Fischadleraugen: Defensive (ver)sammelt sich

Fischadleraugen Seahawks-Defensive

Abgeschrieben und wieder auferstanden? Der Trend der Defensive zeigt jedenfalls in die richtige Richtung. Schon im Spiel gegen die Los Angeles Rams in Woche 10 hielten die Seattle Seahawks die gute Offense von Sean McVay bei 23 Punkten. Im Spiel gegen die Arizona Cardinals vom vergangenen Wochenende waren es sogar nur derer 21.

Die Probleme der Seahawks-Defensive waren groß und zogen sich durch so gut wie jede Positionsgruppe. Fragwürdiges Play Calling, individuelle Aussetzer in der Deckungsarbeit, ein maroder Pass Rush und das Hinterfragen des Defensiv-Schemes. Einen Alleinschuldigen wollte man in Koordinator Ken Norton Jr. ausmachen. Auch ich habe mich für frischen Wind auf dieser Position ausgesprochen, einfach um einen Impuls zu setzen.

Doch eben dieser Ken Norton berief vor dem enorm wichtigen Spiel gegen die Cardinals eine Versammlung der Defensive ein, die Pete Carroll später als eines der besten Meetings bezeichnete, an denen er je teilgenommen habe. Jeder Spieler musste dabei seine Verantwortlichkeiten auf dem Platz bei verschiedenen Schemata nennen. Carroll sprach davon, dass in diesem Moment “etwas passiert” sei.

Die Früchte der Arbeit konnte man in der Nacht von Donnerstag auf Freitag deutscher Zeit eindrucksvoll verfolgen. Die Defensive der Seahawks erledigte ihren Teil des Jobs. So wurde Kyler Murrays Einfluss auf das Spiel und seine großartigen Fähigkeiten als Läufer minimiert. DeAndre Hopkins verbuchte nur 51 Yards. Generell war die Offensiv-Produktion der Cardinals nicht das, was man vor dem Spiel erwartet hatte.

Weil ich nach dem Spiel bei den Buffalo Bills noch hart mit der Defensive ins Gericht gegangen bin, freut es mich umso mehr, dass ich diesmal positive Aspekte der Seahawks-Verteidigung hervorheben darf.

Analyse

Beginnen möchte ich mit dem unbesungenen Leistungsträger der Seahawks-Defensive – Defensive Tackle Poona Ford. Der ehemalige Undrafted Free Agent ist seit Karrierebeginn ein starker Verteidiger gegen den Lauf. In seinem dritten Jahr bei den Seahawks legt Ford aber auch im Pass Rush ordentlich zu, kann den gegnerischen Quarterback zunehmend stärker unter Druck setzen. Pressure durch die Mitte kann für den Quarterback besonders unangenehm sein, das weiß man nicht erst, seit Aaron Donald die NFL-Bühne betreten hat.

Ford bricht in der folgenden Szene mit einer Menge Geschwindigkeit am Center der Arizona Cardinals vorbei. Dabei drückt er die Arme des Gegenspielers, der nach dem Snap versucht Ford sofort zu packen, einfach nach unten. Der Center hat somit überhaupt keine Chance, Ford zu stoppen. Daraufhin muss Quarterback Kyler Murray die Pocket nach links, die unvorteilhaftere Seite für einen Rechtshänder, verlassen. Dies gelingt ihm auch, denn seine Athletik ist herausragend. Anschließend muss Murray den schwierigen Wurf gegen die Laufrichtung versuchen, er sucht seinen Tight End Dan Arnold.

Hier kommt Safety Quandre Diggs ins Spiel. Er spielte in dieser Szene mal wieder den alleinigen Safety in der Mitte des Spielfeldes. Erst deckt er diszipliniert die Mitte ab, kann gegebenenfalls auch einem der beiden Cornerbacks zur Hilfe kommen. Als Murray die Pocket aber verlässt und Diggs den freien Gegenspieler sieht, schießt er im wahrsten Sinne des Wortes nach vorne und tackelt ihn sehr hart – aber im Rahmen der Regeln. Durch den harten Hit im richtigen Moment verliert der Cardinals-Spieler den sicher verstauten Ball. Weil der Fangprozess aber nicht abgeschlossen war, wird die Szene nicht als Fumble gewertet.

Safety Quandre Diggs machte grundsätzlich eines seiner besseren Spiele in dieser Saison. In der nächsten Szene sehen wir, wie Diggs als Unterstützer für den Cornerback auf der linken Seite, D.J. Reed, behilflich ist. Aber der Reihe nach.

Die folgende Spielszene ist ein wunderbarer Beweis, was eine bessere Abstimmung zwischen den einzelnen Spielern ausmachen kann. Reed spielt das linke Felddrittel der Seahawks in der Passverteidigung und folgt eingangs dem Wide Receiver auf seiner Seite. Als der Gegenspieler aber seine Route abbricht und in die Mitte zieht übergibt Reed seinen Gegenspieler an Slot-Cornerback Ugo Amadi. Der wiederum gibt seinen Gegenspieler an Linebacker Bobby Wagner weiter. Zonenverteidigung, wie sie sein sollte. Reed sieht relativ spät, dass Wide Receiver Andy Isabella hinter ihm durchgebrochen ist. Doch gerade weil er erkennt, was gerade vor sich geht und durch seine Schnelligkeit gelingt es ihm, noch zum Ort des Geschehens zu gelangen und Isabella entscheidend zu stören.

Doch selbst wenn Reed seinen Einsatz verschlafen hätte – sein Kollege Diggs wäre das Sicherheitsnetz gewesen und hätte das Play verhindert. Diggs hält hier lange diszipliniert seine Zone. Er antizipiert den Pass von Murray, der unter starker Bedrängnis durch den wiederbelebten Pass Rush werfen muss und eilt Reed zur Hilfe. Beide treffen anschließend etwa zeitgleich am Ort des Geschehens ein und machen es Isabella unmöglich, den wichtigen Fang zu machen.

Der eine Cornerback war schon im Fokus, aber auch sein Kollege auf der anderen Seite der Defensive machte eine ordentliche Partie. Tre Flowers hatte oftmals die schwierige Aufgabe, mit DeAndre Hopkins, einem der absoluten Top-Receiver der Liga, fertig werden zu müssen. Hopkins’ Arbeitsnachweis liest sich nüchtern: fünf Receptions für 51 Yards, kein Touchdown.

Flowers spielt in der folgenden Szene an der Line of Scrimmage eine enge Manndeckung (Press Coverage). Er steht nah an seinem Gegenspieler und versucht, direkt nach Beginn des Spielzugs Kontakt mit ihm aufzunehmen und ihn innerhalb der erlaubten fünf Yards hinter Line of Scrimmage zu stören. Oft wurde zuletzt die weiche Deckungsarbeit der Seahawks-Secondary kritisiert. Daher ist es schön zu sehen, dass Seattle die Press Coverage nun häufiger einstreut.

Durch Hopkins’ erste Finten nach dem Snap lässt sich Flowers nicht verladen. Der Receiver täuscht den vertikalen Lauf an, um am Ende doch eine Route nach außen zu laufen. Flowers ist den gesamten Spielzug über immer nah an seinem Gegenspieler.

In der anderen Ansicht sieht man Ende des Videos deutlicher, dass Flowers exakt am Catch-Punkt Hopkins bei seinem Vorhaben stört. Nicht zu früh, sonst wäre es eine Strafe für Pass Interference geworden. Auch nicht zu spät, sonst wäre das für einen Spieler wie Hopkins ein sicherer Fang geworden. Das Timing von Flowers stimmt. Einzig dass er nur Richtung Gegenspieler schaut und nicht einmal zum Ball, ist für mich hier zu kritisieren.

In der letzten Szene des Beitrags möchte ich auch die letzte Szene des Spiels hervorheben. Denn auch der krönende Abschluss des Spiels gehörte der Seahawks-Defensive.

Neuzugang und Defensive End Carlos Dunlap, der laut Pro Football Focus in drei Spielen fünf Sacks und 13 Pressures sein Eigen nennen darf, ist der Hauptdarsteller. Mit einem explosiven Antritt zwingt er den Right Tackle der Cardinals schnell in eine ungünstige Position. Der Versuch, Dunlap vom Quarterback fernzuhalten, grenzt im Verlauf des Spielzug stark an ein Holding. Dunlap gewinnt das Duell anschließend weniger mit einer ausgefeilten Pass-Rush-Technik, sondern schlicht durch Kraft und die nie zu arbeiten aufhörenden Beine.

Kyler Murray hat in dieser Szene kein Gefühl für den näher kommenden Druck. Mit einfachen Schritten nach vorne hätte er sich ohne Probleme Zeit erkaufen können. So aber kann Dunlap seine Bemühungen vollenden, sackt Murray bei 4th & 10 und beendet das Spiel zugunsten der Seahawks. Warum und weshalb Dunlap bei den Cincinnati Bengals immer weniger Spielanteile gesehen hat – diese Frage kann ich mir bei den bisherigen Auftritten für Seattle nicht beantworten.

Die Defensive der Seattle Seahawks zeigt sich durch alle Position stark verbessert. Gewiss war noch nicht alles perfekt, wenn man sich beispielsweise an den völlig alleingelassenen Cardinals-Passempfänger Chase Edmonds in der Endzone erinnert. Nächste Woche warten die Philadelphia Eagles auf die Mannschaft aus dem Pacific Northwest. Danach geht’s gegen die New York Jets und Giants sowie das Washington Football Team aus der US-Hauptstadt. Mit der aktuellen Entwicklung der Defensive, der Rückkehr von Cornerback Shaquill Griffin und dem Niveau der nächsten Gegner darf man auf erneut gute Leistungen und einen anhaltenden Positivtrend hoffen.

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