Recap: Regular Season 2018 (Week 2) – Seahawks @ Bears

Zweites Spiel, zweite Niederlage. Die Seattle Seahawks unterliegen im Soldier Field den Chicago Bears mit 17:24 und kehren mit einem Record von 0-2 in den Pacific Northwest zurück. Während die Defensive trotz personeller Engpässe über weite Strecken ein ordentliches Spiel machte, zeigte die Offense – inklusive Quarterback Russell Wilson – eines der schwächsten Spiel unter Head Coach Pete Carroll. Niemand hatte erwartet, dass die Saison einfach werden würde. Aktuell aber funktionieren nicht einmal mehr die Basics. Von der in der Offseason viel bemühten Erzählung über die Rückkehr zu alten Tugenden wie intensivem Laufspiel war bislang überhaupt nichts zu sehen.

Positiv:

CB Shaquill Griffin: Man möchte so gerne die Vergleiche mit Richard Sherman ziehen. Nicht nur wegen der Haarpracht, sondern auch wegen der Spielweise. Seinen Interception-Wert von vergangener Saison hat er mit den zwei Picks in der vergangenen Nacht schon geknackt. Weitere werden gewiss kommen, denn Griffin spielt so, wie ein Star-Verteidiger spielen muss. Er lässt gegen seinen Receiver kaum etwas zu, verhindert große Raumgewinne gänzlich und reagiert auf das, was nahe der Line of Scrimmage passiert.

Defense: An der Verteidigung lag’s definitiv nicht, dass Seattle Monday Night Football verloren hat. Ohne Bobby Wagner und ohne K.J. Wright stellte sich die Einheit deutlich besser an, als es zu erwarten war. 17 Punkte zu kassieren, auswärts, gegen Chicago, ohne die Führungsspieler, das ist in Ordnung. Die Neuen fügten sich da gut ein: Linebacker Mychal Kendricks schaffte einen Sack (Frank Clark den zweiten), Linebacker Austin Calitro war präsenter und fehlerfreier als Shaquill Griffin in der Vorwoche und Cornerback Akeem King wirkte abgesehen von zwei Plays (Touchdown und Holding-Strafe) recht sicher. Die D-Line hielt den Laufangriff der Bears bei nur 86 Yards, wovon Jordan Howard mit 14 Carries nur 35 einsammelte.

TE Will Dissly: We’re still dissly after Week 1. Zweites Spiel, zweiter Touchdown, wenn auch erst spät im Spiel, als alles entschieden schien. Der Junge von den Washington Huskies macht Spaß.

WR Tyler Lockett: Was ein Touchdown. Trotz enger Verteidigung von Bears-Cornerback Kyle Fuller schaffte Lockett in der rechten Ecke der Endzone den Fang (wie bei Dissly der zweite Touchdown der Saison). Das sind Szenen, die nach der Vertragsverlängerung von ihm gefordert waren. Fünf Fänge für 60 Yards sind noch ausbaufähig, aber Locketts Rolle in der Offensive als gefährlicher Receiver bei tiefen Bällen ist klar definiert.

Neutral:

K Sebastian Janikowski: Der alte Mann kann’s noch. Wer daran gezweifelt hatte, der stellte ein für einen Kicker wahnsinnig breites Kreuz (ja, unwichtig) und 18 Jahre in der NFL in Frage. Janikowski jagte einen Ball über 56 Yards so durch die Stangen, dass das Field Goal auch aus über 60 Yards gültig gewesen wäre. Nach zwei verfehlten PATs und zwei vergurkten Field Goals zuletzt war das die richtige Reaktion.

P Michael Dickson: Ein Dropkick-Kickoff. Sowas schonmal gesehen? Ha!

Negativ:

QB Russell Wilson: 22/36, 226 Yards, zwei Touchdowns und zwei Turnovers (Interception und Fumble). Natürlich stehen da auch wieder sechs Sacks in der Statistik, aber die wieder alleine auf die O-Line abzuwälzen, wäre falsch. Wilson zögerte, lief Gegenspielern in die Arme, warf den Ball in aussichtslosen Situationen nicht ins Aus. Das wirkte verbissen und zerstörte Drives. Sein zweiter Pick Six überhaupt in einem Spiel der Regular Season war der Tiefpunkt des Abends.
Wilson konnte sich in seiner Karriere meist auf eine Elite-Defense verlassen, so wird das oft formuliert. In der Nacht von Montag auf Dienstag stand da keine Elite-Verteidigung auf dem Feld für die Seahawks, doch die Defense gab der Offense dennoch eine Möglichkeit, das Spiel irgendwie zu gewinnen. Von Wilson und der Offense kam dann jedoch nichts, was das Narrativ von Elite-Defense und Mitläufer-Offense umschreiben könnte.

O-Line: Die Angriffslinie half bei 19 Läufen für 57 Yards. Die Zahlen lassen 2017 vermuten, doch leider sind wir im Jahr 2018. Klammern wir uns jetzt wirklich alle daran, dass das mit der Rückkehr (oder eher dem Debüt) von D.J. Fluker besser wird? Über die Sacks und Germain Ifedi muss kein Wort verloren werden. Von Khalil Mack und Chicagos D-Line dominiert – das war erwartbar. Wie schön es wäre, hier mal über das Unerwartete schreiben zu dürfen.

OC Brian Schottenheimer: Der neue Offensive Coordinator und sein Quarterback sind noch nicht auf der selben Wellenlänge angekommen. Ein Beispiel aus der Partie: Wilson bekommt Mitte des vierten Quarters die Spielzug-Anweisung, verändert aber das Play. Daraus resultiert ein neues First Down. Nächster Spielzug: Wieder verändert Wilson, was Schottenheimer ihm angesagt hat. Diesmal nimmt Seattle eine Auszeit. Wilson ist daraufhin verärgert. Eindeutig gibt es hier noch Missverständnisse in der Absprache und Interpretation der Offensive – und deshalb werden Auszeiten verbraten, die am Ende des Spiels fürs mögliche Comeback fehlen. Ärgerlich ist, dass die Unstimmigkeiten nicht in der Preseason und im Training Camp ausgeräumt wurden.
Schottenheimer war immer ein umstrittener Kandidat in Seattle. Pete Carroll begründete seine Verpflichtung auch damit, dass dieser Russell Wilson fordern und fördern könne. Bislang ist davon auf dem Spielfeld nichts zu sehen. Im Gegenteil: Die Unsicherheit des Quarterbacks und die unklare Linie des Offensive Coordinators sind mit dafür verantwortlich, dass Seattle nach zwei Spielen noch sieglos ist.
Man könnte natürlich jetzt auch schon wieder in den Bevell-Reflex verfallen und die Auswahl der Spielzüge kritisieren. Zu wenig Lauf, zu wenig Tempo, zu vorhersehbar. Meh. Viel beunruhigender ist, dass Quarterback und Play Caller sich bislang eher gegenseitig behindern als ergänzen.

HC Pete Carroll: Was war das für eine Aussage, als der Cheftrainer nach dem Spiel gefragt wurde, warum Chris Carson keine Snaps mehr gesehen habe in Halbzeit zwei? Carroll meinte bei der Pressekonferenz, der Läufer habe sich in den Special Teams zu sehr verausgabt. Nach sechs Carries und 24 Yards am Boden war deshalb Schluss. Wenn aber die Statistik nicht lügt, waren das genau zwei Snaps mit den Special Teams, die Carson spielte. Am Spielfeldrand sah er anschließend nicht wirklich so aus, als sei er platt. Die Seahawks gaben dann aber Rookie Rashaad Penny das Leder, der mit zehn Läufen 30 Yards einsammelte und sich im Vergleich zur Vorwoche etwas verbessert zeigte. Am Dienstagmorgen ruderte Carroll in einem Radio-Interview zurück, dass Carson nicht ausgepowert gewesen sei. Ja was denn nun? Unklar, genau so unklar wie die angekündigte Fokussierung auf mehr Laufspiel vor der Saison, die bislang de facto nicht zu sehen war.
Es spricht nichts gegen eine Lösung mit zwei Runningbacks, sofern diese gleichwertig und gleich gut in Form sind. Da das aber aktuell nicht der Fall ist, wäre eine klare Regelung sinnvoll, um das Laufspiel endlich in Gang zu bringen.
Carroll weiß, dass seine Tage gezählt sind, wenn mit der Entscheidung für eine altmodische Lösung kein Erfolg nach Seattle zurückkehrt. Bislang bestätigen die Leistungen den Eindruck, dass seine Offseason-Verpflichtungen für den Trainerstab ein Festklammern an alten Zeiten waren. Die Unfähigkeit der Seahawks, sich in schwierigen Spielen anzupassen und auf Kniffe des Gegners zu reagieren, unterstützt die Vermutung, dass Carroll nur den einen, den eigenen Weg sieht und gehen will, um ein Spiel zu gewinnen. Blöd nur, dass dafür aktuell nicht mehr ein Team gespickt mit Elite-Spielern zur Verfügung steht, dass diese taktische Sturheit in die positiver belegte Widerstandsfähigkeit umwandelt.

Fazit:

Machen wir uns einmal bewusst, wo Seattle gerade steht – abseits des Records von 0-2. Wir haben Mitte September (!). Bobby Wagner ist verletzt. K.J. Wright ist verletzt. Doug Baldwin ist verletzt. Zwei Auswärtsspiele zum Saisonstart. Keine Niederlage mit mehr als sieben Punkten Abstand. Noch keinen Touchdown-Lauf kassiert. Fünf Interceptions in zwei Spielen geschafft. Will Dissly ist ein Steal. Michael Dickson sowieso. Shaquill Griffin macht sich als neue Cornerback-Hoffnung hervorragend. Das Safety-Duo aus Earl Thomas und Bradley McDougald ist unangenehm für den Gegner. So schlecht klingt das nicht.

Aber ja, es gibt verdammt viele Fragezeichen. Das Play Calling, das Laufspiel, die O-Line, der Quarterback, die Kommunikation, die D-Line. Aber es sind noch 14 Spiele offen. Seattle schaffte vor drei Jahren mit einem 0-2-Start noch die Playoffs, also weg mit den Statistiken und Wahrscheinlichkeiten, die das Gegenteil erzählen wollen – und weg mit dem ganzen negativen Kram. Denn wer eine leichte Saison erwartet hat, der war von Anfang an falsch gepolt.

Woche 7 ist die Bye Week der Seahawks. Wäre es vermessen, bis dahin einen Record von 3-3 anzupeilen? Mit Siegen gegen Dallas, Arizona und Oakland (in London). Vielleicht. Egal. Wagner, Fluker und Flowers könnten schon kommende Woche beim Heimauftakt gegen die Cowboys zurück sein, Baldwin und Wright möglicherweise bis nach der Bye Week. Weiter geht’s.

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