Vogelperspektive #2: Offseason 2017

Offseason, das ist im amerikanischen Profi-Football der Abschnitt der Saison, in der keine Spiele ausgetragen werden. Soviel zur offiziellen Definition. Für mich gibt es in diesem Abschnitt der Saison viel zu lesen, ein bisschen was zu hören und praktisch nichts zu gucken.

Tag ein, Tag aus versuche ich, meinen Football-Hunger mit Tweets und Podcasts zu stillen. Fast hätte ich mich sogar dabei erwischt, einen Blick auf den National Signing Day im College Football zu riskieren. Wohl wissend, dass es weit mehr Division I Colleges gibt als NFL-Teams und selbst da fällt es mir schon schwer, den Überblick zu behalten, wer grade wo spielt. Außerdem ist es längst kein Geheimnis mehr, dass gute College-Spieler nicht zwangsläufig auch in der NFL abliefern. Warum also meine kostbare Freizeit mit Scouting vergeuden? Dafür werden andere bezahlt. Mein Fokus ist die NFL, und da gibt es aktuell nur eins, Free Agency! Das ist Big-Time Money! Da wird richtig getalked! Ungefähr alle drei Tage wird mein eingestaubtes Football-Herz von einem kleinen Freudenschauer erhellt, wenn ich aus einem Tweet erfahre, dass ein weiterer Spitzenmann mit Fullspeed dem freien Markt entgegen steuert. Hochkaräter wie Le’Veon Bell (Running Back, Steelers), Eric Berry (Safety, Chiefs) oder Matt Kalil (Offensive Tackle, Vikings) kann ich in Sekundenschnelle dem Seahawks-Roster zuordnen, wenn das Management die paar Dollar denn locker machen wöllte. Umso niedergeschlagener bin ich dann, wenn mir kurze Zeit später in einem der besagten Podcasts um die Ohren geschlagen wird, dass sich wohl keiner dieser Superstars dem Monstrum Infernale namens Franchise Tag entziehen wird.

Franchise Tag, das können sich die weniger gut Informierten von euch in etwa so vorstellen: deine Freundin und du, ihr hatte ein paar schöne Jahre. Da wäre der Türkeiurlaub zu nennen oder der zweiten Preis beim Pärchen-Backen den ihr letztes Jahr gewonnen habt. Sie hat immer gut für dich gesorgt und dir jede deiner Eskapaden verziehen (Vatertag, erinnerst du dich?). Aber jetzt hat deine Freundin ordentlich abgeliefert und irgendwann kommt der Moment, da sie sich fragt, warum du sie so lange nicht mehr von der S-Bahn abgeholt hast. Und warum reden deine Kumpels eigentlich immer mit ihr, als ob sie nichts von Football verstehe? Und dann, so denkt sie sich, ist es Zeit weiterzuziehen. Doch nicht mit dir. Ein süffisantes „Is nich, Inga – Franchise Tag!“ murmelnd, schnappst du dir ihr Handgelenk und knallst den Stempel mit dem Familienwappen deiner Urgroßeltern auf die Haut, wie ein Brandzeichen auf die Milka-Kuh. Das war’s dann mit der Weiterfahrt. Noch ein Jahr bei dir auf der Couch sitzen, zusehen wie du fetter wirst und immer noch ran NFL schaust, weil der GamePass doch so teuer ist. Ungefähr so läuft das in der NFL. Mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass dem Spieler – in unserem Beispiel deiner Freundin – ein kleines Sümmchen Bleibegeld in die Sporttasche gesteckt wird. Bye bye, Free Agency, hallo Langeweile, so sieht das mein Football-Herz!

In meiner Verzweiflung bliebe da nur die NFL Scouting Combine. Leider lässt mich der Gedanke, alle halbwegs talentierten Nachwuchsspieler zu einer aus den Fugen geratenen Schulolympiade antreten zu lassen, in den nächsten Busch erbrechen. Die Jungs aufzureihen wie Freudenmädchen auf der Reeperbahn, ist mir einfach zuwider. Das ist wohl der romantischen wie realitätsfernen Vorstellung in mir geschuldet, dass Spitzensportler eben nicht nur Zugmaschinen sind, die von Klubs und Geldgeber durch den Ligadreck gezogen werden, bis irgendwann der nächste Traktor vorgestellt wird. Mal abgesehen davon, dass mir auch schleierhaft ist, wie manche dieser Tests Rückschlüsse auf die spätere Performance im Spiel zulassen sollen. Aber wie denn dann? Das mögt ihr euch fragen. Ich sage: Schickt die Scouts ins Stadion! Studiert das Filmmaterial! Ladet die Jungs zum Probetraining ein. „Feddich!“ sagt man in Brandenburg.

Anlass zur Freude gibt einzig und allein der NFL Draft – immerhin knapp drei Monate vor dem ersten Preseason-Spiel. Endlich werden die (fragwürdigen) Combine-Werte zu Unterschriften und der Trainingsschweiß zu Dollarscheinen. Was für eine Genugtuung man verspüren muss, wenn einem das College-Trikot aus der Hand gerissen und anschließend das Cap und Jersey der Profis übergezogen werden. Klar, man könnte bei den Jacksonville Jaguars oder den Cleveland Browns gelandet sein, aber hey, bezahlt wird überall mit dem gleichen Geld. Ein Tom Brady stand auch nicht sofort auf der große Bühne. Während man das Treiben bei der Talentauswahl verfolgt, sieht man förmlich vor sich, wie die Jungs einen Strich unter ihre Rechnung machen. Sie sitzen auf den entscheidenen Anruf wartend neben ihren Eltern, haben vier Kameras vor dem Gesicht und ziehen unter dem Tisch klammheimlich das Smartphone aus der Tasche. Ein Lächeln auf den Lippen, fliegen ihre Finger über den Touchscreen. Ein paar Klicks und raus ist die Nachricht. „Macht’s gut, ihr Trottel!“

Offseason, das ist wenn man Entzugserscheinungen entwickelt und plötzlich jedes Flugobjekt zum Football wird. Vorbei ist die Zeit, in der man Schneebälle einfach mit den Händen kneten und im Stile eines Handballers wegwerfen konnte. Nein, der sorgsam zur einer Art Ei geformte, weiße Klumpen wird in breiter Hockstellung vom imaginären Center übergeben und nach wenigen Schritten rückwärts präzise wie ein Laserstrahl gegen die Fensterscheibe der Freundin geknallt. Natürlich nicht, ohne vor dem Snap halblaut eine zufällig gewählte Abfolge von Zahlen, Farben und Tierbegriffen in den grauen Wintertag zu brüllen. Also ungefähr so: „Eleven Silver Husky“ oder noch besser „Green Eighteen Omaha“. Und dabei mit den Armen wedeln wie ein aus der Zeit gefallener Otto Lilienthal. Dumm nur, wenn die Freundin das alles vom geschlossenen Fenster aus mit dem Handy gefilmt hat und man sich hinterher restlos davon überzeugen kann, dass es dringend wieder Zeit für NFL-Football wird.

Bis dahin. Go Hawks.

[bsf-info-box icon=”Defaults-exclamation” icon_size=”32″ title=”Vogelperspektive – Die Kolumne”]

Die Vogelperspektive ist eine Fan-Kolumne von Hannes Gärtner, dessen Puls bei 1000 liegt, wenn Steven Hauschka zum Extra Point antritt oder Richard Sherman nicht die Seite wechselt, um den Superstar-Receiver des Gegners zu covern. Es kommt schon mal vor, dass seine Freundin die Unnecessary Roughness-Flagge wirft, wenn die Chips vor Aufregung durchs Wohnzimmer fliegen. Die Kolumne erscheint monatlich und beschäftigt sich auf pointierte Weise mit Themen rund um die Seattle Seahawks.

[/bsf-info-box]
Menü