Recap: NFL Draft 2019

Der NFL Draft 2019 ist Geschichte. Die Zeit, in der Experten die Talentauswahl aller Teams bewerten, hat bereits begonnen. Von Lobeshymnen bis totaler Verriss ist alles dabei – und mal liegen die Analysten richtig, mal vollkommen falsch. Weil die Wahrheit oft irgendwo zwischendrin liegt, gibt’s an dieser Stelle nun eine wertungsfreie Übersicht und Einordnung zu den elf Picks der Seattle Seahawks.

Bevor es aber um die einzelnen Picks geht, müssen ein paar Sätze zum Gesamteindruck folgen. General Manager John Schneider und Head Coach Pete Carroll gingen mit vier Picks in den NFL Draft 2019 – und haben nach sieben Runden Talentauswahl elf neue Spieler gezogen. Das haben sie dadurch erreicht, dass sie Defensive End Frank Clark für Picks zu den Kansas City Chiefs getauscht haben und im Laufe der drei Draft-Tage mehrfach nach unten (und auch wieder nach oben) getauscht haben.

Unabhängig von der Qualität der einzelnen Picks ist das eine hervorragende Leistung, da Schneider und Carroll durch ihre Tauschgeschäfte rein vom Wert der Picks her Profit gemacht haben, der irgendwo zwischen einem frühen und späten First Rounder schwankt. So gut war in diesem Bezug kein anderes Team.

Grundsätzlich gilt, dass Draft-Klassen erst nach ein paar Jahren endgültig bewertet werden können. So lässt sich inzwischen zum Beispiel sagen, dass die Seahawks in den Jahren 2010 (Okung, Thomas, Tate, Thurmond, Chancellor), 2011 (Baldwin, Carpenter, Maxwell, Sherman, Wright, Smith) und 2012 (Wilson, Irvin, Lane, Turbin, Sweezy) wohl so gut wie kaum ein NFL-Team aus einer Masse an Talenten ausgewählt haben, was sie letztendlich zu einem Spitzenteam gemacht hat. Die darauffolgenden Jahre waren eher durchwachsen bis schlecht (u.a. McDowell, Michael, Poole, Prosise, Odhiambo).

Ein guter Maßstab bei der eigenen Bewertung einer Draft-Klasse ist folgende Ausführung vom deutschen College-Football-Experten Jan Weckwerth:

Nun aber hinein in die Klasse der Seahawks. Elf Picks, verteilt über sieben Runden:

1. Runde, Pick #29: L.J. Collier, DE, TCU

Es war schon fast wieder zu befürchten, dass die Seahawks die erste Runde wieder einmal komplett auslassen würden, denn sie tauschten ihren 21. Pick, als sie zum ersten Mal an der Reihe waren. Doch acht Picks später war es dann tatsächlich soweit. Seattle wählte Defensive End L.J. Collier, zu dessen Stärken seine Größe, Kraft und Hartnäckigkeit sind.

Besonders im Senior Bowl ließ der D-Liner sein Potenzial aufblitzen, nachdem er in seiner College-Karriere an der Texas Christian University zuvor 14,5 Sacks gesammelt hatte. Er hat laut Experten die Geschwindigkeit, Gegenspieler im offenen Feld zu verfolgen, ihm fehlt hingegen ein wenig die Schnelligkeit direkt nach dem Snap. Bei den Seahawks könnte Collier als Left End von Beginn an spielen, oft wird er mit Michael Bennett verglichen. Ein vollwertigerErsatz für Frank Clark wird Collier in seiner Rookie-Saison noch nicht gleich sein. Dass Seattle mit ihm den einzigen DE auswählten ist eine kleine Überraschung und deutet darauf hin, dass sich Schneider und Co. noch Free Agents auf dieserder Position sichern werden. Ezekiel Ansah oder Nick Perry wären hier sinnvolle Optionen.

Dass Collier von einigen Experten als Reach bezeichnet wird, dürfte daran liegen, dass er auf vielen Big Boards hinter anderen Defensive Ends gelistet war, die zu diesem Zeitpunkt noch verfügbar waren. Jedoch passt er ins System der Seahawks, die D-Liner bekanntlich auf mehreren Positionen auflaufen lassen wollen.

2. Runde, Pick #47: Marquise Blair, SS, Utah

Marquise Blair ist ein aggressiver Spielertyp – und das ist wohl sogleich seine Stärke und seine Schwäche. Zwischen 2017 und 2018 wurde er in der NCAA insgesamt dreimal für Targeting bestraft. Sein Tackling-Stil wird zu Verletzungen führen, zu eigenen und solchen des Gegners.

Ein schneller, hart attackierender Safety klingt nach Seahawks, oder? Bleibt er in der NFL diszipliniert, kann er seine Geschwindigkeit und seine Wachsamkeit sowie seine Körperlichkeit hervorragend ausspielen und Starter in einer Positionsgruppe werden, in der aktuell nur der vielseitige Bradley McDougald gesetzt ist. Laut Carroll soll sich Blair um die Position Strong Safety duellieren, auf der Seattle aktuell Marwin Evans, Delano Hill und Shalom Luani im Kader gelistet hat.

2. Runde, Pick #64: DK Metcalf, WR, Ole Miss

DE, S und WR waren die drei dringendsten Needs der Seahawks – und mit diesem Pick machten sie den dritten erwartbaren Pick, wenn man nur auf die Position blickt. Der Pick wird noch nachvollziehbarer, wenn man die Kommentare von John Schneider ernst nimmt, der bei der Pressekonferenz nach Tag zwei davon sprach, dass Doug Baldwin aktuell darüber nachdenkt, seine Karriere wegen zuletzt zahlreicher Verletzungen zu beenden. Eine Entscheidung erwarten die Verantwortlichen eher in den kommenden Wochen als in den kommenden Monaten.

Doch jetzt zum Pick. D.K. Metcalf musste lange warten, ehe er vom Board ging. Der Wide Receiver wurde vor dem Draft bekannt, weil er ein Foto veröffentlichte, das ihn oben ohne und mit Bodybuilder-Statur zeigte und den Hype um seine Person ins Unermessliche wachsen ließ. Metcalfs Combine-Werte und sein Tape zeigen einen Spieler, der problemlos Gegenspieler überrennen oder überspringen oder durch sie hindurchlaufen kann und ihnen körperlich im direkten Duell haushoch überlegen ist. Jedoch zeigen sie auch einen Spieler, dessen Beinarbeit, laterale Geschwindigkeit und Vielseitigkeit begrenzt zu sein scheinen. Außerdem spielte er wegen einer Fußverletzung 2018 kaum. Vielleicht wäre es mal Zeit für einen “Leg Day” im Fitnessstudio.

Ob Metcalf zum Starter werden kann, hängt wohl von seiner Fitness und seiner Lernfähigkeit in Bezug auf das Laufen von Routen ab. Funktioniert beides, wäre die potenzielle Nachricht des Karriereendes von Doug Baldwin vielleicht nicht ganz so verheerend. Fest steht: Bei aktuell elf reinen Passempfängern im Kader (sowie möglichen Free Agents) wird der Konkurrenzkampf definitiv heiß.

3. Runde, Pick #88: Cody Barton, LB, Utah

Nicht unbedingt die Position, mit der man als nächstes gerechnet hätte. Doch die Seahawks scheinen aufgrund der etwas unsicheren Situation um den lange verletzten K.J. Wright sowie die noch ausstehende Gerichtsverhandlung wegen Insiderhandels bei Mychal Kendricks mehr Tiefe für die Linebacker-Positionsgruppe gesucht zu haben. Die heißt in diesem Fall Cody Barton und kommt von der University of Utah.

Barton beeindruckte beim Senior Bowl und im NFL Scouting Combine. Laut Scouts ist er ein Spieler, der überall auf dem Feld zu finden ist, jedoch nicht die ideale Reichweite hat, um auch freie Räume vollständig abzudecken.

Es gilt wie auf WR: Der Konkurrenzkampf wird groß sein um die wenigen Plätze im Kader. Burton soll wohl als Middle Linebacker und Weakside Linebacker eine Chance bekommen, doch beide Positionen sind bereits gut besetzt. Das heißt dann wohl, dass auch Spieler wie K.J. Wright und Draft-Darling Shaquem Griffin 2019 keine Kader-Garantie haben.

4. Runde, Pick #120: Gary Jennings, WR, West Virginia

Noch ein Receiver, noch ein Anzeichen dafür, dass Doug Baldwin seine Karriere beenden wird? So direkt darf man das nicht in Zusammenhang bringen. Ja, die Seahawks müssen sich in Position bringen für die Zeit nach Baldwin und Gary Jennings ist ein ähnlicher Spielertyp wie Baldwin. Doch auch so war Bedarf da auf WR, um die Qualität der Positionsgruppe zu erhöhen. Dieser soll unter anderem durch den Rookie von der University of West Virginia gedeckt werden.

Am College war Jennings meist im Slot zu finden und zeigte sichere Hände. Wie er in der NFL gegen enge Manndeckung agieren wird, ist eines der Fragezeichen, das Scouts bei ihm sehen. Doch dann wird er sicher wieder Russell Wilson als Mentor haben, so wie bereits zu Vorschul-Zeiten, als Wilson (damals noch an der High School) Jennings’ Basketball-Trainer in Richmond, Virginia im örtlichen Jugendzentrum war. Zu den Schwächen Jennings gehören wie auch bei Metcalf die Beinarbeit, die beim Combine besonders im Drei-Hütchen-Drill getestet wird.

Seattle wird wohl mit fünf oder sechs Receivern in die Regular Season gehen. Metcalf und Jennings, die in den Top 120 gepickt wurden, sollten normalerweise zu diesem Aufgebot gehören – neben Tyler Lockett und David Moore (geht man davon aus, dass Baldwin nicht mehr spielen wird). Das würde bedeuten, dahinter kämpfen Jaron Brown und Amara Darboh sowie Siebtrundenpick John Ursua, Malik Turner, Caleb Scott, Keenan Reynolds und ein paar Free Agents um die verbleibenden ein bis zwei Plätze.

4. Runde, Pick #124: Phil Haynes, G, Wake Forest

Keine frohe Botschaft für alle Freunde der Pass-Offensive. Die Seahawks zeigten schon in der Free Agency, dass sie ihre O-Line weiter auf Laufstärke ausrichten wollen – und sie tun dies nun auch im NFL Draft. Phil Haynes von Wake Forest ist ein Guard, der mit seiner Türsteher-Mentalität Gegenspieler aus dem weg räumt.

Seine Physis hilft ihm, Blitze aufzunehmen, Verteidiger von Mitspielern zu übernehmen und als eine Art Bulldozer zu spielen. Doch die Physis sorgt auch dafür, dass sich Haynes wegen Ausdauerproblemen am College gegen Spielende oft auf dem Boden wieder fand. Ein Problem, das zu beheben ist. Hält sich Haynes an seinen Trainingsplan, wird er zur Konkurrenz für die auf Guard wohl zunächst gesetzten Veteranen Mike Iupati und D.J. Fluker.

4. Runde, Pick #132: Ugochukwu Amadi, FS, Oregon

Vermutlich nicht unbedingt der Lieblingspick aller Fans aus Seattle, sollten ihre Herzen für die Washington Huskies schlagen. Ugochukwu Amadi, kurz Ugo, kommt von den Oregon Ducks, dem Erzrivalen der Huskies, nach Seattle und soll dort als Safety den Konkurrenzkampf beleben.

Amadi wird als charakterstarker Spieler beschrieben, der Fähigkeiten als Returner hat. Seine Schnelligkeit und Größe sind als Schwächen in vielen Scout-Berichten vermerkt, besonders ersteres macht Einsatzzeit als Cornerback im Slot unwahrscheinlicher. Denn das war es, was viele Experten zunächst vermuteten: Amadi könnte als Nickelback eine Rolle in der Seahawks-Verteidigung spielen. Doch laut Pete Carroll soll er eher als Free Safety eingesetzt werden und es dort mit Tedric Thompson zu tun bekommen, falls Bradley McDougald eher in Richtung Strong Safety tendiert. Über die Special Teams wird er wohl seinen Platz im Team finden.

5. Runde, Pick #142: Ben Burr-Kirven, LB, Washington

Vermutlich absolut der Lieblingspick aller Fans aus Seattle, sollten ihre Herzen für die Washington Huskies schlagen. Ob Need oder nicht, Linebacker Ben Burr-Kirven bleibt dort, wo er zuletzt vier Jahre lang am College Football spielte – in Seattle, Washington.

Burr-Kirven wurde in der Pac-12 Conference 2018 zum Defensive Player of the Year gewählt, nachdem er 176 Combined Tackles gesammelt hatte. Er ist dank guter Schnelligkeit und Antizipation stets in der Nähe des Balls. Wird er aber geblockt, ist es laut Scouts vorbei mit seiner Präsenz. Für den “Hometown Hero” führt der Weg in den Kader wohl nur über die Special Teams. Und da wollen die Seahawks den Konkurrenzkampf nach zuletzt schwacher Leistungen der Unit beleben.

6. Runde, Pick #204: Travis Homer, RB, Miami

Ein HOMERun in der sechsten Runde? Möglicherweise. Jedenfalls ist der 20 Jahre junge Travis Homer von der University of Miami der einzige Runningback, den die Seahawks 2019 auswählten. Warum Homer? Pete Carroll liebt Runningbacks, die stark in der Pass Protection sind. Der klein gewachsene und wendige Rookie war das am College, zeigte aber immer wieder Schwächen, wenn es um den Schutz des Balles ging. Als Fänger und Third-Down Back ist er eine Option.

6. Runde, Pick #209: Demarcus Christmas, DT, Florida State

Ja, ist denn heut’ schon Weihnachten? Den Witz wird Demarcus Christmas vermutlich noch nicht gehört haben. Dafür aber viele andere. Wie er darauf reagiert? “Ich lache einfach darüber.” Die Defensive Line bekommt nochmals Verstärkung, diesmal innen. Defensive Tackle Christmas von der Florida State University war am College zwar kein Sack-Monster, doch er riss sich mit großen Händen und überdurchschnittlicher Athletik von Gegenspielern los, um Druck auf das Backfield zu machen – nur leider zu selten. Hätte er das öfter getan, wäre er wohl in der zweiten oder dritten Runde ausgewählt worden.

In Sachen Pass Rusher werden die Seahawks wohl noch den ein oder anderen Veteran verpflichten in der nun anstehenden dritten Phase der Offseason. Das ließ John Schneider bei der Abschluss-Pressekonferenz durchsickern.

7. Runde, Pick #236: John Ursua, WR, Hawaii

Da war der NFL Draft 2019 eigentlich schon vorbei – und dann tauschten sich die Seahawks per Trade mit den Jacksonville Jaguars doch wieder in die siebte Runde hinein, um einen dritten Wide Receiver zu holen. John Ursua war an der University of Hawaii im vergangenen Jahr ziemlich produktiv (89 Catches, 1.343 Yards, 16 Touchdowns). Seine Maße lassen davon ausgehen, dass er wie Gary Jennings um einen Platz als Receiver im Slot kämpfen wird. Im Vergleich zu Metcalf und Jennings hat Ursua schnelle Beine und ist wieselflink unterwegs.

Der Kritik, ein Trade wäre hier nicht nötig gewesen, sind zwei Argumente zu entgegnen. 1) Die Seahawks gehen davon aus, dass ein anderes Team ihnen den Spieler vor Verpflichtung der Undrafted Free Agents noch weggeschnappt hätte, nur deshalb reagierten sie. 2) Der Verlust eines Sechstrundenpicks im Jahr 2020 ist definitiv verschmerzbar, da die Seahawks ja bekanntlich gut sind darin, Picks zu ertraden und im nächsten Draft aktuell mehr als zehn Auswahlmöglichkeiten haben.

Undrafted Free Agent Signings

Nach dem Draft ist vor der Verpflichtung von Undrafted Free Agents, die bei der Talentauswahl nicht berücksichtigt wurden. Folgende Spieler wurden inzwischen von den Seahawks bestätigt:

  • Taryn Christion, QB, South Dakota State
  • Derrek Thomas, CB, Baylor
  • Terry Wright, WR, Purdue
  • Davante Davis, CB, Texas
  • Adam Choice, RB, Clemson
  • Jalen Harvey, SS, Arizona State
  • Jay-Tee Tiuli, DT, Eastern Washington
  • Demetrius Knox, G, Ohio State
  • Bryan Mone, DT, Michigan
  • Mik’Quan Deane, TE, Western Kentucky
  • Justin Johnson, TE, Mississippi State
  • Jazz Ferguson, WR, Northwestern State

Stand: 3. Mai, 22:00 CEST

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