Recap: NFL Draft 2018

Der NFL Draft 2018 ist beendet. Jetzt beginnt die Zeit, in der Experten die Talentauswahl aller Teams bewerten. Es werden Lobeshymnen kommen und Verrisse, mal korrekt, mal völlig falsch eingeordnet. Hier an dieser Stelle gibt’s daher eine recht wertungsfreie Übersicht zu den neun Picks der Seattle Seahawks.

1. Runde, Pick #27: Rashaad Penny, RB, San Diego State

Fast schon eine Sensation: Die Seattle Seahawks haben im NFL Draft 2018 einen Pick in der ersten Runde gemacht. Runningback Rashaad Penny ist nach Germain Ifedi erst der zweite First Rounder, den das Team aus dem Pacific Northwest seit 2013 ausgewählt hat. Den fast schon traditionellen Trade nach unten gab’s trotzdem.

Kritiker werden den Verantwortlichen der Seahawks folgende Dinge vorwerfen. Warum habt ihr keinen der vielversprechenden O-Liner oder Defensive Backs gedrafted? Warum gerade Rashaad Penny, wenn doch einige Runningbacks noch höher als er gehandelt wurden und an selber Stelle noch verfügbar waren?

General Manager John Schneider und Head Coach Pete Carroll lässt diese Kritik kalt. Sie haben ihren Wunschspieler bekommen, für den sie laut Schneider zur Not auch den 18. Pick schon verwendet hätten. Vielleicht war der 27. Pick für Penny immer noch ein wenig zu früh, doch Seattle wollte nicht riskieren, ihn noch weiter unten in der Reihenfolge zu verlieren. Das Pokern war am Ende erfolgreich, die Seahawks bekommen nicht nur einen zusätzlichen Pick (durch den Trade mit den Green Bay Packers), sondern vor allem auch einen extrem strapazierfähigen Läufer, der als Returner Potenzial hat – und der mit Abstand stärkste Runningback bei Yards nach Kontakt ist.

Penny ist ein schneller Spieler (4,46s über die 40 Yards) und kompakt gebaut (1,80m, 100kg). Im finalen Jahr seiner College-Karriere sammelte er auf dem Boden 2.248 Yards und 23 Touchdowns, über seine gesamte Uni-Karriere hinweg gar sieben (!) Return-Touchdowns nach Kickoffs. Sein größtes Plus: Er kann extrem gut Tackles brechen. Nach Kontakt hinter der Line of Scrimmage machte er durchschnittlich noch 3,32 Yards. Sein zweitgrößtes Plus – und das dürfte für Seattle besonders relevant sein: Er ist nicht verletzungsanfällig. Seine Schwäche: Er trifft nicht immer die richtige Entscheidung, wenn es darum geht, die geeignete Route durch die O-Line hindurch zu finden. Eine detaillierte Auflistung gibt’s bei NFL.com. Der Runningback von der San Diego State University (Mountain West Conference) aus der stärksten College-Subdivision FBS ist nicht der Pick, den man zu diesem frühen Zeitpunkt erwartet hätte. Nach dem als besten Spieler im Draft gehandelten Saquon Barkley (Second Overall, New York Giants) ging Penny als zweiter Läufer vom Board, noch vor Derrius Guice und Sony Michel.

Erst zum dritten Mal überhaupt in der Team-Geschichte haben die Seahawks einen Runningback in der ersten Runde ausgewählt. Die anderen beiden waren Curt Warner im Jahr 1983 (#3) und Shaun Alexander im Jahr 2000 (#19). Nun soll also Penny dabei helfen, das Laufspiel wieder zu beleben. Dass Seattle mit diesem Pick nicht ganz falsch gelegen haben dürfte, zeigt das Szenario, das John Schneider nach der ersten Runde schilderte: Ein anderes Team habe sich nach der Auswahl Pennys gemeldet und versucht, den Spieler abzuwerben.

Hier noch der Trade mit den Packers im Überblick:

  • Seattle bekommt: Picks #27, #76 und #186
  • Green Bay bekommt: Picks #18 und #248

Dadurch konnten die Seahawks vermeiden, nach Pick #18 bis Pick #120 warten zu müssen, ehe sie wieder an der Reihe wären. Seattle darf nun bereits am zweiten Tag wieder picken, in der dritten Runde mit Pick #76.

3. Runde, Pick #79: Rasheem Green, DL, Southern California

Es hat ganz schön lange gedauert, bis die Seahawks an Tag zwei wieder an der Uhr waren und ein weiteres Talent draften durften. Erneut kam es vor der Auswahl zu einem Trade nach unten, diesmal mit den Pittsburgh Steelers. Die gaben für Pick #76 die Picks #79 und #220 her. Als Seattle dann schließlich an der Reihe war, entschieden sich John Schneider und Pete Carroll für einen D-Liner: Rasheem Green.

Der Mann mit den den vier E im Namen kommt von der University of Southern California aus der Pac-12 Conference. Mit 1,93m und 125kg wird er in Zukunft für die Seahawks auf Quarterback-Jagd gehen – und in den kommenden Jahren laut Carroll noch rund 10kg Körpergewicht draufpacken. Zeit für eine lange Karriere in der NFL bringt Green mit, er ist noch keine 21 Jahre alt und feiert am 15. Mai Geburtstag.

Bei den Seahawks wollen sie Green nun vielseitig einsetzen und herausfinden, wo er am effektivsten ist. Denkbar ist dabei alles von Defensive End bis Inside Rusher (in Nickel-Situationen). Dies würde der Rolle entsprechen, die Michael Bennett bis 2017 für Seattle gespielt hat. Eine Rolle, die einst auch für den ersten Pick der Seahawks im NFL Draft 2017, Malik McDowell, vorgesehen war. Green sei jung und habe viel Potenzial, schwärmte Carroll auf der Pressekonferenz zum Abschluss des zweiten Tages.

Der D-Liner aus Gardena, Kalifornien verletzte sich im November 2014, als er noch an der High School spielte, schwer am vorderen Kreuzband. Doch er erholte sich von diesem Rückschlag und war bei USC in den vergangenen zwei Jahren eine Schlüsselfigur in der Verteidigungslinie. 2017 sammelte er dort zehn Sacks und meldete sich anschließend bereits als Junior für den NFL Draft an.

Es gibt Experten, die Green für einen First Rounder halten. Er rutschte wohl ab bis in die dritte Runde, weil beim NFL Scouting Combine Zweifel an der vollständigen Heilung seines Knies aufkamen. Die Seahawks holten den Spieler daraufhin für eigene Tests nach Seattle und befanden ihn für gesund. Ohne die Bedenken bezüglich des Knies wäre Green wohl deutlich höher vom Board gegangen, vermutete Schneider am Abend. Das Team habe ihn beim Besuch aber besser kennengelernt und sich von seiner Fitness überzeugt.

Es bleibt zu hoffen, dass Greens Knie der Belastung in der NFL standhält. Ein weiterer verlorener Pick auf der D-Line-Position wäre für Seattle nach dem Drama um McDowell eine Katastrophe.

Eine Randnotiz zum Ende von Tag zwei: Earl Thomas bleibt 2018 ein Seahawk, die Trade-Gerüchte bewahrheiteten sich nicht. Laut Schneider habe sich das Team immer mal wieder angehört, was Konkurrenten für den Defensive Back bieten wollten, doch eine Transaktion sei nie auch nur in Reichweite gewesen. Ob es für Thomas nun eine Vetragsverlängerung gibt oder er ohne neuen Kontrakt für Seattle aufläuft, bleibt abzuwarten. Dass er aber in der kommenden Saison im Pacific Northwest spielen wird, davon ist fest auszugehen.

Tag drei wird der Tag der Seahawks. Achtmal darf Seattle Stand jetzt ab 18 Uhr deutscher Zeit noch picken. Dann werden voraussichtlich auch die O-Line und die Secondary noch Verstärkung bekommen – und einen Quarterback wollte sich das Team ja auch noch holen.

4. Runde, Pick #120: Will Dissly, TE, Washington

Der Husky darf in Seattle bleiben. Will Dissly gilt als starker Blocker, so wie Ed Dickson, den die Seahawks in der Free Agency verpflichtet haben. Auch auf der Position Tight End kehrt Seattle also zurück zu einer Besetzung, die das Laufspiel unterstützen und wiederbeleben soll. Dissly ist der erste Washington Husky seit TE Jerramy Stevens im Jahr 2002, der von den Seahawks ausgewählt wurde. Insgesamt hat das NFL-Team aus Seattle im Draft schon elf College-Spieler von der University of Washington geholt.

Und dann ist da noch diese Geschichte über Dissly: Er begann seine College-Karriere als D-Liner. Während einer Trainingseinheit vor ein paar Jahren und fing bei einem Drill recht elegant einen Pass. Head Coach Chris Petersen war beeindruckt und verschob den Spieler auf Tight End.

5. Runde, Pick #141: Shaquem Griffin, LB, Central Florida

Wow, es ist tatsächlich passiert. Die Griffin-Brüder sind wieder vereint – diesmal aber nicht bei den UCF Knights, sondern bei den Seahawks. Shaquill, der seit 2017 in Seattle spielt, musste seinen Bruder Shaquem am Samstagabend von der Toilette holen, damit dieser ans Telefon gehen konnte, als Pete Carroll und John Schneider anriefen. Der jüngere Griffin möchte nicht als der Mann mit dem Handicap gesehen werden, der nun wieder mit seinem Bruder im selben Team spielen darf, sondern als Linebacker, der sich seinen Erfolg erarbeitet hat und den Pick auch wert ist. Das wird er ab sofort im Pacific Northwest beweisen dürfen.

In Seattle dürfte der neue Griffin seine Chance über die Special Teams bekommen, in denen er am College starke Leistungen zeigte. Auf Linebacker könnte er K.J. Wrights Backup auf der Weakside-Position werden.

Klar ist schon jetzt: Den Fans im Pacific Northwest und auch hierzulande gefällt der Pick – und an Spitznamen wird es für das Bruderpaar im Trikot der Seahawks auch nicht mangeln: Brothers of Boom oder Legion of Griffins war bereits kurz nach dem Draft in den sozialen Netzwerken zu lesen. Aber was wird dann jetzt auf den Trikots der zwei stehen? Sl. und Sm. Griffin, so wie am College?

5. Runde, Pick #146: Tre Flowers, S, Oklahoma State

Flowers in Seattle wohl Cornerback spielen und nicht Free oder Strong Safety, wie er es am College getan hat. Zumindest listen die Seahawks ihn aktuell als ersteren. Variabilität und Tiefe für die Secondary klingen nach einer guten Investition. Der Senior war Auswahlspieler in der Big 12 Conference und führte sein Team 2017 mit 79 Tackles, zwei Interceptions und acht verhinderten Pässen an. Den Verantwortlichen der Seahawks gefällt offenbar, wie sich Flowers auf dem Feld bewegt, weshalb sie ihm den Positionswechsel zutrauen.

Übrigens: Flowers Onkel Erik war Defensive End und wurde im Jahr 2000 in der ersten Runde von den Buffalo Bills ausgewählt.

5. Runde, Pick #149: Michael Dickson, P, Texas

Auch Punter sind es wert, dass man für sie nach oben traded. Die Seahawks geben die Picks #156 und #226 an die Denver Broncos und holen mit Pick #149, den sie im Gegenzug erhalten, den Punter Michael Dickson. Der MVP des Texas Bowl 2017 kam in Sydney zur Welt. Zehn Jahre lang spielte er dort Aussie Rules Football, eine Sportart, bei der man den Ball auch mit dem Fuß spielt. Fast wäre er Profi geworden. Freunde scherzten damals, er solle doch das Punten lernen, Dickson probierte es aus und bekam schließlich ein Stipendium an der University of Texas angeboten. Dort lieferte er stets solide ab. Von seinen 84 Punts in der Saison 2017 wurden nur 20 Prozent zurückgetragen, 50 Prozent landeten innerhalb der gegnerischen 20 Yards (im Texas Bowl sogar zehn von elf Punts), keiner wurde geblockt.

Zum insgesamt siebten Mal haben die Seahawks im Draft einen Punter ausgewählt, zuletzt 2006 Ryan Plackemeier in der siebten Runde. Am höchsten draftete Seattle im Jahr 1987 Ruben Rodriguez mit Pick #131. Der Dickson-Pick könnte das Ende einer Ära in Seattle einläuten. Der bisherige Punter Jon Ryan ist der dienstälteste Seahawks-Profi. Durch seine Entlassung könnte das Team rund $5 Millionen einsparen.

Ach ja, und wer sich immer noch fragt, welchem Spieler die Seahawks-Scouts beim Combine-Interview zu einem Starr-Wettbewerb (Augen möglichst lange offen halten ohne zu blinzeln) herausforderten – es war Dickson. Muss ziemlich gut gelaufen sein in Indianapolis.

5. Runde, Pick #168: Jamarco Jones, OT, Ohio State

Dass Seattle erst so spät im Draft einen O-Liner auswählt zeigt, dass die Team-Verantwortlichen vom Spielerpersonal überzeugt sind und auf den Effekt des O-Line-Trainerwechsels von Tom Cable zu Mike Solari setzen. Tatsächlich holten die Seahawks dann aber doch noch einen Mann für die Angriffslinie – und zwar einen, der am College als guter Blocker für seinen Quarterback auffiel.

Jones fiel im Draft aufgrund einer schwachen Performance beim NFL Scouting Combine. Ursprünglich war er als Drittrundenpick eingestuft worden, fehlende Größe macht er mit langen Armen wett.. Am College spielte er 27 mal als Starter auf Left Tackle, in Seattle könnte es sein, dass er die Position wechseln muss. Vorerst dürfte er nur als Backup eingeplant sein, Duane Brown ist links in der Line gesetzt. Rechts haben wohl George Fant (2017 verletzt) und noch Germain Ifedi (2017 schwach) die Nasen vorn, aber das kann sich bekanntlich schnell ändern.

6. Runde, Pick #186: Jacob Martin, DE, Temple

Ihren vorletzten Pick verwenden die Seahawks für einen weiteren D-Liner. Martin ist ein Verteidiger, der als Outside Linebacker oder Defensive End auflaufen kann. 2017 führte er sein College-Team mit acht Sacks an. Während der in Runde drei ausgewählte Rasheem Green die Rolle von Michael Bennett einnehmen soll, so ist Martins Spielweise eher mit der des aktuell verletzten Cliff Avril (Status für 2018 wegen Nackenproblemen unklar) vergleichbar.

Fun Fact: Martins Bruder Josh spielt seit 2013 in der NFL, aktuell für die New York Jets. Weiterer Fun Fact: Im Bad Boy Mowers Gasparilla Bowl – den kennt man doch?! – schlug Martin mit der Temple University das Team von Siebtrundenpick Alex McGough mit 28:3.

7. Runde, Pick #220: Alex McGough, QB, Florida International

Der Spielmacher hatte private Workouts bei den Seattle Seahawks, New England Patriots und den Houston Texans, wurde aber nicht zum NFL Scouting Combine eingeladen. Eigentlich seltsam, wo er doch so fotogen ist.

In seiner vierjährigen College-Karriere brachte er 807 von 1335 Pässen für 9.091 Yards und 65 Touchdowns an den Mitspieler, dazu warf er 37 Interceptions. Am Boden sammelte er 535 Yards sowie 16 Touchdowns, er ist ein durchaus mobiler Spielmacher. Bei den Seahawks wird er mit den Veteranen Austin Davis und Stephen Morris und den Platz hinter Russell Wilson kämpfen. Für Seattle ist McGough der erste Draft-Quarterback seit Wilson im Jahr 2012.

Im weiter oben angesprochenen Bad Boy Mowers Gasparilla Bowl brach er sich das Schlüsselbein und konnte sein Team somit nicht vor einer Niederlage bewahren. Die Verletzung ist inzwischen verheilt.

Undrafted Free Agent Signings

Nach dem Draft ist vor der Verpflichtung von Free Agents, die bei der Talentauswahl nicht berücksichtigt wurden. Folgende Spieler haben bislang bei den Seahawks angeheuert:

  • Khalid Hill, FB, Michigan
  • Emmanuel Beal, LB, Oklahoma
  • Tanner Carew, LS, Oregon (einziger LS beim NFL Scouting Combine)
  • Poona Ford, DT, Texas
  • John Franklin III, WR, FAU (bekannt aus der Netflix-Serie Last Chance U)
  • Marcell Frazier, DE, Missouri
  • Jason Hall, S, Texas
  • Albert Havili, Eastern Washington, DL
  • Chris Hawkins, S, USC
  • Brad Lundblade, C, Oklahoma State
  • Marcus Martin, FB, Slippery Rock
  • Jake Ohnesorge, C, South Dakota State
  • Skyler Phillips, OL, Idaho State
  • Jacob Pugh, LB, Florida State
  • Caleb Scott, WR, Vanderbilt
  • Viane Talamaivao, OL, USC
  • Ka’Raun White, WR, WVU
  • Taj Williams, WR, TCU
  • Troy Williams, QB, Utah
  • Eddy Wilson, DT, Purdue
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