war der mit über sechs Minuten bislang längsten Drive des wichtigsten Spieles in der NFC in der NFL-Saison 2014. Bis auf acht Yards näherten sich die Gastgeber der gegnerischen Endzone. Und Seahawks-Fans, die diese Textstelle jetzt lesen, wissen genau, was passierte, als Wilson zum dritten Mal in dieser Partie versuchte, Jermaine Kearse anzuspielen. Genau: Pick Nr. 3.

Über die Tatsache, dass die nächsten zwei Drives mit einem Punt und schließlich dem Halbzeitpfiff beendet wurden, dürften sich dabei am meisten die Seahawks gefreut haben. Spielstand: Seahawks 0, Packers 16

Seahawks vs. Packers – NFC Championship-Game 2014 – 3rd Quarter

Apropos Punt: Genau zwei, einen von Seattle und einen von Green Bay, brauchte es, bis das Spiel, das die NFL später zu ihrem 100. Geburtstag als das 44. beste Spiel aller Zeiten einstufen sollte, für die Seahawks endlich zählbares bringen sollte. Von der eigenen 22 Yard-Line, ging es mit Pässen zu Monster-FB Will Tukuafu und Doug Baldwin sowie fünf Läufen von Marshawn Lynch an die 19 Yard-Line der Packers. Bei 3rd&10 visierte Wilson dabei erneut Beastmode an, doch der Pass war incomplete. Also war es Zeit für den Auftritt eines legendären Rotschopfes: Punter Jon Ryan. Er sollte den Ball für den Kick von Steven Hauschka halten, wäre es nicht Zeit für ein Trick Play gewesen. So schnappte sich Ryan das Leder, rollte nach außen auf die linke Seite des Spielfeldes und visierte in der Endzone im Stile eines Hall of Fame-Quarterbacks seinen Offensive-Lineman Garry Gilliam an. Der Rookie wiederum kanalisierte seinen inneren Jerry Rice und fing den Pass traumhaft sicher zum Touchdown!

Bevor aus dem Wahnsinn im CentruryLink-Field aber der absolute Championship-Wahnsinn werden sollte, gab es zunächst wieder „normalen“ Football zu sehen. Nach jeweils einem Punt beider Teams, war schließlich auch das dritte Viertel des NFC Championship Games 2014 vorbei. Spielstand: Seahawks 7, Packers 16

Seahawks vs. Packers – NFC Championship-Game 2014 – 4th Quarter

Mit der Führung im Rücken ließen es die Packers zunächst ruhig angehen und nahmen mehr als vier Minuten von der Uhr, bevor Crosby seine perfekte Kicker-Statistik in dieser Partie mit drei weiteren Punkten am Leben hielt. Ähnlich wie die Gäste spielten aber auch die Seahawks im Anschluss zu Verwunderung der Fans mit wenig Druck auf dem Gaspedal. So war es wieder Jon Ryan, der sieben Minuten vor Ende des Spiels einen weiteren Punt in Richtung des Green Bay-Returners feuerte. Und trotz eines 3&out gelang es den Männern aus Wisconsin im Anschluss erneut fast zwei Minuten von der Uhr zu nehmen. Erst dann bekam Wilson endlich wieder den Ball und visierte im ersten Play des Drives zum vierten Mal Jermaine Kearse an. Den Ball fing aber Morgan Burnett, der das Spiel nach wenigen Yards schon abknien wollte: Pick Nr. 4.

Dass das keine gute Idee war, signalisierte die Seattle Defense ganz eindeutig, indem sie Green Bay von einem 1st&10 in ein 4th&14 zurückdrängte, während Pete Carroll nach den Stops aufs Ganze ging und zwei von drei Timeouts nahm, um seiner schwer angeschlagenen Offense mehr Zeit zu geben. Der blieben dann noch genau 3 Minuten und 30 Sekunden, um das Wunder vom Puget Sound noch zu schaffen, als sich Russell Wilson endlich zu einer wahren, aber vollkommen abgedrehten Gourmet-Kochshow aufraffte. Erst ein 20 Yard-Amuse-Gueule auf Doug Baldwin, dann zwar nur ein Incomplete-Windbeutel, aber immerhin keine fünfte Interception auf Kearse sowie eine Skittles-Bombe über 26 Yards zu Marshawn Lynch. Der schaffte es mit mehreren grazilen Trippelschritten nach dem Catch zwar in die Endzone, doch der Touchdown-Jubel der 12s blieb ihnen nach einem Replay-Review im Halse stecken. Die Wiederholung zeigte nämlich, dass Beastmode an der 9 Yard-Line mit dem kleinen Zeh im Aus war. Kein Problem für Wilson, der nach zwei Plays mit dem QB-Keeper in die Endzone spurtete.

Nach einem geglückten Extra-Punkt durch Hauschka, fiel dann aber endgültig der Vorhang des Wahnsinns. Mit nur noch zwei Minuten und 13 Sekunden zu spielen, trat er zum Onside Kick an. Vom Fuß des Kickers sprang der Ball perfekt in die Luft, senkte sich nach genau elf Yards als „Live-Ball“ auf den Helm von Brandon Bostick und von da aus in die Hände vom Fast-MVP des Super Bowls XLIX, ein Spiel, über das wir hier kein weiteres Wort verlieren werden, Chris Matthews und der Rest war Lärm!

Vor einer kochenden Menge auf den Rängen blieb den mit Adrenalin vollgepumten Seahawks auf dem Feld dann auch nichts anderes übrig, als weiter am Rad des Wahnsinns zu drehen. Nach nur drei Plays bekam Russell Wilson den Snap an der 24 Yard-Line der Packers und übergab ihn ins Backfield. Die folgenden Sekunden kommentierte Fox-Reporter Joe Buck so: „Here’s Lynch. LYNCH! MARSHAWN LYNCH!! Beastmode!!! Touchdown.“

Es war die erste Führung in diesem NFC Championship Game für die Gastgeber und damit, die durch die Packers nicht mit nur einem erfolgreichen Field Goal wieder futsch war, brauchte es ein Two Point-Conversion. Also snapte Max Unger den Ball zu seinem Quarterback, der im Angesicht des Drucks der Defensive Line aus Wisconsin aber sofort den Rückzug über zehn Yards antreten musste. Doch bevor er im Backfield von Julius Peppers einen harten Hit kassierte, schleuderte Wilson den Ball in Hail Mary-Manier Richtung Endzone. Dort segelte er an der Goal Line auf Ha Ha Clinton-Dix zu, der nach zwei Interceptions aber plötzlich zu Eis zu gefrieren schien. Sehr zur Freude von Luke Willson, der hinter dem Verteidiger stand und den Ball schließlich aus der Luft fischte!

Diese unfassbare Abfolge von Ereignissen wollte Aaron Rodgers wiederum nicht auf sich sitzen lassen. Also führte er die Packers das Feld runter in Field Goal-Reichweite. Dort kickte Mason Crosby den Ausgleich, bevor Wilson nach einem letzten Kickoff die reguläre Spielzeit abkniete. Spielstand: Seahawks 22, Packers 22.

Seahawks vs. Packers – NFC Championship-Game 2014 – Overtime

Damit kam es dazu, dass sich Seattle und Green Bay nach elf Jahren erneut in den Playoffs erneut in der Verlängerung messen mussten. Und genau wie Matt Hasselbeck damals im Lambeau Field durften Steven Hauschka, Jon Ryan und der unvergessenen Tavaris Jackson auf dem Weg zum Cointoss die legendär, tragigkomischen Worte des Ex-Quarterbacks durch den Kopf geschossen sein: „We want the ball and we’re gonna score.“ – „Wir wollen den Ball und wir werden gewinnen.“ Und das meinte das gesamte Team auch so. Denn nachdem Green Bay als Gastmannschaft auf „Zahl“ gesetzt hatte, fiel die Münze auf „Kopf“: Ballbesitz Seahawks.

Nach vier Plays packte Russell Wilson hier schließlich wieder einen seiner berühmten Mondbälle aus, der nach 35 Yards in den Händen von Doug Baldwin landete. So standen die Seahawks dann schließlich 35 Yards entfernt vom zweiten Super Bowl-Einzug in zwei Jahren, als der Quarterback das tat, was er schon fünfmal in diesem NFC Championship Game versucht hatte: Einen Pass zu Jermaine Kearse zu werfen. Doch genau dieses sechste Anspiel passte. Obwohl der Wide Receiver ultra-eng von Tramon Williams gecovert wurde, flutschte der Ball in die Hände der Nr. 15 der Seahawks, bevor er gemeinsam mit dem Verteidiger in die Endzone und damit ins Glück kugelte. Endstand: Seahawks 28, Packers 22

Seahawks vs. Packers – NFC Championship-Game 2014 – The Aftermath

Anders als zwölf Monate zuvor, als Richard Sherman am Mikrofon von Fox-Reporterin Erin Andrews „nette“ Worte in Richtung von 49ers-Receiver Michael Crabtree schickte, zeigte sich diesmal Russell Wilson extrem emotional, aber anders. Statt zu fluchen fand er, während ein Seahawks-Mitarbeiter händeringend versuchte dem Quarterback ein NFC Championship-T-Shirt über die Pads zu ziehen, unter Tränen kaum Worte für das, was auf dem Feld gerade passiert war. Es waren Szenen, die die 12s, von denen über 60.000 auf den Rängen dabei waren vollkommen auszurasten, nie vergessen werden. Genau wie Michael Bennett, der seine ganz eigene Siegesrunde durchs Stadion drehte. Für die hatte sich der große Mann mit den kleinen Schulterpolstern nämlich das Dienstfahrrad eines Polizisten geborgt.

Die erste Folge unserer GSH-Miniserie „Heute vor …“, findet Ihr hier.

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