12 Beobachtung aus dem ersten Preseason-Spiel der Seahawks

Preseason Week 1 2021

Das Ergebnis (7:20) ist irrelevant, viele Szenen sind nur bedingt aussagekräftig – und dennoch liefert auch die Preseason einige spannende Erkenntnisse über den Fortschritt der Vorbereitung. Deshalb folgen hier nun ein paar Beobachtungen und Szenen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) vom ersten Spiel der Seattle Seahawks vor über 50.000 Zuschauern seit Januar 2020. In der Nacht von Samstag auf Sonntag gastierten sie bei den Las Vegas Raiders im nagelneuen Allegiant Stadium.

Die Beobachtungen:

  1. Von der Stamm-Offensive war nicht viel zu sehen. Außer Passempfänger Freddie Swain spielte kein Starter in der ersten Preseason-Partie. Der aber zeigte mit seinen drei Catches, dass er den Kampf um die dritte Receiver-Position angenommen hat – und solange schärfster Anwärter auf diese Rolle sein dürfte, bis Rookie Dee Eskridge (noch verletzt, wird nächste Woche von der PUP-Liste aktiviert) und Camp-Überraschung Penny Hart auffälliger ins Spielgeschehen eingreifen.
  2. Defensive End Alton Robinson war größter Unruhestifter an der Line of Scrimmage. Einmal fand er sich zwar in der Passverteidigung wieder und sah gegen Raiders-Receiver Zay Jones unglücklich aus, aber in gewohnterem Terrain – als Pass Rusher – verbuchte Robinson mehrere Pressures und unterstrich, dass er 2021 zur Stamm-Rotation in der Defensive Line gehören sollte.
  3. Safety Ryan Neal war überall auf dem Feld zu finden. Er war es, der im zweiten Quarter den verunglückten Pass nach Robinson-Druck aus der Luft fischte. Egal wo die Seahawks Neal 2021 einsetzen, er ist eine Bereicherung. Die Dime-Formation mit sechs Defensive Backs auf dem Feld wird wohl auch in der Regular Season nicht ohne ihn stattfinden. Und für den höchst unwahrscheinlichen Fall, dass sich die Vertragsgespräche mit Starter Jamal Adams noch ewig hinziehen, sind die Seahawks hier gerüstet.
  4. Linebacker Cody Barton muss dieses Jahr liefern. So ging er die Partie auch an. In der Laufverteidigung gemeinsam mit dem Positionskollegen Ben Burr-Kirven vor der Halbzeitpause eher schwere Kost, verbuchte Barton immerhin zwei Sacks und zeigte, dass er das Tempo und die Präzision beim Hit hat. Dass die Run Defense nach zwei Jahren sitzt, muss man erwarten können. Tut sie aber nicht. Von Stammplätzen sind beide weiterhin meilenweit entfernt. Die Special Teams bleiben auch 2021 wohl ihre Bühne.
  5. Zwölf Pässe in Serie zu Beginn der Partie gaben einen Vorgeschmack auf das, was mit dem neuen Offensive Coordinator Shane Waldron in Seattle denkbar ist. Ziel war es, Backup-Spielmacher Geno Smith zu evaluieren – bis zu seinem Ausfall. Erst im zweiten Quarter liefen die Seahawks den Ball. Aber auch damit konnte das Team die schwache Ausführung vieler Spielzüge und das Fehlen der Starter nicht kaschieren. Man merkte, dass das alles noch ein bisschen neu ist fürs Team.
  6. Left Tackle Stone Forsythe machte seinem Namen im Debüt alle Ehre. Er wirkte noch zu unbeweglich und mit dem Tempo vor seiner Nase überfordert. Gut, dass Franchise-Quarterback Russell Wilson den Abend von der Sideline aus verfolgte, denn sonst wäre er womöglich am Boden gelegen anstelle von Geno Smith, als Forsythe im ersten Quarter die Blitz-Zuordnung vermasselte und seinen Spielmacher den Raiders zum Fraß vorwarf. Ein wackliger Start vom O-Liner, der aber gewiss sehr lehrreich war.
  7. Auch in der Defensive blieben die Starter einen großteil des Abends am Spielfeldrand. Das bot Defensive End/Linebacker Darrell Taylor die Möglichkeit, endlich einmal sein Talent zu demonstrieren. Nach einer verletzungsbedingt vermurksten Rookie-Saison zeigte der Verteidiger bei seinem Debüt, dass er Tempo und Explosivität an der Line of Scrimmage mitbringt. Doch es war auch zu sehen, dass ihm noch die Spielpraxis auf höchstem Level fehlt und er seine Energie cleverer einsetzen muss. Unterm Strich war das aber vielversprechend.
  8. Tre Flowers hat sich viel vorgenommen für 2021, wollte einen Neustart. In der Preseason ist der bislang nicht gelungen. Während die linke Cornerback-Seite wenig getestet wurde von den Raiders, strauchelte rechts Flowers. Es war der Klassiker: Eigentlich war der Außenverteidiger in guter Position, doch dann drehte er sich nicht rechtzeitig um, um die Completion auf Zay Jones zu verhindern. Aber auch Neuzugang Ahkello Witherspoon und D.J. Reed ließen Catches zu.
  9. Der andere Cornerback-Tre kam als Returner zum Einsatz. Rookie Tre Brown wurde als linker Cornerback ab dem zweiten Quarter wenig getestet, hatte aber in den Special Teams mehr Ballkontakt. Er retournierte einen Kick für 38 Yards und machte dabei einen explosiven Eindruck. Seine zweite Chance auf großen Raumgewinn vermasselte er, als er den Kick im vierten Quarter nicht fing. Ballsicherheit beim Catch vor dem Return ist der Schlüssel, wenn man sich auf dem Spielfeld wiederfinden will.
  10. Kicker Jason Myers verfehlte seinen einzigen Field-Goal-Versuch. Er scheint doch nur ein Mensch zu sein. Aber zählt ja in der Preseason nicht. Haha. Die Serie von 37 verwandelten Kicks ohne Fehlschuss bleibt am Leben.
  11. Er hat vielleicht nicht rasiert, aber doch einen schönen ersten Auftritt hingelegt: Linebacker Aaron Donkor verbuchte insgesamt drei Tackles, zwei davon solo. Er kam primär in den Special Teams zum Einsatz, was so zu erwarten war. Detaillierte Infos zu Donkors Snaps bekommen wir, wenn sich jemand die Mühe gemacht hat, diese zu zählen.
  12. Ein Satz noch zu den aktuellen Vertragsthemen: Es sieht nicht so aus, als wollten die Seahawks Left Tackle Duane Brown einen neuen Vertrag geben. Das haben sie so laut ESPN-Reporter Brady Henderson zwar nie öffentlich gesagt, aber General Manager John Schneider hatte bezüglich der Verhandlungen auch keine Neuigkeiten für die Fans. 21 Seahawks gehen in ihr letztes Vertragsjahr. Wenn Seattle nun bei Brown eine Ausnahme macht, fordern vielleicht andere Kandidaten auch eine frühzeitige Verlängerung. Auf der anderen Seite ist Brown auch 2021 wohl noch der beste O-Liner der Seahawks. Was passiert, wenn die Starter nicht spielen, musste in Week 1 der Preseason Geno Smith schmerzlich erfahren.

Die Highlights:

Alton Robinson und Ryan Neal produzierten ein Highlight, das an die Koproduktion von Cliff Avril und Malcolm Smith in Super Bowl XLVIII (abzüglich des Touchdowns) erinnerte.

Running Back DeeJay Dallas düste nach einem Pass über die rechte Sideline zum einizgen Seahawks-Touchdown in die Endzone.

Bei den Raiders durfte der deutsche Kicker Dominik Eberle – eigentlich schon entlassen gewesen und dann durch einen Corona-Fall wieder zurückgekehrt – für zwei kurze Field Goals aufs Feld. Er verwandelte beide souverän.

Die Verletzten:

Mehrere Raiders-Verteidiger erwischten Backup-Quarterback Geno Smith bei einem Blitz-Sack (einziger Sack der Partie gegen die Seahawks) Mitte des ersten Quarters so übel, dass er eine Gehirnerschütterung erlitt. Er kam zwar einen Drive später – fahrlässige Aktion, wofür gibt es das Concussion Protocol? – erneut aufs Feld, wurde dann aber durch Alex McGough ersetzt, weil es wirklich nicht mehr weiterging.

Außer Smith musste nur Guard Phil Haynes den Kunstrasen verlassen. Er erlitt eine Knieverletzung, die laut Cheftrainer Pete Carroll aber nicht schwerwiegend ist.

Das Fazit:

Übers Ergebniss müssen wir nicht sprechen. Und wie eingangs erwähnt, sind auch die obigen Erkenntnisse mit Vorsicht zu genießen, weil oftmals Starter gegen Backups spielten und Backups gegen Starter. Es wäre spannend gewesen, von der neuen, schnellen, vielseitigen Offensive des neuen Coordinators Shane Waldron etwas mehr zu sehen, aber das war zumindest mit den Stammspielern nicht der Fall. Vielelicht greifen die Starter ja nächste Woche ein bisschen ins Spielgeschehen ein.

Ausblick: In Week 2 der Preseason empfangen die Seahawks am 22. August um 4 Uhr deutscher Zeit die Denver Broncos im Lumen Field.

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