Recap: Regular Season 2020 (Week 13) – Giants @ Seahawks

Recap Week 13, 2020 New York Giants

Da ist sie dahin, die realistische Chance auf Platz 1 in der NFC. Gegen das Team aus dem Big Apple haben sich die Seattle Seahawks ein Big Ei ins Nest gelegt. Bei der 12:17-Heimniederlage gegen die New York Giants verlor die Mannschaft aus dem Pacific Northwest nicht nur die Tabellenführung in der Division, sondern auch die bisher charakteristische Eigenschaft, trotz noch so widriger Umstände immer wieder in Spiele zurückzufinden.

Es deutete sich in Week 7 an, setzte sich in Week 9 und 10 fort und bestätigte sich in Week 12 und 13. Die Seahawks haben ein gewaltiges Problem in der Offensive, wenn sie ihr Tiefpassspiel nicht in Gang bringen. Ihnen fehlt ein Plan B. Wie zuvor schon beispielsweise die Minnesota Vikings deckten die Giants ihre tiefen Zonen häufig mit zwei Safetys ab und versteckten vor dem Snap ihre tatsächliche Formation, sodass lange Bälle auf die Wide Receiver DK Metcalf und Tyler Lockett komplett eliminiert waren. Die neu entstandenen Räume direkt hinter der Line of Scrimmage (mehr Platz in der Box) konnte Seattle nicht nutzen, weil Chris Carson und Carlos Hyde angeschlagen waren, Russel Wilson panikartig die Flucht ergriff und die O-Line weit von ihrer Form und Chemie aus dem September weg ist.

Dass die recht solide Defensive ausgerechnet gegen New Yorks Laufspiel (allen voran Wayne Gallman mit seinen 16 Läufen für 135 Yards, davon einmal über 60 Yards) schlapp machte und so Giants-Backup-Spielmacher Colt McCoy überhaupt nicht in riskante Schnellschüsse zwang, tat das Übrige an diesem gebrauchten Tag. Saquon Barkley und Daniel Jones vermisste jedenfalls niemand.

Der Spielverlauf:

  • 1. Quarter: Ein von Tyler Lockett geprägter Opening Drive endet an der 13 der Giants, von wo aus der Snap zu Jason Myers‘ Field Goal erfolgt. 3:0 Seahawks. Nach Three & Outs von beiden Teams arbeiten sich die Gäste dank Ex-Seahawk Golden Tate bis kurz vor die Endzone vor. Doch dann wehrt Ryan Neal einen Pass so ab, dass ihn Quandre Diggs aus der Luft pflücken kann und bis an die eigene 36 trägt.
  • 2. Quarter: Seattles Drive endet an der gegnerischen 37 bei 4th & 6. Dann folgt der Klassiker: Strafe für Delay of Game, fünf Yards zurück, Punt. Kein Witz. Das Field Goal aus ein bisschen mehr als 50 Yards wäre die eine sinnvolle Alternative gewesen (je nach Wind), die Fourth-Down Conversion die andere. Für die Giants ist jedoch nach sechs Spielzügen und einem Sack Jamal Adams wieder Feierabend – zähes Spiel bislang. Daran ändert auch der nächste Seahawks-Drive nichts. Kurz nachdem Wilson endlich erstmals DK Metcalf findet, verliert der Spielmacher beim Snap den Ball an New York. Und dann? Was wohl: Three & Out Giants, Punt der Seahawks nach neun Plays, Three & Out der Gia… oh, ein geblockter Punt von Ryan Neal, den Seattle aber leider nicht sichert in der Endzone. Resultat: Safety zum 5:0. Die Seahawks bekommen dann mit rund 20 Sekunden noch einmal den Ball. Aber einen False Start und ein Intentional Grounding später ist Pause. Besser so.
  • 3. Quarter: Unverändertes Bild in der zweiten Halbzeit. Nach fünf beziehungsweise vier Spielzügen enden die ersten Drives beider Teams. Dann zündet das Laufspiel der Giants gegen eine auf dem falschen Fuß erwischte Seahawks-Defensive. Weil die Two-Point Conversion ebenfalls gelingt, steht’s plötzlich 5:8. Im darauffolgenden Drive sind die Seahawks bei 4th & 1 an der Feldmitte erstmals mutig und gehen dafür. Der Mut wird jedoch beim Play-Action-Spielzug nicht belohnt. Die Giants laufen danach ohne Probleme übers Feld und beenden einen kurzen Drive mit einem Pass über sechs Yards auf Alfred Morris zum 5:14 (PAT misslingt).
  • 4. Quarter: Während die Offensive der Seahawks weiter nix auf die Reihe bekommt, fängt sich die Defensive immerhin wieder und schickt die Giants-Offense direkt wieder vom Feld. Aber auch diesmal erlischt der Funken Hoffnung direkt wieder, weil Chris Carson einen Pass von Wilson in die Hände des Gegners abfälscht. Immerhin agieren die Giants bei Fourth Down ähnlich hasenfüßig und kicken bei 4th & 1 an der Seahawks-30 das Field Goal zum 5:17. Dann aber findet Seattle endlich die Endzone per Pass von Wilson auf Carson. Die Defensive liefert den Stop und füttert die Offensive noch einmal mit einer Chance auf den Sieg. 80 Yards zu gehen, vier Downs, 1:48, zwei Timeouts – nun liegt’s an Wilson und der Angriffsabteilung. Doch die zeigt das, was sie den ganzen Abend schon zeigte: Incompletion, Incompletion, Sack, 4th & Ballgame – Incompletion, Ballgame.

Die Hauptdarsteller:

Error. Die Seattle Seahawks versagten an diesem Tag zumindest in der Offensive kollektiv. Da entwickelt sich ein Trend. In den ersten acht Spielen der Saison erzielte das Team vier oder mehr Touchdowns, in den vergangenen vier nur noch insgesamt sieben.

Auf der anderen Seite: Credit an die New York Giants, die mannschaftlich geschlossen, ohne ihren Stamm-Quarterback Daniel Jones und mit starker Defensive ein grauenhaftes Spiel der Seattle Seahawks zu ihrem Vorteil nutzten und in den entscheidenden Momenten zur Stelle waren.

Die Nebendarsteller:

Ehrenvolle Erwähnung: LB Jordyn Brooks fürs Covern. Denn das war die Fähigkeit, die ihm etliche Experten nach dem Draft absprachen, weil sie nur sein Tape aus der College-Saison 2019 gesehen hatten. Die Linebacker-Kollegen Bobby Wagner und K.J. Wright ziehen sich hier ihren Nachfolger heran. SS Jamal Adams fürs Lücken füllen und Löcher stopfen in der Defensive, wenn die sich von Richtungswechseln im Laufspiel der Giants täuschen ließ. Oder wenn Kollegen den Sack-Sack nicht zumachten. S Ryan Neal für einen abgewehrten Pass, der zur Interception von FS Quandre Diggs führte, und einen geblockten Punt, der zum Safety führte.

Stets bemüht: QB Russell Wilson verfehlte mehrfach DK Metcalf, spielte Tyler Lockett zweimal zu hoch an, verlor einen bereits gesicherten Fumble wieder, agierte generell viel zu hektisch und kassierte mehrere bitterböse Sacks, als er den tiefen Pass erzwingen wollte. Es war gut zu erkennen, dass er seiner O-Line kein sonderlich großes Vertrauen schenkte und völlig von der Rolle war. Zum wiederholten Mal in dieser Saison. WR DK Metcalf ist inzwischen die wichtigste Anspielstation Wilsons – und macht daraus oft viel. Aber die Drops häuften sich zuletzt gegen die Philadelphia Eagles und nun die Giants wieder.

Meh: Die Offensive Line wackelte ohne Right Tackle Brandon Shell gewaltig. Auch Backup Jamarco Jones konnte wie in der Vorwoche Cedric Ogbuehi den Starter nicht adäquat ersetzen. Und Chad Wheeler schon garnicht. Das Coaching schrie nach Windeln, so voll wie die Seahawks-Trainer die Hosen hatten. Was bewegte sie zum Punten an der gegnerischen 37, obwohl der eigene Kicker locker 60 Yards im Fuß hat? Warum läuft man ständig auf die Seite der Line, die eh schon schwer zu kämpfen hat? Wieso gibt’s keinen Plan B, wenn der Tiefpass aus mehreren Gründen eliminiert ist? DT Jarran Reed und die anderen D-Liner, die in dieser Partie nur am Ende als schlechte Verlierer auffielen.

Die Highlights:

Wurf mit Feuer, Fang mit Feuer, Hit mit Feuer. Dass Tyler Lockett den Ball erreichte und dann auch noch festhielt, kann das menschliche Gehirn nur langsam verarbeiten.

Seahawks-Legende Marshawn Lynch würde das „just a little Baby Stiff Arm“ nennen. Hier dürfte der ganz gut als umgekehrte Symbolik funktionieren. Metcalf stellt die Giants dar, Bradberry die Seahawks… uff:

Die Randnotizen:

  • HC Pete Carroll gewann eine Challenge (Mitte des zweiten Quarters, als Giants-Receiver Sterling Shepard beim Fangen bereits im Aus stand)! Wir haben das achte Weltwunder gefunden.
  • Das letzte Mal, dass ein NFL-Spiel zur Halbzeitpause 5:0 stand, war in Week 2 der Saison 2013. Beim Spiel zwischen den San Francisco 49ers und den – wie könnte es anders sein – Seattle Seahawks. Damals siegten die Hawks am Ende mit 29:3.
  • Das war Seattles 58. Spiel in Serie mit einem Touchdown – die Einstellung des Franchise-Rekords. War eine schwere Geburt.
  • QB Russell Wilson kam bei seinen fünf Sacks auf fast zehn Yards Raumverlust pro Sack, weil er im Fluchtreflex den Rückwärtsgang einlegte.
  • Vier von 13 Third Downs und keins von zwei Fourth Downs sprechen eine eindeutige Sprache. Die Seahawks erzielen bei den frühen Downs mittlerweile keine enormen Raumgewinne mehr und verfallen dann in panischen Aktionismus, der zu Fehlern führt.
  • Bilanz der Seahawks, wenn sie einen oder keinen Ballverlust haben: 8-0. Bilanz der Seahawks, wenn sie zwei oder mehr Turnover haben: 0-4. Und kommt uns jetzt nicht mit der 50-Spielzug Faustregel nach Vince Lombardi, die Pete Carroll so gerne zitiert.

Die Verletzten:

Weder der Starter auf Right Tackle, Brandon Shell, noch sein Backup Cedrick Ogbuehi wurden rechtzeitig fit. Deshalb begann O-Liner Jamarco Jones auf der rechten Seite der Angriffslinie.

Im zweiten Drive der Seahawks ging Wide Receiver Tyler Lockett unglücklich zu Boden und wurde von einem Knie hinten am Helm getroffen. Er durchlief das Concussion Protocol jedoch ohne Probleme und kehrte bereits im nächsten Drive zurück. Am Ende des dritten Quarters verließ Safety Ryan Neal das Feld humpelnd. Er wurde in die Kabine gefahren. Im vierten Viertel kam Chad Wheeler als Right Tackle für den an der Leiste verletzten Jamarco Jones rein.

Das Zitat:

„Gegen ein Team aus New York zu verlieren, tut definitiv ein bisschen mehr weh.“ -Strong Safety Jamal Adams nach der Niederlage gegen die Giants (bevor es kommenden Sonntag gegen sein Ex-Team, die Jets, geht)

Der Tweet:

Head Coach Pete Carroll hat einen Wandel vollzogen in der Offseason – in Bezug auf ein paar Dinge (wie die Quote der Pässe bei den frühen Downs in neutralen Situationen). Doch in anderen Bereichen klammert er sich nach wie vor an Ansichten aus dem Football-Mittelalter wie ein Faultier an seinen Ast. Klar, Punts von Michael Dickson sind schön anzusehen. Aber dass Touchdowns (oder Field Goals) schöner sind, steht hier doch nicht ernsthaft zur Debatte, oder? Oder?

Das Fazit:

Bis zu diesem Spieltag hatten Teams aus der NFC East in dieser Saison keinen einzigen Sieg gegen eine Mannschaft mit positiven Record erzielt. Dann empfingen die Seattle Seahawks die New York Giants. Der desaströse Auftritt der Herren von Cheftrainer Pete Carroll stellt klar, dass die Seahawks aktuell weit entfernt davon sind, ein Championship-Team zu sein. Denn als solches hätten sie noch einen Weg gefunden, die Partie in den letzten Minuten zu drehen. Als solches hätten sie eine Alternative zum Tiefpass parat gehabt. Oder anders formuliert: Womöglich hätte ein Russell Wilson in Normalform gereicht, um die restliche Offensive mitzuziehen.

Es war wie in der Vorwoche. Weder die Philadelphia Eagles noch die New York Giants hatten eine Chance, gegen die Seahawks zu gewinnen, solange die es nicht zulassen würden. Doch Seattle tat in Week 13 genau das. Mit desolatem, planfreien, lustlosem Auftreten in der Offensive. Mit nicht über die volle Spielzeit hinweg beständiger Defensive. Strong Safety Jamal Adams mag seine Kollegen in der Verteidigung nach Spielende kritisieren und Besserung geloben, doch diese Niederlage hat die Angriffsabteilung zu verantworten.

Eine Trotzreaktion muss nun die Folge sein. Die bringt zwar Platz 1 in der Conference nicht mehr nach Seattle. Doch sie gibt vielleicht ein wenig Hoffnung, dass die Seahawks in den Playoffs doch etwas zu suchen haben. Zumindest für eine Runde. Es könnte gut sein, dass dann für die Seahawks als fünftplatziertes Team der NFC dann erneut die Giants auf dem Programm stehen.

Ausblick: In Week 14 empfangen die Seahawks das zweite Team aus New York, die Jets, ebenfalls um 22.05 Uhr im Lumen Field.

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