Preseason-Vorschau 2017: Quarterback

(Bild: imago)

Wir befinden uns in der Vorbereitung auf die NFL-Saison 2017. Vor wenigen Tagen hat das Training Camp der Seattle Seahawks begonnen und bald haben die Sonntage wieder einen Sinn. Während das erste Spiel der Regular Season immer näher rückt, ist es an der Zeit einen Blick auf den Kader der Seahawks zu werfen. In den kommenden Wochen werden wir nach und nach jede Position unter die Lupe nehmen, um herauszufinden, wie gut der Kader für die neue Saison aufgestellt ist. Wie aber analysiert man eine Position, auf der mangels Konkurrenzkampf auch diesmal die wichtigste Rolle schon vergeben ist? Genau, man beschäftigt sich mit Schlagzeilen, die die Offseason dominiert haben – und mit den Backups. In Teil drei der Serie schreiben wir heute über die Königsposition der Offense – den Quarterback.

Russell Wilson scheint selbst in der Offseason öfter schlaflose Nächte zu haben. Nicht etwa, weil er aus Furcht vor dem Konkurrenzkampf um die Quarterback-Rolle bei den Seattle Seahawks kein Auge zu tut, nein. Wilson ist auch dann, wenn er nicht Football spielen muss, so viel auf den Beinen, dass man das Gefühl hat, ihn ab und zu ans Schlafen erinnern zu müssen. Der 28 Jahre alte Spielmacher konnte sich in der Saisonpause vor Anfragen und Auftritten kaum retten. We Day in Seattle, Kids’ Choice Sports Awards, ESPYs, Sodo Arena-Projekt, Nike-Promo-Tour durch China und so weiter. Das Papa werden und Urlaub machen in Mexiko sei an dieser Stelle ausgeklammert. Viel Engagement, das die eigentlich relevanten Fragen der Offseason zuletzt in den Hintergrund drängte.

Was wäre, wenn die Seattle Seahawks Colin Kaepernick verpflichtet hätten? Und kurierte Russell Wilson in der Offseason die Verletzungen aus, die ihn 2016 in vielen Partien limitiert hatten?

Die erste Frage lässt sich nur hypothetisch beantworten. Die Verhandlungen der Seahawks mit Kaepernick endeten ohne Einigung. Head Coach Pete Carroll bezeichnete den Quarterback als zu gut für die Backup-Rolle. Externe Stimmen sprachen immer wieder von der Befürchtung, Kaepernick könnte mit seiner Protest-Haltung Unruhe in die Kabine bringen. Andere wiederum erzählten, dass der Free Agent zu viel Geld verlangt habe. Am Ende wird die Wahrheit wohl irgendwo in der Mitte liegen, doch Unklarheit hinterlässt vor allem die Frage, warum Pete Carroll seiner klaren Nummer eins nicht ein bisschen Ansporn liefert. So geht Russell Wilson nun zum fünften Mal in Serie in die Vorbereitung, ohne sich namhafter Konkurrenz ausgesetzt zu sehen.

Die Kultur in der NFL mag das so festlegen. Ein Franchise-Quarterback ist nahezu unantastbar, viele Millionen Dollar auf der Bank sitzen zu lassen, wäre Verschwendung und fast nur im Fall einer Verletzung denkbar. Es geht hier aber ja auch nicht darum, den verdienten Starter Russell Wilson abzulösen. Vielmehr hätte ein wenig Widerstand und Reibung das Geschäft beleben können und neue Akzente gesetzt. Die Always Compete-Mentalität sollte auch auf der QB-Position gelten. In Person von Trevone Boykin und Austin Davis findet Wilson keine Gegner, sondern vordefinierte Backups. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass auch Colin Kaepernick Backup geworden wäre, doch zumindest hätte der Zweikampf auf Augenhöhe neue Kräfte freisetzen können. Er blieb am Ende aus – und Seattle ist abhängig von Russell Wilson.

Deshalb ist die zweite Frage auch die viel wichtigere. Hat Wilson die Offseason genutzt, um 100 Prozent fit zu werden? Die Verletzungen an Knie, Brustmuskulatur und Sprunggelenk machten die Spielzeit 2016 zur schwersten in Wilsons Karriere.  Er verlor seine Unverwundbarkeit, nahm an Gewicht zu und verpasste trotzdem bislang keine einzige Partie. Die Frage nach seinem Gesundheits- und Fitnesszustand muss solange unbeantwortet bleiben, bis man den Quarterback spielen sieht. Seinem Trainingspensum nach zu urteilen ist Wilson wieder bei 100 Prozent angekommen. Das liegt aber wohl weniger am viel zitierten Recovery Water als vielmehr am intensiven Training mit einer privaten Crew: Boxen, Schwimmen, Krafttraining, Physiotherapie, Ernährungsplan.

Trotz zahlreicher öffentlicher Auftritte hatte er genug Zeit, um den Fokus erneut auf ein individuell zugeschnittenes Offseason-Programm zu legen. Nach 2015 Schnelligkeit und 2016 Verletzungsvorbeugung – welche Ironie – stand 2017 Gewichtsverlust auf dem Trainingsplan. Erfolgreich, wie Wilson zum Auftakt des Training Camp bestätigte, er ist zurück bei 94 Kilogramm. So wenig wog er zuletzt am College und beim NFL Scouting Combine 2012.

Russell Wilson im August 2017, das ist also eine gesunde, leichtere und schnellere Version des Modells von Ende 2016. Eine Version, die sich hoffentlich wieder mehr auf ihre O-Line und das Laufspiel verlassen kann. Eine Version, die im Notfall selbst wieder öfter die Flucht nach vorne ergreifen kann (2016: 4,5 Läufe und 16,2 Yards pro Spiel, beides Tiefstwerte in Wilsons Karriere). Eine Version, die sich möglichst nicht bereits am ersten Spieltag wieder verletzt.

Sollte es aber doch so kommen, ist der Backup gefragt. 2016 war das Trevone Boykin, der sich im Camp gegen Jake Heaps durchgesetzt hatte. 2017 trifft Boykin an gleicher Stelle auf Austin Davis – und hat ein Gerichtsverfahren im Schlepptau, weil er in der Offseason in einen Autounfall verwickelt war und in Besitz von Drogen erwischt wurde. Die Anhörung Boykins findet am 22. August statt, zwischen dem zweiten und dritten Preseason-Spiel.

Boykin zeigte vergangene Saison in Ansätzen, was er kann. Er kam in fünf Spielen zum Einsatz, brachte 13 von 18 Pässen für 145 Yards an und warf einen Touchdown und eine Interception. Als echte Bewährungsprobe kann keiner seiner Kurzeinsätze bezeichnet werden. Wie der Nachwuchs-Spielmacher im Ernstfall sein Team führt, bleibt ein Geheimnis, das zum aktuellen Zeitpunkt niemand unbedingt lüften möchte.

Austin Davis hat als Starter zehn Spiele auf dem Buckel (3 Siege, 7 Niederlagen), darunter einen 28:26-Sieg über die Seahawks im Oktober 2014. Pete Carroll bezeichnete ihn als intelligenten Quarterback, der schnell neue Systeme lernt. Seine Erfahrung ist ein Vorteil gegenüber Boykin, für den 2016-Backup hingegen spricht die Wilson-ähnliche Spielweise. Gegen Davis spricht der abweichende Spielstil, gegen Boykin die Probleme mit dem Gesetz.

Positiv ist: Ein Duell wird es unter den Quarterbacks geben. Jung gegen Alt, frisch gegen erfahren, Austin gegen Boykin – so kann man den Zweikampf um die Backup-Position betiteln. Kopfzerbrechen muss er nicht bereiten, denn egal, wer am Ende den zweiten Platz im Kader bekommt, so richtig wohl sein wird dem Zuschauer bei keinem der beiden Namen. Dieses Gefühl hätte am ehesten Starter-Kaliber Colin Kaepernick hervorgerufen.

So bleibt am Ende nur die Hoffnung, dass Russell Wilson dann doch noch ein wenig Schlaf gefunden hat in der Offseason. Trotz Babygeschrei, trotz Events, für Knie, Sprunggelenk und Brustmuskulatur, nach den Workouts – und zur Erholung. Denn schließlich will Wilson, so erzählte er kürzlich, 25 Jahre lang NFL-Quarterback sein. Und eins ist jetzt schon sicher: Schlaflose Zeiten werden auch 2017 wieder früh genug kommen.

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