Fischadleraugen: Komplettere Seattle Seahawks

Fischadleraugen Russell Wilson Offensive Defensive

Die Seattle Seahawks haben das Spiel gegen die Los Angeles Rams und damit auch die NFC West gewonnen. Der vorläufige Höhepunkt einer kuriosen Saison ist erreicht. Die Geschichte der 2020er-Seahawks ist dabei eine bewegte. Nicht nur aufgrund der Umstände, sondern auch sportlich.

Zu Beginn der Saison stellt die Offensive rund um Russell Wilson den neben den Kansas City Chiefs besten Angriff der gesamten Liga. Kurz gesagt: Die Philosophie des etablierten Laufs wurde durch einen passlastigen Ansatz (#LetRussCook) ersetzt. Im Laufe der Saison wurde die von Brian Schottenheimer geführte Offensive immer schwächer – auch durch den immer weiter schwankenden Quarterback. Eine andere Geschichte erzählt die andere Seite des Balles. Laut diverser Statistiken war die Seahawks-Defensive zu Hälfte der Saison auf Kurs, die schlechteste Verteidigung der NFL-Geschichte zu werden. Ein klärendes Meeting und einen Trade eines Veteranen für den schwächelnden Pass Rush später ist die Defensive aktuell zu den Top-Verteidigungen der NFL zu zählen. So schnell kann es gehen.

Um das Spiel gegen die Los Angeles Rams zu gewinnen war es nötig, dass endlich in dieser Saison sowohl Offensive als auch Defensive gleichzeitig Leistung zeigen. Die Defensive zeigte ihr wohl beste Saisonleistung, die Offensive konnte in entscheidenden Situationen punkten und das Spiel entscheiden. Und darauf wollen wir im Folgenden blicken.

Videoanalyse der Defensive

In der ersten Szene sehen wir einen Play-Action-Reverse der Rams-Offense. Sie täuschen Ballübergabe und Lauf nach rechts an. Quarterback Jared Goff behält den Ball, rollt auf die andere Seite heraus und bringt einen kurzen Pass auf seinen Wide Receiver an. Die Seahawks-Defensive spielt hier früh in der Partie enorm diszipliniert. So werden trotz der Finte und dem Verschieben auf die linke Seite schnell nach Erkennung ebendieser die Zuteilungen früh wieder aufgenommen. Besonders aufmerksam ist dabei Cornerback D.J. Reed, im Video markiert. Er spielt seine Zone diszipliniert und macht den tiefen Passweg zu einem anderen Receiver zu. Goff ist gezwungen, die kurze Anspielstation zu wählen. Im Anschluss kann Reed das sichere Tackle setzen und den Raumgewinn minimieren.

Star-Safety Jamal Adams stellte in Woche 14 gegen die New York Jets den Rekord für die meisten Sacks eines Defensive Backs in einer Einzelsaison auf. Im Pass Rush war Adams die ganze Runde ein gutes Mittel, um Druck auf den Quarterback zu erzeugen. Fragezeichen bei Adams gab es hingegen in der Deckungsarbeit. Er offenbarte Schwächen, hielt seine Zonen nicht oder konnte seine Gegenspieler nicht eng decken.

In der folgenden Szene sieht man exemplarisch die Steigerung der Leistungskurve von Adams, aber auch der gesamten Defensive. Adams ist als tiefer Safety aufgestellt. Nach dem Snap wartet er geduldig auf die Entwicklung des Spielzuges. Er erkennt die Crossing-Route des Wide Receivers und deckt ihn ab der Übernahme eng. Goff kann den Pass zwar anbringen, aber auch hier werden die Yards nach dem Catch durch enge Deckung und sicheres Tackling minimiert. Genau das sah in den Aufeinandertreffen der beiden Teams in Vergangenheit oft anders aus.

Im Vorfeld des schon jetzt schon legendären Goalline-Stands (die Seahawks verteidigten vier Versuche innerhalb kürzester Distanz zur Endzone) ereignete sich folgende Szene. Während die spätere Sequenz eine großartige Teamleistung ist, blicken wir hier auf die Individualleistung Adams’. Er hat eigentlich die Aufgabe, den Quarterback unter Druck zu setzen. Die Rams haben aber keinen Passspielzug ausgewählt und mit einem Laufspielzug, dazu über außen, eigentlich den perfekten Play Call für den Blitz der Seahawks-Defense ausgewählt. Running Back Henderson läuft über die rechte Seite und damit von Adams weg. Dieser registriert den Spielzug aber blitzschnell und kann durch seine beeindruckende Athletik den Gegenspieler noch vor der Endzone stoppen.

Videoanalyse der Offensive

Wechseln wir auf die andere Seite des Balles. War die erste Halbzeit offensiv noch zähe Kost, so konnte Wilson in Halbzeit zwei wieder seine Künste zeigen. Wilson hatte in der zweiten Saisonhälfte große Probleme mit dem Verhalten in der Pocket und Spielzügen außerhalb der Struktur. Beispielhaft zu nennen wären die für Wilson typischen Würfe aus dem Lauf heraus.

Wilson gerät im folgenden Video durch einen Stunt der Rams-D-Line (zwei Spieler tauschen im Prozess des Pass-Rush-Versuchs die Positionen) durch die Mitte unter Druck. Er wählt im richtigen Moment die Flucht aus der Pocket, bleibt dabei aber immer umsichtig. Qualitäten, die man von ihm kannte. Aber auch Qualitäten, die ihm in Phasen der Saison abhanden gekommen sind. Kurz vor der Line of Scrimmage kann Wilson den Ball auf Running Back Hyde werfen, der aus dem Spielzug noch einige Yards macht – und damit den ersten Touchdown des Spiel, durch Wilson selbst erlaufen, einleitet.

In der letzten Szene kommen wir zum entscheidenden Touchdown des Spiels. Es ist die perfekte Spielzug-Auswahl zur richtigen Zeit. Die Defensive versucht hier mit einer Mischung aus Raum- und Manndeckung die Seahawks-Offensive zu stoppen. Die beiden Wide Receiver, Metcalf und Swain, werden eng an der Line of Scrimmage gedeckt. Swain bekommt die direkte Zuteilung erst, als Jacob Hollister in Motion geht und innen aufgestellt ist. Tyler Lockett bekommt einen freien Release, wird aber vom Verteidiger schnell aufgenommen. Der mittlere tiefe Safety orientiert sich auf keiner der beiden Seiten außen zur Unterstützung, ist damit aus dem Spielzug genommen.

Die Seahawks haben kurzum auf der linken Seite erreicht, was sie erreichen wollten: Zwei Eins-gegen-eins-Matchups. Hollister täuscht eine Route nach innen an, läuft dann aber hinter Swain nach außen. Swain zieht nach innen, bindet damit seinen Gegenspieler und stört dabei den Laufweg des Verteidigers, dessen Aufgabe es ist, Hollister zu decken. Hollister bekommt dadurch den benötigen Raum. Wilson liest das Matchup, wird den Ball schnell los und serviert ihn mit unheimlich viel Gefühl in die hintere linke Ecke der Endzone.

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