Nachgehawkt: Was macht eigentlich Doug Baldwin?

Mailbags scheinen in Mode gekommen zu sein in diesem Jahr (oder möglicherweise schon viel früher und wir haben das bloß nicht mitbekommen). Deshalb gibt’s auch bei den German Sea Hawkers ab sofort eine Fragerunde. Eure Fragen aus den sozialen Medien werden von uns auf der Website aufgegriffen. In der ersten Ausgabe dreht sich alles um zwei ehemalige Seahawks, einen potenziellen Neuzugang und die neuen Football-Fabelwesen in Seattle.

In der Rubrik “Nachgehawkt” beantworten Autoren der German Sea Hawkers e.V. in unregelmäßigen Abständen Fragen rund um die Seahawks, die besten Aussichtspunkte in Seattle, wilde Gerüchte, gutes Essen aus dem Pacific Northwest und Pete Carrolls Lieblingskaugummi, die auf Twitter oder in anderen Social-Media-Kanälen gestellt wurden.

@mrmek1988 fragt: Was macht Doug Baldwin jetzt eigentlich?

Ich muss gestehen, ich vermisse ihn auch schon. Die Frage ist lustig, weil ich weiß, dass der Fragesteller vor lauter ehrenamtlicher Arbeit für den Fanklub zunächst überhaupt nicht mitbekommen hatte, dass Baldwin seine Karriere beendet hat. Jetzt aber weiß er es – und fragt genau zum richtigen Zeitpunkt, denn am Montagabend befand sich Baldwin in Renton, dort wo auch das Trainingszentrum der Seahawks liegt. Doch der ehemalige Wide Receiver war nicht etwa im VMAC, wie das Hauptquartier des Teams abgekürzt wird, sondern ein paar Kilometer weiter südlich, da wo bald das Family First Community Center stehen wird.

Es ist ein Wunschprojekt Baldwins, das da in Renton seit 2016 entsteht. Das sich im Bau befindende Gebäude soll dem Ort ähneln, den Baldwin als Kind in Pensacola, Florida besuchte und seine zweite Heimat nannte. Im Family First Community Center sollen Menschen mit geringeren Chancen und fehlenden Mitteln versorgt werden, finanzielle und medizinische Unterstützung erhalten und sich erholen können. Das Gebäude entsteht in Kooperation mit der Stadt Renton. Von den 15 Millionen US-Dollar, die benötigt werden, sind bereits 10,5 gesammelt, eine Million kam von Baldwin selbst.

Wer erwartet hatte, dass Doug Baldwin sich auch nach der sportlichen Karriere dem Football widmen würde, hat sich geirrt. Bereits während seiner Zeit in der NFL deutete sich an, dass der Receiver sich für die Gesellschaft engagieren möchte, Reformen vorantreiben will, den Dialog mit Politikern und der Polizei sucht und nicht über seine Leistung auf dem Spielfeld definiert werden möchte.

Zeit für seine ehemaligen Teamkollegen hat er aber weiterhin. Die Receiver kämen immer noch zu ihm nach Hause, die Verbindung sei noch da und er sei zur Stelle, wenn er gebraucht werde, erzählte Baldwin beim Pressegespräch am Montagabend den anwesenden Medienvertretern: “Ich glaube, die meisten Spieler sagen nach ihrem Karriereende, dass sie ihre Mitspieler am meisten vermissen.”

@Donsta911 fragt: Wird die XFL länger überleben als die AAF? Wenn ja, werden die Seattle Dargons vielleicht die erste Anlaufstelle für Spieler werden, die von den Seahawks gecutted wurden und in Seattle bleiben wollen? Wird die XFL Spieler vom College verpflichten können/dürfen?

Sehr schön, da hat jemand die Drachen-Referenz im Twitter-Aufruf aufgegriffen. Für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Seattle hat jetzt ein zweites Profi-Footballteam – die Seattle Dragons. Spielen werden sie ab Februar 2020 in der XFL (im CenturyLink Field), einer von Wrestling-Mogul Vince McMahon wieder zum Leben erweckten und reformierten Acht-Team-Liga.

Ob diese länger überleben wird als die AAF? Die gleichnamige Vorgänger-Liga jedenfalls wurde im Mai 2001 nach nur einer Saison wieder geschlossen, weil unprofitabel und von den Fans nicht wie erhofft angenommen. Die neue XFL aber ist einzig und alleine von McMahon finanziert und nicht von mehreren Geldgebern, von denen im schlimmsten Fall einer oder mehrere die Lust verlieren könnten, wie bei der XFL 2001 (Fernsehsender NBC stieg aus) und bei der AAF 2019 (Tom Dundon zog sich zurück) geschehen. Und McMahon scheint nicht gerade frei von Größenwahn zu sein und vermutlich so viel Geld in die Liga pumpen, wie nötig ist.

Außerdem, und das macht es ebenfalls einfacher, gibt es in der XFL im Gegensatz zur NFL bislang keine Regularien, die Nachwuchsspielern erst nach drei Jahren erlauben, in die Profiliga zu wechseln. Die XFL-Verantwortlichen wollen von Fall zu Fall prüfen, wo die Verpflichtung eines noch recht jungen Spielers vom College schon sinnvoll ist. Vorrangiges Ziel blieben aber laut XFL-Commisionner Oliver Luck (Vater von Andrew Luck und von 1996 bis 2000 Präsident der NFL Europe) Veterans, die es nicht mehr in die NFL geschafft haben.

Das könnte in Seattle dann wiederum die Chance für von den Seahawks entlassene Spieler sein, sich direkt einem neuen Team anzuschließen. Dabei ist es sicherlich ein auf persönlichen Beziehungen basierender Vorteil, dass der ehemalige Seahawks-Quarterback (1976-1984) und Trainer (1997, 2001-2007) Jim Zorn jetzt Head Coach bei den Seattle Dragons ist und die besten Connections damit bereits vorhanden sind. Ein sogenanntes Farm-Team, das den Seahawks die Spieler zuliefert und abnimmt, werden die Dragons aber nicht sein. Dafür fehlt die Abmachung mit der NFL – und die XFL will das eigenen Angaben zufolge auch vermeiden, um die Kontrolle über Personalentscheidungen nicht zu verlieren.

Eine Sache noch abschließend an dieser Stelle: Durch das Scheitern der AAF verloren übrigens zwei ehemalige Mitarbeiter der Seahawks, die eine neue Herausforderung gesucht hatten, von einem auf den anderen Tag ihre Jobs. Wer sich für Grafikdesign und Social Media in Zusammenhang mit American Football interessiert, sollte Christopher Stoney und Dom Lewis bei Twitter folgen.

@flozilla84 und @maik_92 möchten wissen, ob ein Trade für Jadeveon Clowney von den Houston Texans realistisch ist und wie dieser aussehen könnte.

Dieser Frage sind mehrere Experten in den vergangenen Tagen schon im Detail nachgegangen. Grundsätzlich sollte man dabei vorher klären, ob Seattle aktuell realistische Chancen hat, um den Titel zu spielen. Ich persönlich würde diese Frage immer mit einem klaren Ja beantworten, solange Russell Wilson und Bobby Wagner gesund und in Bestform sind und für die Seahawks auflaufen.

Bei einem Nein wäre die Sache wegen der hohen Salary-Cap-Belastung von knapp 16 Millionen US-Dollar, den dann 2020 anstehenden Vertragsverhandlungen mit Clowney und dem wohl nicht gerade geringen Tauschpreis wohl erledigt. Das Nein-Szenario wird hier übersichtlich beschrieben – inklusive alternativem Lösungsvorschlag Everson Griffen von den Minnesota Vikings.

Wenn man Seattle Chancen auf die Vince Lombardi Trophy einräumt, dann kann man den Trade-Gedanken weiterspinnen. Pro Football Network schreibt, dass sowohl die Seahawks als auch die Buffalo Bills und die Miami Dolphins Interesse am Edge Rusher bekundet haben. Auch die Philadelphia Eagles werden auf Twitter ins Gespräch gebracht. Das Kapital für einen Trade ist vorhanden und 2020 hat Seattle zwei Zweitrundenpicks, von denen das Team einen durchaus abgeben kann.

Wer würde auf eine Front Seven aus Ziggy Ansah, Poona Ford, Jarran Reed (ab Week 7), Jadeveon Clowney, Bobby Wagner, K.J. Wright, Mychal Kendricks verzichten wollen?!

Seit sich nun auch noch Lamar Miller von den Texans schwer am Knie verletzt hat, ist die Situation nochmals eine andere, denn Houston benötigt einen Runningback und Seattle hat hier vermeintlich ein kleines Überangebot. Der Name Rashaad Penny fällt deshalb aktuell vermehrt. Könnten die Seahawks also Penny, ihren letztjährigen Erstrundenpick, und einen Zweitrundenpick 2020 für Clowney eintauschen, wäre das wohl ein Deal, über den man ernsthaft nachdenken müsste. Penny wirkte in der Offseason so, als ziehe er die Verteidiger magnetisch an. Der Druck auf den Läufer wird nicht geringer, solange er Chris Carson in seinem zweiten Jahr nicht in eine Konkurrenzkampf-Situation zwingt. Ein kleiner Neustart wäre deshalb vielleicht hilfreich.

Jedoch glaube ich nicht, dass die Seahawks Penny bereits vor seiner zweiten Regular Season aufgeben und damit auch den Erstrundenpick als Fehlverpflichtung eingestehen. Zudem werden die Verantwortlichen in Seattle nicht den gleichen Fehler machen wollen wie bei Sheldon Richardson im September 2017. Den D-Liner holten sie per Trade für Wide Receiver  Jermaine Kearse und einen Zweitrundenpick, nur um ihn wenige Monate später in der Free Agency wieder ziehen zu lassen, weil sie die Gehaltsforderungen von Richardson nicht erfüllen wollten.

Eine mögliche Tausch-Alternative zu Penny wäre Guard Germain Ifedi, der in sein letztes Vertragsjahr in Seattle geht (die Seahawks zogen die Option auf das fünfte Jahr nicht). Die Texans sind auf der Suche nach einem weiteren O-Liner. Duane Brown werden sie aber auf keinen Fall zurück bekommen.

Am Ende hängt der Trade vor allem an Jadeveon Clowney, denn der hat die Entscheidung in der Hand und steht wohl kurz davor, zu handeln. Am Dienstagabend wurde bekannt, dass er seinen Agenten entlassen hat, weil er mit seiner aktuellen Vertragssituation unzufrieden ist. Sobald er den Franchise Tag in Houston unterschreibt, muss er entscheiden, ob er dort nun doch Teil des Rebuilds sein oder aber wie geäußert zu einem Titelfavoriten wechseln will – und da bleiben von den weiter oben genannten Teams am ehesten die Seahawks und die Eagles.

@patrick_ka_gsh fragt: Wird Kam wieder ab und an an der Seahawks-Sideline zu sehen sein? Wird er in irgendeiner Form an die Franchise gebunden?

In einem bei Forbes erschienenen Artikel über Kam Chancellor und den Übergang vom Football-Leben in das Leben danach steht, dass der ehemalige Strong Safety sich jetzt auf Investments fokussiert. Dazu gehören ein Kaffeehaus in Virginia und einige Immobilien (Einfamilienhäuser, Bürogebäude und Apartments). Außerdem hat Chancellor mit seiner Frau und einer Schuhfirma aus Chicago eine eigene Kollektion herausgebracht. Hier zuschlagen, wer will.

Wenn er nicht gerade Schuhe oder Immobilien verkauft, organisiert er seinen Spendenlauf in Seattle, wo er immer noch wohnt. Deshalb ist es auch nicht unwahrscheinlich, dass wir ihn von Zeit zu Zeit wieder am Spielfeldrand im CenturyLink Field oder auf dem Trainingsgelände der Seahawks sehen. So war es bereits 2018 der Fall war, als er noch unter Vertrag stand, aber schon nicht mehr spielen konnte. Chancellor beschreibt dies als “open door policy”, ihm sind die Türen in Seattle geöffnet. Er sei in Seattle stets willkommen, solange und so oft er Lust habe, vorbeizuschauen.

An die Franchise binden will sich Chancellor glaube ich nicht. Als Mentor kann er ohne einen offiziellen Posten bei den Seahawks aktiv sein – und das möchte er auch. An seinen Plänen lässt sich der Wunsch zur Unabhängigkeit erkennen, denn Chancellor möchte Spieler auch bei Geldsachen und Themen abseits von American Football beraten, damit sie für die Zeit nach der aktiven Karriere abgesichert sind. So wie er es eben jetzt trotz des abrupten Karriereendes ist.

@Blubser will wissen, wie meine Kadervorhersage vor dem letzten Preseason-Spiel aussieht?

Vor der Preseason habe ich gemeinsam mit ein paar Kollegen bereits eine Prognose abgegeben. Diese habe ich nun aktualisiert und unten dargestellt. Die erstgenannten Spieler sind für mich die Starter. Die Begründungen für einzelne Entscheidung gibt’s direkt dazu:

  • QB (2): Russell Wilson, Geno Smith
    Paxton Lynch bekommt in Week 4 nochmals seine Chance, doch in diesem extrem engen Kopf-an-Kopf-Rennen gewinnt bei mir Smith, weil er über die größere Starter-Erfahrung verfügt als sein Kontrahent.
  • RB (5): Chris Carson, Rashaad Penny, C.J. Prosise, J.D. McKissic, Travis Homer
    Ich musste mich zwischen Fullback Nick Bellore und Homer entscheiden, weil Prosise bei den Trainern großes Vertrauen genießt. Die Entscheidung für Homer ist verbunden mit dem Wunsch, dass die Seahawks ihr Laufspiel ohne Fullback und etwas weniger stur aufziehen und einen weiteren fangstarken Läufer einsetzen zu wissen..
  • WR (6): Tyler Lockett, Jaron Brown, David Moore, DK Metcalf, John Ursua, Gary Jennings
    Die ersten fünf Positionen sind klar, weil John Ursua in der Preseason aus seinen wenigen Möglichkeiten viel macht und dabei an Doug Baldwin erinnert. Dahinter kämpfen Jennings und Jazz Ferguson um den sechsten Platz. Jennings gewinnt, weil ich bei Ferguson die Wahrscheinlichkeit größer sehe, dass er es bis in die Practice Squad schafft, ohne von einem anderen Team verpflichtet zu werden. Mit Jennings wird immer noch seine hohe Draft-Position in Verbindung gebracht, weshalb er wahrscheinlich verloren ginge.
  • OL (10): Justin Britt, D.J. Fluker, Duane Brown, Mike Iupati, Germain Ifedi, George Fant, Joey Hunt, Ethan Pocic, Jordan Simmons, Jamarco Jones
    Die Starter stehen seit der Offseason fest. Weil Mike Iupati und George Fant aber verletzungsanfällig sind, bleibe ich bei zehn O-Linern. Pocic war in meiner ersten Prognose außen vor, hat aber in der Preseason solide gespielt und seine gute Entwicklung gezeigt. Wenn ich hier einen Spieler streichen müsste, wäre es Simmons. Für ihn würde ich Shaquem Griffin wieder ins Team holen, der weiter unten den Cut nicht übersteht.
  • TE (3): Will Dissly, Nick Vannett, Jacob Hollister
    Die Verletzung von Ed Dickson lässt hier wenig Raum für Experimente – und weil ein Cut Dicksons Geld einspart, gehen die Seahawks mit dem gesundeten Dissly und zwei unscheinbaren Tight Ends.
  • LB (5): Bobby Wagner, K.J. Wright, Mychal Kendricks, Cody Barton, Austin Calitro
    Die Top vier sind gesetzt, Rookie Barton wäre ein Starter, wäre da nicht Bobby Wagner im Weg. Austin Calitro spielte bislang eine ähnlich souveräne Preseason. Shaquem Griffin würde Barkevious Mingo als Rush-starker Linebacker ausstechen, weil er die billigere Alternative ist, doch er ist aktuell verletzt und war in der Preseason kaum zu sehen. Für Ben Burr-Kirven bleibt vorerst nur die Practice Squad.
  • DL (9): Poona Ford, Ezekiel Ansah, Cassius Marsh, Al Woods, Quinton Jefferson, L.J. Collier, Rasheem Green, Jacob Martin, Branden Jackson
    Jarran Reed beginnt die Saison auf der Suspended List, für ihn wird Al Woods zum Starter. Jackson hat sich mit einer starken Preseason ins Team gespielt, Nazair Jones ist auf Injured Reserve. Collier könnte für Marsh in die Startformation rutschen, sollte er rechtzeitig fit werden.
  • CB (5): Shaquill Griffin, Tre Flowers, Jamar Taylor, Akeem King, Neiko Thorpe
    Taylor bleibt als erster Nickel und dritter Cornerback, Kalan Reed mit einer Nackenverletzung auf Injured Reserve gelandet ist. Dahinter sind King und Thorpe die Backups, die man eigentlich lieber nicht auf dem Spielfeld sehen wollen muss.
  • S (5): Bradley McDougald, Marquise Blair, Tedric Thompson, Lano Hill, Ugochukwu Amadi
    Blair wird Starter neben McDougald, Thompson und Hill sind aber nur knapp dahinter und als Backups flexibel einsetzbar. Allzweckwaffe Amadi kann als Special Teamer oder Nickel oder Safety auflaufen und ist deshalb in der aktuellen Situation uncutbar – seine starke Preseason mal außen vor gelassen. Der jüngere, günstigere Hill ist im Aufwärtstrend und erhält bei mir daher den Vorzug vor dem älteren, teureren (und erfahreneren) DeShawn Shead, auch wenn es mir schwer fällt. Sollte irgendwo ein Kaderplatz übrig sein, würde ich Shead wohl als Cornerback mitnehmen, da das die schwächer besetzte Positionsgruppe in der Secondary ist.
  • Special Teams (3): Michael Dickson, Jason Myers, Tyler Ott
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