Recap: Regular Season 2020 (Week 1) – Seahawks @ Falcons

Recap Week 1, 2020 Atlanta Falcons

Start geglückt! Die Seattle Seahawks haben beim Saisonauftakt bei den Atlanta Falcons im Mercedes-Benz Stadium viel Gutes in Offense und Defense gezeigt. Sie ließen ihren Quarterback Russell Wilson kochen – und der zauberte ihnen mit Leichtigkeit und Spielfreude ein Vier-Gänge-Menü auf den Teller. So kam es diesmal nicht zum traditionell wackligen, schludrigen Auftritt in Week 1, den die Seahawks in den vergangenen Jahren oft darboten.

Fast ließ sich dabei die Handschrift von Cheftrainer Pete Carroll nicht mehr erkennen. Sein Offensive Coordinator Brian Schottenheimer durfte die volle Palette auffahren. Die Seahawks passten in den frühen Downs, setzten ihre Runningbacks als Receiver ein, änderten das Tempo, mischten Play Action und viel Bewegung vor dem Snap unter. Sie schufen so Räume, die Spielmacher Wilson mit scharfen Pässen durchquerte. Bei seinen 35 Würfen musste er nie in ein enges Fenster werfen.

Es lief noch nicht alles rund am Sonntagabend. Aber auf die Ansätze, die alle Mannschaftsteile zeigten, lässt sich in den kommenden Wochen aufbauen. Der vielversprechende Kader deutete in Week 1, dass er die Erwartungen erfüllen kann. Er zeigte aber auch, dass Absprachen noch nicht stimmen, Spieler mit dem System noch Probleme haben und Seattle immer wieder in alte Muster zurückfällt.

Der Spielverlauf:

  • 1. Quarter: Die ersten Punkte gehen aufs Konto der Falcons – 0:3 durch ein 49-Yard-Field-Goal von Younghoe Koo. Den ersten Touchdown erzielt Runningback Chris Carson, der beim Kurzpass nach rechts von Russell Wilson weit offen steht und unbedrängt in die Endzone spaziert. Das 7:3 kommt auch dank einer großzügigen Pass-Interference-Entscheidung zu Gunsten von Tyler Lockett zustande. Der anschließende Stop der Seahawks-Defense nach Fourth Down gelingt nach einem Tackle for Loss von Bobby Wagner und einem geblockten Pass von Benson Mayowa. Dann folgt Spaziergang Nummer zwei von Chris Carson in die Endzone. Via Screen Pass erhöht er auf 14:3.
  • 2. Quarter: Todd Gurley findet zu Beginn des zweiten Viertels für die Falcons die Endzone. Darauf verschießt Koo den wegen einer Strafe wiederholten Extrapunkt – 14:9. Bis zur Halbzeit folgen mehrere punktlose Drives von zwei Teams, die beide nun ein wenig fahrig wirken. Russell Wilson wird zum dritten Mal gesackt, Jamal Adams bringt erstmals Matt Ryan zu Boden. Außerdem: Die Seahawks spielen ihren vierten Versuch bei 4th & 2 an der eigenen 45 nicht aus. Hm. Abspeichern für später. Danach wird’s wild. Als die Seahawks den Ball und 2:26 auf der Uhr haben, machen sie nix draus. Die Falcons bekommen mit knapp zwei Minuten auf der Uhr das Ei zurück und verwandeln nach einem unsauberen, von Strafen durchzogenen Drive ein Field Goal zum 14:12-Halbzeitstand.
  • 3. Quarter: Die Seahawks geraten in ein 4th & 5 und… spielen den Versuch nun aus. Das Resultat: ein 38-Yard-Touchdown-Pass von Wilson auf DK Metcalf, der zuvor nur durch zwei Drops aufgefallen war. Spielstand nach dem Extrapunkt – 21:12. Danach forciert die Defensive den Falcons-Punt, der aber zu einem Fake wird. Marquise Blair passt auf und forciert den Fumble, den Rookie Freddie Swain einsammelt. Im fünften Spielzug des darauffolgenden Drives fängt Greg Olsen als 41. NFL-Spieler überhaupt einen Touchdown-Pass von Russell Wilson – 28:12.
  • 4. Quarter: Die Seahawks schalten in den Verwaltungsmodus – und punkten zunächst weiter. Drei Strafen der Angriffslinie (Lewis, Olsen, Lewis) setzen Seattle aber zu sehr zu, um den Drive fortzusetzen. Am Ende verwandelt Jason Myers das Field Goal zum 31:12. Weil sich Jamal Adams und Shaquill Griffin anschließend aber über den Haufen rennen, kommen die Falcons durch einen 18-Yard-Touchdown auf Calvin Ridley nochmals ran (31:18). Die anschließende Two-Point Conversion misslingt. Einen Seahawks-Punt und einen weiteren Turnover on Downs von Atlanta später findet Carlos Hyde für Seattles ersten erlaufenen Touchdown die Endzone – 38:18. Viele Luft-Yards und der zweite Ryan-Touchdown auf Ridley in der Garbage Time ändern am Ausgang nichts mehr. Der erfolgreiche Onside Kick der Falcons dank einer Interception von Quandre Diggs auch nicht. Endstand – 38:25.

Die Hauptdarsteller:

SS Jamal Adams: Der Neuzugang war überall. ÜBERALL. Pete Carroll sagte nach dem Spiel im Spaß und gewiss im positivsten aller Sinne, Adams sei einfach nicht unter Kontrolle zu bringen. Zwölf Tackles, zwei Tackles für Raumverlust, ein Sack und zwei Quarterback-Hits beschreiben nur einen Bruchteil dessen, was Adams auf dem Feld veranstaltete. Er war die Ein-Mann-Highlight-Show der Secondary – eine Solo-LOB quasi. Dazu pushte er sich selbst und seine Mitspieler und hatte einfach mega Bock, Football zu spielen. Das erkannte man sogar am TV-Bildschirm im 7.000 Kilometer entfernten Deutschland.

QB Russell Wilson: 31/35, 322 Yards, vier Touchdowns. Was soll man mehr sagen? Der Spielmacher der Seahawks musste keine Zauberei einsetzen, weil er von Beginn an seinen Stärken entsprechend eingesetzt wurde. Und weil Wilson keinem Rückstand hinterherlaufen musste. Er durfte kochen, heißt das im Jargon unserer Zeit. Und es schmeckte vorzüglich. Wilson verteilte die Bälle auf neun Receiver, bewegte sich im richtigen Moment aus der Pocket und agierte fehlerfrei. Ein früher MVP-Favorit, will man sagen. Und: Der fünfte Quarterback der NFL-Geschichte, der über 4.000 Yards erlaufen hat.

LB Bobby Wagner: Alle Augen waren auf Jamal Adams gerichtet, doch in seinem Schatten lieferte der All-Pro-Linebacker eine lupenreine Spitzenleistung ab. Wagner versaute Todd Gurley den Tag, wehrte Pässe ab, dirigierte seine Front Seven und tackelte für Raumverlust.

Die Nebendarsteller:

Ehrenvolle Erwähnung: C Ethan Pocic und der Rest der O-Line für ein nach drei frühen Sacks ungewöhnlich ordentliches Saisondebüt. WR Tyler Lockett für die immer fortwährende Konstanz in der Wilson-Connection. DE Benson Mayowa für den ersten D-Line-Sack der Saison und insgesamt zwei zerstörte vierte Versuche der Falcons.

Stets bemüht: S Lano Hill kam als vierter Defensive Back in der Dime-Formation zum Zug, kämpfte mit Blessuren und zeigte Licht und Schatten. DE L.J. Collier übertraf mit zwei Pressures früh im Spiel seine Gesamtleistung aus dem Vorjahr. Er arbeitet an seiner zweiten Chance. WR DK Metcalf blieb nach zwei Drops hartnäckig und meldete sich mit einem Touchdown zurück.

Meh: CB Shaquill Griffin erwischte einen schwachen Tag. Er kassierte mehrere lange Completions gegen sich, dazu eine Pass-Interference-Strafe und obendrauf noch die Demütigung durch Julio Jones und seine sensationell starken Hände. Der Pass Rush in seiner herkömmlichen Form war komplett wirkungslos. Ohne zusätzlichen Druck über den Blitz kam bei Falcons-Quarterback Matt Ryan einfach nichts an, er hatte Ewigkeiten zur Wurfvorbereitung. Das hatten viele Experten so befürchtet. Nach einem Spiel sollte man dies vielleicht noch nicht überbewerten, aber zumindest mit Sorge zur Kenntnis nehmen. Die Passverteidigung wirkte zu weich. Wie schon 2019 konnte sie Räume nicht ausreichend besetzen, die durch die nötigen Blitze frei wurden.

Die Highlights:

Was ist besser als Touchdowns von Wide Receiver DK Metcalf? Fourth-Down-Touchdowns von DK Metcalf, nachdem die Falcons einen Stop bei Third Down ausgiebig feiern.

Nicht nur in der Secondary immer präsent: Strong Safety Jamal Adams machte für die Seahawks in seinem Debüt das, was er zuletzt auch bei den New York Jets regelmäßig schaffte: den Quarterback sacken.

Runningback Chris Carson war an diesem Spieltag als Receiver erfolgreicher denn als Läufer. Seine sechs Fänge für 45 Yards und zwei Touchdowns waren sogar die zweitmeisten Ziele im Team hinter Tyler Lockett und brachten den drittgrößten Raumgewinn hinter Lockett und DK Metcalf.

Die Randnotizen:

  • CB Quinton Dunbar hatte in seinem Seahawks-Debüt noch Schwierigkeiten, vor allem gegen den hervorragenden Julio Jones. Fast schaffte er im vierten Quarter noch die erste Seahawks-Interception der Saison (später gelang dies dann Safety Quandre Diggs). Immerhin feierte er sich selbst ausgiebig nach Atlantas viertem misslungenen vierten Versuch. Obwohl er viel zu weit weg war von dem Gegenspieler, der den Ball nicht fing. Klassischer Cornerback-Move.
  • LB Jordyn Brooks war im dritten Drive der Defense erstmals für K.J. Wright auf dem Spielfeld – für ganze zwei Spielzüge. Ein Erstrundenpick mit direktem Impact ist das offensichtlich nicht. Aber wir haben ja auch erst Woche 1.
  • WR Tyler Lockett ist endlich nur noch Receiver. Travis Homer übernahm derweil seine Aufgabe als Returner bei den Kickoffs, David Moore bei den Punts. Lange gefordert, endlich erhört. Irgendwie ein bisschen wie diese #LetRussCook-Sache.
  • Keine Ballverluste von den Seahawks (vergisst man mal den ärgerlichen Onside Kick am Ende der Partie). Vier Turnover on Downs von den Falcons, eins davon beim misslungenen Fake. Bei den Third Downs war Atlanta zuverlässiger (7/14). Seattle kam dafür seltener in die Situation, einen dritten Versuch verwandeln zu müssen (3/9) – ein Resultat von wohlüberlegten Pässen bei den frühen Downs.
  • RG Damien Lewis war für die Hälfte aller Seahawks-Strafen verantwortlich. Er sammelte in seinem Debüt zwei Holdings und einen False Start, wirkte ansonsten aber für einen Rookie souverän. Seattle insgesamt: sechs Strafen für 46 Yards.
  • TE Will Dissly war in seinem Comeback-Spiel noch kein Faktor, er hatte nur zwei Catches für acht Yards. Der Blick auf die Snap-Zahlen wird uns wohl bald verraten, dass die Trainer ihn langsam heranführen wollen. Viel wichtiger als Stats deshalb: Schön, dass Dissly zurück ist!
  • Langsam wird’s unheimlich. Die Seahawks gewannen ein weiteres Spiel im frühen Zeitfenster, also nach ihrer Zeit an der Pazifikküste um 10 Uhr morgens. Das neunte in Serie. Morgenmuffel sehen anders aus.
  • Unter Pete Carroll haben die Seahawks sechs von elf Auftaktspielen gewonnen. Seit dem 36:16 im Jahr 2014 war das wohl der deutlichste Seattle-Sieg zum Saisonstart.

Die Verletzten:

Defensive End Rasheem Green verließ das Spielfeld im ersten Quarter mit einer Schulterverletzung, kehrte jedoch schnell wieder zurück. Safety Lano Hill blieb nach einer zugelassenen Completion gegen Falcons-Receiver Julio Jones zunächst am Boden, schaffte es jedoch aus eigener Kraft vom Feld. Er ging dann zunächst in die Kabine, kehrte aber zurück. Später plagten ihn offensichtlich Krämpfe. Details von Pete Carroll folgen in der Regel am Montag.

Das Zitat:

“Mir war nicht langweilig. Ich habe geblitzt. Ich hatte Spaß.” -Strong Safety Jamal Adams mit Grüßen an seinen ehemaligen Defensive Coordinator bei den New York Jets, Gregg Williams

Der Tweet:

Das macht dann insgesamt wie viel Euro für die Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke? Wir werden es in den kommenden Tagen ausrechnen. Was wir jetzt schon sagen können: Wir freuen uns auf weitere unterhaltsame Spieltage und wechselnde gute Zwecke mit der Gameday-Spende.

Das Fazit:

Ungewohntes Bild: Die Seattle Seahawks kamen in Halbzeit eins und Halbzeit zwei jeweils mit viel Tempo aus der Kabine, ließen dann aber beide Male mit Andauern der Hälfte nach. Das ist zunächst einmal ein positives Zeichen, denn irgendwo scheinen Verantwortliche begriffen zu haben, dass man ein Spiel tatsächlich auch schon im ersten oder dritten Quarter gewinnen kann – oder zumindest die Grundlagen legen kann. Das taten die Seahawks am Sonntag. Und das half ihnen, Schwächephasen im zweiten und vierten Quarter unbeschadet zu überstehen.

Die Atlanta Falcons waren ein dankbarer Gegner zum Saisonbeginn. Sie wurden – wie sonst oft die Seahawks – durch den Rückstand ins Passspiel gezwungen. Matt Ryan schaffte zwar 450 Yards Raumgewinn durch die Luft und versorgte gleich drei Receiver mit über 100 Yards, doch in den entscheidenden Momenten war Seattles Defense zur Stelle, um vierte Versuche zu vereiteln. “Bend, don’t break” heißt das im Football-Sprech so schön. Biegen, aber nicht brechen. Die Seahawks-Verteidigung, besonders in Person ihrer zwei Cornerbacks auf den Außenbahnen, ließ sich kurz gesagt fürchterlich oft biegen. Aber sie zerfiel nicht, wie in der vergangenen Saison das ein oder andere Mal. Der Rest lässt sich zurecht… biegen.

Der Auftakt ist gelungen. Die Stärken sind bekannt, die Baustellen identifiziert. Es werden bessere Gegner kommen. Doch die Tatsache, dass Seattle schon beim Saisonauftakt in allen Mannschaftsteilen klickte und zu große Fehler vermied, ist verheißungsvoll. Überreaktion ist nach Week 1 ein häufiges Phänomen, besonders in negative Richtung. Dies hier soll eine Erinnerung sein, dass auch positive Aspekte nicht überbewertet werden dürfen. In diesem Sinne: Für einen Michelin-Stern reicht ein einziges gelungenes Menü noch nicht.

Ausblick: In Week 2 empfangen die Seahawks zu Sunday Night Football die New England Patriots und deren frisch wirkenden Quarterback Cam Newton im CenturyLink Field in Seattle.

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