Saisonrückblick 2019: Defensiv-Schwachstellen

Was einst das Prunkstück der Seattle Seahawks zwischen 2012 und 2015 zu den Hochzeiten der Pete-Carroll-Ära war, befindet sich seit Jahren im Abwärtstrend. Die Defensive hat sich allmählich zur Problemzone entwickelt und das Team aus dem Pacific Northwest mit daran gehindert, tiefere Playoff-Runs hinzulegen. In der abgelaufenen Saison kam die Einheit, für die der defensiv eingestellte Cheftrainer hauptverantwortlich ist, am vorläufigen Tiefpunkt dieses Abwärtstrends an.

Zunächst ein paar Zahlen: Basierend auf dem Defensiv-Effizienz-Wert von Football Outsiders lagen die Seattle Seahawks am Ende der vergangenen Saison im Mittelfeld der Liga. Ebenso im Defensiv-Ranking von Pro Football Focus. Nach zugelassenen Punkten war die Defense aus dem Pacific Northwest auf Platz 22 (24,9 Punkte pro Spiel), nach zugelassenen Total Yards pro Spiel auf Platz 26. Die Laufverteidigung gehörte mit 4,9 zugelassenen Yards pro Lauf auf Platz 28 in dieser Kategorie zum Bodensatz der Liga. Zumindest bis zum Trade für Free Safety Quandre Diggs war die Defensive auch eine der schwächsten Passverteidigungen in der NFL. Das sind durch die Bank niederschmetternde Zahlen für ein Team, das in seiner übergreifenden Philosophie auf einer starken Verteidigung fußt.

Die Schwachstellen in der Defensive – nur individuell bedingt?

Wie im richtigen Leben ist auch im Football nicht alles nur schwarz und weiß. Und so kann man natürlich nicht in der Defensive der Seahawks aus der vergangenen Saison die eine Schwachstelle ausmachen. Schwächen hatte Seattle nämlich in allen drei Unterkategorien der Unit von Defensive Coordinator Ken Norton Jr.

Anfangen könnte man ganz vorne mit der Defensive Line, die sich abgesehen von Defensive End Jadeveon Clowney als große Enttäuschung herausstellte. Spieler wie Defensive Tackle Jarran Reed, Defensive End Ziggy Ansah oder Erstrundenpick L.J. Collier blieben klar hinter den Erwartungen zurück, was dazu führte, dass Seattles Quarterback-Jäger den gegnerischen Spielmacher in der regulären Saison nur 28 Mal zu Boden brachten (ligaweit zweitschlechtester Wert). Oftmals fehlender Druck durch die Defensive Line wirkte sich auch auf alle anderen Mannschaftsteile aus.

Die Linebacker um Bobby Wagner und K.J. Wright hatten zwar individuell keine ganz schlechte Saison, sahen in der Passverteidigung durch das oftmalige Verharren in der Base-Defensive aber immer wieder unglücklich aus.

Auch in der Secondary taten sich eindeutige Schwachstellen auf. Abgesehen von Cornerback Shaquill Griffin und Free Safety Quandre Diggs stellten die Defensive Backs der Seahawks ein mittelgroßes Fragezeichen dar. Strong Safety Bradley Mc Dougald lieferte meist nur dann ab, wenn er im Tandem mit Diggs auf dem Feld stand und nicht dazu gezwungen war, die Schwächen seiner Mitspieler ausbügeln zu müssen. Rookie-Safety Marquise Blair war noch nicht ganz NFL-ready. Cornerback Tre Flowers erlebte ein eher enttäuschendes zweites Jahr und fiel vor allem durch Strafen (9; zweitschlechtester Wert unter allen Cornerbacks der NFL) auf. Bei Free Safety Tedric Thompson, der die ersten paar Spiele der Regular Season startete (bis er sich verletzte) und ohne Hilfe seines Safety-Mitspielers völlig hilflos gewesen wäre, braucht man gar nicht anfangen.

Abgesehen davon, dass es auf allen Ebenen der Seahawks-Defensive Spieler gab, die individuell enttäuschten (vor allem in der Defensive Line), existierte ein Hauptgrund für die Schwäche von Seattles Verteidigungsreihen. Dieser liegt im defensiven Personal sowie im Schema, das Pete Carroll und sein Defensive Coordinator in der abgelaufenen Saison hauptsächlich aufs Feld schickten und spielen ließen.

Justin Colemans Abgang in der Free Agency

Seinen Lauf nahm alles mit dem Start der Free Agency 2019, als die Seahawks ihren Starting-Nickelback Justin Coleman verloren. Der Veteran unterzeichnete nach einer ordentlichen Saison verdientermaßen einen Vierjahresvertrag über 36 Millionen US-Dollar bei den Detroit Lions. Ein Angebot, das die Verantwortlichen der Seahawks nicht mitgehen wollten. Zum damaligen Zeitpunkt war das ein verständlicher Move. Zunächst einmal erhielt Seattle dafür, wie vor wenigen Tagen offiziell wurde, im NFL Draft 2020 einen Compensatory Pick am Ende der vierten Runde. Das sollte man bei der Bewertung seines Abgangs nicht vergessen. Darüber hinaus war Seattle angesichts des Franchise Tags für Defensive End Frank Clark und der anstehenden Vertragsverlängerungen mit Franchise-Linebacker Bobby Wagner und Franchise-Quarterback Russell Wilson cap-technisch relativ unflexibel.

Schlussendlich stellte sich der Abgang Colemans als Fehler heraus, da der die guten Leistungen aus seinen zwei Seattle-Jahren bei den Lions bestätigte. Nun könnte man argumentieren, dass General Manager John Schneider und sein Salary-Cap-Experte Matt Thomas besser Geld in Justin Coleman investiert hätten, als sich für ähnlich viel Knete die Dienste von Defensive End Ziggy Ansah zu sichern. Aus der Retrospektive ist das leicht gesagt. Es ändert jedoch nichts daran, dass das Front Office der Seahawks zumindest zum damaligen Zeitpunkt die richtigen Entscheidungen traf. Der Abgang Colemans war dennoch eine der Hauptursachen, die die Schwäche der Seahawks-Defensive 2019 erklären.

Stur und alternativlos?

Colemans Abgang hinterließ auf der Nickelback-Position in der Seahawks-Defense eine große Lücke. Anstatt sich über die Free Agency nach einer günstigen Alternative umzuschauen, vertrauten die Seahawks darauf, dass junge Cornerback-Talente wie Kalan Reed oder Akeem King in diese Rolle hineinwachsen würden. Eine Herangehensweise, die unter Pete Carroll in der Vergangenheit mit Spielern wie Byron Maxwell oder Jeremy Lane auch schon funktioniert hatte. Reed musste Ende August aufgrund einer Nackenverletzung jedoch seine Karriere beenden und King konnte die Rolle als Slot-Cornerback in der Preseason nicht an sich reißen. Schließlich war es Rookie Ugochukwu Amadi, der sich den Startplatz erkämpfte, jedoch in Week 1 noch nicht bereit war, die Rolle gänzlich auszufüllen.

Das alles führte dann dazu, dass Carroll überwiegend auf die Base-Defensive setzte, die mit drei Linebackern fungiert. Diese Entscheidung lag nahe, zumal die Seahawks mit Wagner, Wright und Mychal Kendricks drei erfahrene Starter auf den Linebacker-Positionen in ihren Reihen hatten. In der Regular Season 2019 spielte Seattle daher in 68,3 Prozent der defensiven Snaps in der Base-Formation – einsame Spitze. Auf dem zweiten Platz rangieren in dieser Statistik übrigens die Arizona Cardinals mit nur 38,4 Prozent der Snaps in der Base. Die New England Patriots, defensiv 2019 top,  agierten nur in 15,5 Prozent der Snaps in der Base-Defensive.

Dass in einer Liga, die immer passlastiger wird und mit immer mehr Receivern agiert, Base-Formationen tendenziell die schlechtere Wahl sind, zeigt auch diese Videoanalyse auf unserer Website sehr gut auf.

Fazit

Kritik für die schwächelnde Seahawks-Defensive muss sich zunächst das Front Office der Seahawks gefallen lassen. John Schneider und sein Team schafften es in der Offseason nicht, die Defensive Line besser zu machen und konnten außerdem keinen adäquaten Nickelback-Ersatz für Coleman finden, der ab Woche 1 bereit gewesen wäre, verlässlich 60 bis 70 Prozent der Snaps zu spielen.

Kritik ist aber vor allem auch an den Seattles Trainerstab zu richten. Die Coaches hielten über die gesamte Saison stur an der Base-Formation fest und es gelang ihnen daher auch nicht, vielversprechende Rookies wie Ugo Amadi entscheidend weiter zu entwickeln, sie aus Fehlern lernen zu lassen, ihnen Erfahrungswerte zu geben. Da der Base-Formation der Seahawks mit ihren drei Linebackern auch immer wieder schematisch die Hosen ausgezogen wurden, hätten die Trainer hier umdenken müssen. Die berühmten Anfangsschwierigkeiten, die Amadi als Starter in einer nickellastigen Defensive natürlich gehabt hätte, hätte Seattle angesichts des sowieso vorprogrammierten Versagens der Base-Defensive in Kauf nehmen müssen. Darüber hinaus wäre Amadi so noch besser in seine zukünftige Rolle hineingewachsen, die er 2020 voraussichtlich behaupten wird. Hier waren die Coaches zu mutlos.

Individuell gab es in der Defensive dennoch einige Lichtblicke. Shaquill Griffin feierte in seiner dritten Saison den endgültigen Durchbruch. Mit FS Quandre Diggs ist Seattle neben Marquise Blair und Bradley McDougald auf Safety mehr als ordentlich aufgestellt. Es ist außerdem zu hoffen, dass sich Tre Flowers’ drittes NFL-Jahr ähnlich positiv wie das seines Cornerback-Kollegen entwickelt. So gut jedoch viele Spieler der Defensive auf dem Papier auch aussehen mögen. Die vergangene Saison hat auf eklatante Art und Weise gezeigt, dass diese auch nur so gut sind wie das Schema um sie herum. Das gilt für die Offensive wie auch die Defensive eines NFL-Teams. Schaffen die Seahawks in diesem taktischen Bereich keine Verbesserungen, ist eine signifikante Leistungssteigerung der gesamten Defense in der kommenden Saison nicht zu erwarten.

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