Vogelperspektive #1: Alles auf Anfang

Wie beginnt man etwas Neues, wenn das Vergangene noch gar nicht richtig überwunden ist? Diese Frage, die sich jeder von uns schon einmal gestellt haben dürfte, findet sich in allen Lebensbereichen. Vor allem aber ist sie verbunden mit dem Sport. „Wie geht es weiter?“ steht auf einem kleinen Aufkleber in Form eines Footballs unter dem Spielbericht des ersten Preseason-Spiels. Schon etwas größer, vielleicht mit Edding geschrieben, prangen die Wörter über einem Spielergebnis in der Midseason. In demselben Maße, in dem sich die Regular Season ihrem Ende nähert, vergrößern sich die Buchstaben. Bemerkenswert dabei ist, dass sich alle Teams die gleiche Frage stellen. Jene am Tabellenende, weil sie sich aus der Misere wünschen, jene in der Mitte, weil sie doch noch den Sprung in die Playoffs schaffen wollen und jene an der Spitze, weil Zweiter werden eben noch nie gereicht hat. Das letzte Spiel ist noch gar nicht beendet, da rufen die Fans schon nach neuen Trainern, neuen Spielern und überhaupt einer anderen Einstellung. Das ist in allen Sportarten so – es sei denn natürlich man wird Meister, Pokalsieger oder gewinnt wie im American Football den Super Bowl.

Wie also beginnt man eine neue Saison, wenn die alte mental noch gar nicht überwunden ist? Ich sage: gar nicht. Die kommenden drei Monate bieten genug Zeit einen Strich unter die alte Rechnung zu ziehen und eine neue Seite aufzuschlagen. Spätestens mit Beginn des NFL Draft 2017 Ende April müssen sich die Verantwortlichen um Pete Carroll und John Schneider einen Plan zurechtgelegt haben. Analyse, Entscheidung, Ausführung – das ist der Job der Verantwortlichen. Der Wagen von uns Fans fährt spätestens nach der Analyse auf einen anderen Weg. Es sei denn ihr entscheidet euch, das Lieblingsteam zu wechseln, womit ihr hier ohnehin schlecht aufgehoben wäret. Nach dem Ausscheiden der Seahawks dient mir die restliche Offseason vor allem für einen Rückblick. Wo stehen die Seahawks Anfang 2017?

Nachdem ich zu Beginn der Saison die Fragezeichen-Sticker feinsäuberlich der Größe nach um den Seahawks-Kader ausgelegt hatte, klebte ich das größte von ihnen auch sofort neben den Namen Jimmy Graham. Nach einer durchwachsenen ersten Saison bei den Seahawks (2015/16) hatte sich der Tight End am 12. Spieltag verletzt und sogleich in die Offseason verabschiedet. Nach langer Pause (es war bis Ende August unklar, ob Graham rechtzeitig fit werden würde) spielte er in der aktuellen Saison solide auf. Auf 16 Spieltage kommen 923 Yards und sechs Touchdowns. Ordentliche Werte für einen (Star-)Tight End. Vor allem das Red-Zone Game könnte aber noch mehr von ihm profitieren. Zum Vergleich: 2013 erzielte Graham für die New Orleans Saints unglaubliche 16 Touchdowns. Auf der Receiver-Position sticht vor allem Doug Baldwin hervor. Nach zwei Spielzeiten in Serie über 1000 Receiving Yards darf man nur hoffen, dass der Leistungsträger unverletzt bleibt. Denn unter dem gesetzten Nummer-eins-Receiver kleben nun wieder einige Fragezeichen. Jermaine Kearse, der auf freiem Feld eine ordentliche Figur abgibt, lässt in der Endzone Bälle fallen, als spiele er Eierlauf mit umgedrehten Löffeln (41 Receptions, 510 Yards, 1 TD). Tyler Lockett, der zunächst vielversprechend abgeliefert und Kearse in der Depth Chart sogar überholt hatte, musste die Saison im Dezember mit einem gebrochenen Bein beenden. Es ist unklar, wann er wieder auf dem Trainingsplatz zu finden sein wird und ob seine Leistung an die der abgelaufenen Saison anknüpfen kann. An seine Stelle rückte Paul Richardson, der mit Engagement und atemberaubenden Catches überzeugte. Gegen Detroit fing er einen Ball, indem er den Arm um den Rücken des Gegners schlang, dann durch seine eigenen Beine und nochmal unter der Achsel des Verteidigers hindurch. Alles in der gegnerischen Endzone. Bei einem 4th & Goal. „Wow. He’s a heck of a player“, hätte Troy Aikmann in geübter Manier verlauten lassen, wenn er denn das Spiel kommentiert hätte. Richardson macht Lust auf mehr und stellt starke Leistungen für das kommende Jahr in Aussicht. Alles in allem besteht bei den Receivern sicherlich Verbesserungspotential. Aber das ist eigentlich immer so.

Damit diese Kolumne nicht zur Besprechung verkommt, möchte ich zur O-Line gar nichts sagen außer, dass sie im American Football der D-Line gegenübersteht. Und damit sind wir auf der anderen Seite des Feldes. Der Pass Rush um Cliff Avril (30 Combined Tackles, 11,5 Sacks), Michael Bennett (34 Combined, 5 Sacks) und Frank Clark (47 Combined, 10 Sacks) funktionierte auch 2016 sehr gut. Dahinter sorgte eine hervorragende Reihe von Linebackern für die gewohnte Sicherheit gegen das Laufspiel. K.J. Wright bekommt vor allem deshalb so wenig Aufmerksamkeit, weil Bobby Wagner alle Scheinwerfer auf sich zieht. Mit 167 Tackles ist er die unangefochtene Nummer eins in dieser Kategorie. Was die Front Seven an Stabilität ausstrahlt, macht die Secondary durch Ungewissheit wett. Dass Cornerback Richard Sherman in seinem sechsten Profijahr noch immer zu den Besten auf seiner Position gehört, ist wohl unbestritten. Dennoch waren gegen sehr gute Receiver seine Grenzen zu erkennen. Das ist normal und nicht zu vermeiden. Deutlich besorgniserregender ist aber die Tatsache, dass alle anderen Cornerbacks weit hinter Sherman zurückbleiben. DeShawn Shead, in dieser Saison Stammspieler als linker Cornerback, zog sich im Spiel gegen die Detroit Lions eine schwere Verletzung zu. Seine Rückkehr zum Beginn der kommenden Saison ist wohl fraglich. Es bleibt zu sagen, dass auf dieser Position dringender Verbesserungsbedarf besteht. Aber da Cornerbacks bekanntlich Receivern gegenüberstehen, ist auch das eigentlich immer so.

Die Secondary wird durch die Safety-Positionen vervollständigt. Ein Bereich auf dem Spielfeld, um den sich Seahawks-Fans lange keine Sorgen machen mussten. Sowohl Strong Safety Kam Chancellor als auch Free Safety Earl Thomas zählen zu den Besten ihrer Garde. Dumm nur, wenn sie sich verletzen. Während Kam Chancellor nach vier Spielen Pause ab dem 12. Spieltag wieder auf dem Platz stand, verabschiedete sich Earl Thomas in Woche 13 mit einem gebrochenen Schienbein in die Offseason. Es ging ein kollektives Raunen durch die Fanszene, als eben dieser Thomas in einem Tweet Gedanken zum Ruhestand äußerte. Ich habe schon damals gesagt: alles Quatsch! Und ich bleibe dabei, der Mann kommt zurück. Vertreten wurde er in der Zwischenzeit durch Steven Terrell. Und auch wenn man manchmal froh ist, dass Football-Hosen keine Taschen haben, um die Hände darin zu vergraben wie ein Bauarbeiter, der heute lieber mal nicht arbeitet, darf man bei der Beurteilung seiner Leistung nicht vergessen, dass die Position des Free Safety einer der anspruchsvollsten im American Football ist. Aber wie gesagt, Earl Thomas kommt ja zurück. Ist doch so, oder? Komm schon! Komm schon!

Und damit endet mein Rückblick, der sich in Teilen dann doch als Ausblick entpuppt hat. Moment, bemerkt der aufmerksame Leser, was ist mit den Special Teams? Wegen der oben erwähnten Sorge, dass diese Kolumne zur Besprechung verkommt, auch hier der Hinweis, dass ich zu den Special Teams und speziell zum Kicker nichts sagen will, außer, dass er den verdammten Ball reinmachen soll, Herrgott noch mal.

Während vor dem Wild-Card Game noch Uneinigkeit darüber bestand, ob Detroit oder die Seahawks sich durchsetzen würden, waren sich von R wie Rosenthal bis S wie Sessler aus dem Around the NFL Preview dieses Mal alle einig: Ein Sieg gegen die Falcons – das sei ein Ding der Unmöglichkeit. Und so kam es dann auch. Das Auswärtsspiel der Divisional Round in den NFL Playoffs 2016 ging verloren. Das bessere Team hat gewonnen, das kann man anerkennen. In der Niederlage zeigt sich wahre Größe. Jeder, der die überaus erfolgreiche EA Sports-Serie Madden NFL besitzt, weiß, dass es nicht immer so ist. Im Gegenteil, aus persönlicher Erfahrung kann ich mit Fug und Recht behaupten, es gewinnt wirklich immer der Glücklichere. Naja, zumindest, wenn der andere gewinnt.

Bis dahin. Go Hawks.

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Die Vogelperspektive ist eine Fan-Kolumne von Hannes Gärtner, dessen Puls bei 1000 liegt, wenn Steven Hauschka zum Extra Point antritt oder Richard Sherman nicht die Seite wechselt, um den Superstar-Receiver des Gegners zu covern. Es kommt schon mal vor, dass seine Freundin die Unnecessary Roughness-Flagge wirft, wenn die Chips vor Aufregung durchs Wohnzimmer fliegen. Die Kolumne erscheint monatlich und beschäftigt sich auf pointierte Weise mit Themen rund um die Seattle Seahawks.

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