Recap: Regular Season (Week 11) – Falcons @ Seahawks

Da ist sie dahin, die makellose Monday Night Football-Bilanz der Seattle Seahawks unter Pete Carroll – und der Head Coach hat einen maßgeblichen Anteil daran. Die Niederlage gegen die Atlanta Falcons in der Nacht von Montag auf Dienstag im CenturyLink Field resultierte aus einem erneut schwachen Start, falschen Entscheidungen des Cheftrainers, Turnovers gegen eine Defense, die der eigenen in gesundem Zustand ähnelt und einem zu kurz geratenen Field Goal-Versuch. Die Seahawks verpassen gegen einen schlagbaren Gegner die Chance, sich vor den entscheidenden Spieltagen an die Spitze der NFC West zu setzen.

Positiv:

DT Sheldon Richardson: Die tolle Saison des Defensive Tackles setzte sich in der Nacht von Montag auf Dienstag fort. Er war den gesamten Abend über der Albtraum von Falcons-Runningback Tevin Coleman, stoppte ihn immer wieder, am Ende aber vergebens. Die Laufverteidigung ohne Richardson wäre nicht in der guten Verfassung, in der sie aktuell ist – Atlanta fand dagegen kein Mittel. In Erinnerung bleibt der einzige Sack der Seahawks kurz vor Spielende, als Richardson Matt Ryan zu Boden brachte und so Seattle eine finale Chance auf Ausgleich gab. Der Neuzugang von den New York Jets kann Spiele entscheiden. Dienstagnacht gelang das zwar nicht ganz, doch aus der zunehmend dezimierten Defensive ist Richardson nicht mehr wegzudenken. Zwei Richardsons sollten in der Offseason neue Verträge bekommen.

RB Mike Davis: Es liegt ein Fluch auf Seattles Runningbacks. Schon wieder hat sich ein Läufer der Seahawks verletzt, gerade als Hoffnung aufkeimte, er könnte das Laufspiel verbessern. Im dritten Play der zweiten Halbzeit spielte Russell Wilson einen Screen-Pass auf den Newcomer. Nach 21 Yards Raumgewinn war Schluss – und Davis an der Leiste verletzt. Trotz 18 Yards in sechs Läufen – oder gerade deshalb – war Davis’ Leistung die beste eines Runningbacks, die Seattle seit Chris Carsons Verletzung erlebt hat. Wie schlimm die Leistenverletzung ist, ist noch unklar. Sollte sie nicht dramatisch sein, könnte das Backfield nun Mike Davis gehören. Gemeinsam mit J.D. McKissic sammelte er im Spiel 112 Yards bei 20 Ballberührungen. Eddie Lacy und Thomas Rawls hatten ihre Chancen in dieser Saison.

TE Jimmy Graham: Bindet Graham endlich mehr ins Passspiel ein, riefen sie. Gebt ihm mehr Chancen in der Redzone. Gefordert, getan. Der Tight End ist der große Lichtblick in Seattles Redzone-Aktivität, am Dienstagmorgen erzielte er seinen siebten Touchdown in dieser Saison. Den achten legte er fast nach, als Wilson wieder einmal die Verteidiger zu Fuß narrte und einen hohen Ball Richtung Graham warf. Der tat alles, um ans Ei zu kommen, konnte ihn am Ende aber nicht sichern (der Gegenspieler zum Glück auch nicht). Graham hat sich aus seiner Misere zu Beginn der Spielzeit herausgekämpft und ist endlich wieder der toughe Spieler, als den ihn Seattle einst geholt hat. Er fängt zwar inzwischen meist kürzere Pässe und steckt dafür einige harte Hits weg, doch er könnte sich am Ende der Runde auf der Liste der All-Pros wiederfinden, sollte er weiter so punkten.

KR/WR Tyler Lockett: Es ist verständlich, dass nach der schweren Beinverletzung bei Lockett eine Blockade im Kopf war, die ihn daran hinderte, bei Returns den Körperkontakt zu suchen. Diese Blockade hat er inzwischen abgelegt, er wirkt beweglich und fit. Doch gegen schwache Special Teams der Falcons war es auch nicht nötig, zu viel Risiko zu gehen. Lockett trug fünf Kickoffs für 197 Yards zurück, im Schnitt 39,4 Yards pro Return. Dabei musste er nicht aus der Endzone starten, was zeigte, wie schwierig das Kicken an diesem kalten Abend in Seattle war. Es war schön, Lockett wieder so aktiv zu sehen. Ein vielversprechendes Quartett, das er mit Graham, Paul Richardson und Doug Baldwin bildet.

Neutral:

QB Russell Wilson: Nicht falsch verstehen – Wilson ist das Herz dieser Mannschaft und aktuell die Ein-Mann-Show in der Offensivabteilung. Auf dem Boden war er wieder einmal unglaublich effektiv: sieben Carries für 86 Yards und einen Touchdown bei 4th & Goal. Die Stats in vielen Kategorien sprechen für Wilson. Trotzdem wird er wohl bei der MVP-Debatte wieder keine große Rolle spielen. Entscheidend sind die optischen Eindrücke der Offense, der Gesamterfolg und die spielerische Überlegenheit des Teams. Da können die Seahawks nicht mit Tom Bradys New England Patriots und Carson Wentz’ Philadelphia Eagles mithalten. Auch 2015 war Wilson MVP-würdig drauf, aber der Rest der Offense eben schon damals lange Zeit nicht. Kritikpunkte gab’s trotzdem auch am Dienstagmorgen wieder ein paar: Die Interception ging klar auf Wilsons Kappe und das Zeitmanagement beim Two-Minute Drill kurz vor Spielende war mangelhaft. Auch 258 Yards in der Luft bei 42 Versuchen sind gegen eine mittelmäßige Passverteidigung nicht gerade spektakulär.

CB Byron Maxwell: Er wurde früh eingesetzt, früher als erwartet. Als Rookie Shaquill Griffin sich verletzte, kam Maxwell aufs Feld und spielte gut. Matt Ryans Passer Rating gegen den altbekannten Neuzugang lag bei 62,5. Sollte Griffin schnell wieder fit werden, sind die Seahawks mit ihm, Maxwell, Justin Coleman und Jeremy Lane gut aufgestellt.

Negativ:

K Blair Walsh: Eins vorneweg: Blair Walsh hat das Spiel nicht verloren. Erstens, weil ein Field Goal lediglich den Ausgleich bedeutet hätte. Zweitens, weil 52 Yards bei Kälte kein Selbstläufer sind. Bei den Kickoffs zuvor war zu sehen, dass beide Kicker Probleme hatten, den Ball weit in der gegnerischen Hälfte zu versenken. Walsh ist im Fokus aller Beobachter, aufgrund seiner Vorgeschichte. Das Dilemma in Minnesota und der schwache Auftritt vor zwei Wochen gegen Washington bleiben im Hinterkopf. Trotzdem wird er wohl noch eine Chance bei den Seahawks bekommen. Dass er zu seinen Fehlern steht, kann man ihm nicht übel nehmen.

Coaching: Ein paar Mal kratzte man sich in der Nacht von Montag auf Dienstag am Kopf wegen merkwürdigen Entscheidungen der Trainer. Da war zuerst der Fake beim Field Goal-Versuch kurz vor der Halbzeitpause. Es liegt in der Natur von Trickspielzügen, dass sie gefeiert werden, wenn sie funktionieren und kritisiert werden, wenn sie misslingen. Deshalb nur eine Bemerkung an dieser Stelle: Vielleicht ging der Plan nicht auf, weil das Schema vorsah, dass der Long Snapper einen der schnellsten Defensive Tackles der Liga blocken sollte. In der Regel geht so etwa nicht gut.
Und dann war da noch die fragwürdige Challenge beim Nicht-Catch von Doug Baldwin. Nach dem Spiel sagte Carroll, er habe seinem Spieler vertraut. Schön und gut, doch in dieser Situation muss Kommunikation über Vertrauen gehen. Beobachter der Seahawks auf der Tribüne oder Baldwin selbst hätten dem Head Coach mitteilen müssen, was vor den TV-Geräten alle Zuschauer schnell sahen. Der Pass war unvollständig.
Drittens: Es ist offensichtlich, dass die Defense ein Problem bei Third Downs hat, gerade auch, wenn diese länger als zehn Yards sind. Auf dem viertletzten Platz rangiert die Verteidigung, wenn es darum geht, ein 3rd & Long abzuwehren (die Seattle-Offense verwandelt selbst nicht besser: Platz 31 in der NFL). Atlanta verwandelte neun von 14 Third Downs, weil der Pass Rush der Seahawks fehlte und die Backup-Secondary Julio Jones und Co. nicht gewachsen war. Doch dieses Problem resultiert nicht aus Verletzungen, sondern war schon vor dem Ausfall von Richard Sherman und Kam Chancellor oder Earl Thomas vorhanden. Vielleicht ist es an der Zeit, das situationsabhängige Schema der Defense unter Kris Richard zu hinterfragen.

Pass Rush: Während die Laufverteidigung wunderbar funktioniert, ist der Pass Rush der Seahawks kaum existent. Frank Clark sollte eigentlich der Spieler sein, der Cliff Avril auf lange Sicht ersetzt, doch aktuell spielt er leider nicht annähernd so gut, dass man ihm diese Rolle zutraut. 2016 und auch Anfang 2017 war der D-Liner stark, doch in den vergangenen drei Spielen verbuchte er weder Solo Tackles noch Sacks.

RT Germain Ifedi: Der Right Tackle ist auf Rekordkurs. Er hat dreizehn Strafen gesammelt, das sind nur die, die auch akzeptiert wurden. Damit führt er das Ranking deutlich an, der Zweitplatzierte hat zwei Strafen weniger erhalten. Wieder einmal wirkte Ifedi als Beschützer von Russell Wilson überfordert, geradezu vorgeführt wurde er. Ifedi ist übrigens der einzige First Rounder der Seahawks im NFL Draft der vergangenen fünf Jahre.

Fazit:

Mit der Prognose (27:24 Falcons) lag Kollege Henri Wolfarth knapp daneben – und auch ein bisschen richtig. Nur drei Punkte trennten die Seahawks am Ende von der Verlängerung und damit der Chance, das Spiel doch noch zu drehen. Unterm Strich steht die zweite Heimniederlage in Serie gegen eine Mannschaft, die jeden Fehler Seattles bestrafte und oft davon profitierte, dass die Seahawks-Defense in Third Down-Situationen nicht vom Feld kam. Keines der beiden Teams spielte wirklich überragend, am Ende reichte eine nahezu fehlerlose Leistung Atlantas für den Auswärtssieg.

Das Restprogramm der Seahawks ist ähnlich happig wie das der Los Angeles Rams, die in der NFC West weiterhin einen Sieg vor Seattle liegen. First-Round Bye und Heimvorteil sind in weite Ferne gerückt, die Playoffs aber im Bereich des Möglichen. Sollten Seahawks und Rams in drei Wochen immer noch die gleiche Record-Differenz haben, hat das Team aus dem Pacific Northwest im direkten Duell alles selbst in der Hand. Wir sollten vorbereitet sein auf die erste Postseason ohne Seattle in der Ära Russell Wilson. Aber wir sollten die Seahawks niemals so früh abschreiben.

Am kommenden Sonntag warten in Santa Clara die San Francisco 49ers, bei denen wohl erstmals Ex-Patriot Jimmy Garapollo das Spiel machen wird. Ein Pflichtsieg für die Seahawks ist die Partie dennoch, um in der Division weiter ungeschlagen zu bleiben.

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