John Schneider und Pete Carroll: Born to draft

Wir sehen es jede Saison: „Player X has been traded to Team Y“. Oftmals im Austausch für Draft Picks.

Die Fans erhoffen sich von solchen Tauschgeschäften häufig – im Impuls – Draft Picks in den frühen Runden. Vor anderen Teams die Chance auf die besten College-Spieler zu haben, besser geht’s doch nicht! Oder?

Das ist wohl nur die halbe Wahrheit. Viele Erst- und Zweitrundenpicks können den Erwartungen oft nicht gerecht werden oder gehen unter dem Druck ein, die Franchise anführen und gute Resultate erzielen zu müssen.

Währenddessen ist die Erwartungshaltung an die Spätrundenpicks und die ungedraftet unter Vertrag genommenen Spieler eine ganz andere. Denn niemand erwartet von ihnen, die Franchise auf ihren Schultern zu tragen. Sie sind die Spieler die unter den Radaren der Experten und Insider fliegen. Nicht selten stellt sich das als förderlicher Nährboden für kommende Superstar-Karrieren in der NFL heraus.

Die Liste an NFL-Superstars, die in jüngerer Vergangenheit spät oder gar nicht in den ersten sieben Runden ausgewählt  wurden, ist beeindruckend.

Tom Brady, Sechstrundenpick der New England Patriots 2000. Antonio Brown, ebenfalls Sechstrundenpick, wurde von den Pittsburgh Steelers 2010 ausgewählt. Antonio Gates holten die San Diego Chargers 2003 als Undrafted Free Agent in die Mannschaft.

Während jedes Team von Zeit zu Zeit mal einen Spieler an Bord holt, der unerwartet zum Superstar gedeiht, gelingen diese Coups einer Franchise mit fast schon beängstigender Regelmäßigkeit: Das Front Office der Seattle Seahawks unter der Leitung von John Schneider ist in den letzten Jahren wohl unübertroffen, wenn es um die Auswahl seiner Draft Picks geht.

In den über sechs Jahren, in denen John Schneider General Manager der Seahawks ist, haben er und Head Coach Pete Carroll sich einen Namen gemacht, indem sie ein effektives Gespür für späte Draft Picks sowie ungedraftete Spieler bewiesen.

2010, Schneiders erstes Jahr als GM der Seahawks, wurde gleich als der bisher beste Draft aller Zeiten aus Sicht der Seahawks glorifiziert.

LT Russell Okung, FS Earl Thomas, WR Golden Tate, SS Kam Chancellor. Sowohl Thomas als auch Chancellor sind aus der der heutigen Secondary nicht mehr wegzudenken. Beide sind sie die vielleicht besten Spieler auf ihrer Position in der National Football League.

Kam Chancellor, Fünftrundenpick, gilt als einer der besten Draft Picks der Seahawks aller Zeiten, liest man sich Fanforen und Draftanalysen durch.

Saison 2011: Mit einem Regular Season-Record von 7-9 aus dem Vorjahr ging es in den Draft.

Diesmal gelang Schneider nicht bloß ein, sondern vier Late-Round Picks, welche sich, wenn man sie heute betrachtet, als absolute Steals herausstellen. Linebacker K.J. Wright, 4. Runde. Cornerback Richard Sherman, 5. Runde. Doug Baldwin, Undrafted. Ricardo Lockette, Undrafted.

Alle vier sind heute oder waren zuletzt Bestandteile des Teams, wichtiger noch: Sie sind oder waren in der Defense, der Offense und den Special Teams tragende Säulen. Richard Sherman entwickelte sich in Seattle zum besten Cornerback der NFL.

J.R. Sweezy, der in der Free Agency 2016 nach Tampa Bay zu den Buccaneers wechselte, wurde positionsbezogen umgeschult. Als Defensive Tackle 2012 ausgewählt, setzte Carroll ihn aufgrund seiner Beweglichkeit als Guard ein.

Ein Drittrundenpick brachte Seattle 2012 einen 5“10-Quarterback aus Wisconsin ein. Liest man sich durch Analysen der vergangenen Jahre, ist Russell Wilson wohl der beste Draft Pick, den die Seattle Seahawks jemals tätigten. Ein Franchise-Quarterback, der gleich im zweiten Jahr den Super Bowl gewann. Aber dessen Charakterzüge selbst die Fähigkeiten auf dem Spielfeld weit übersteigen. Seattle liebt Wilson. Wilson liebt Seattle. Der perfekte Pick, John Schneiders ganz persönliche Lombardi Trophy.

Als Undrafted Free Agents wurden in diesem Jahr Jermaine Kearse, Wide Receiver und „Local Kid“ aus dem Pacific Northwest, sowie DeShawn Shead verpflichtet.

Kearse gilt bei vielen Fans als Liebling, aufgrund seiner Vergangenheit als College-Spieler für die Washington Huskies. Er hatte in den letzten Jahren immer wieder Clutch Plays. 2013 fing er einen 4th&7-Touchdown im NFC Championship Game gegen die San Francisco 49ers, 2014 fing er den spielentscheidenden Touchdown in der Overtime gegen die Green Bay Packers. Er hat sich in seiner Zeit bei den Seahawks kontinuierlich verbessern können. In der Free Agency wurde er mit einem $13,5 Millionen-Vertrag über die kommenden drei Jahre belohnt.

DeShawn Shead überzeugt aufgrund seiner Flexibilität als Defensive Back. Sowohl als Safety als auch als Cornerback kann er mit seiner Explosivität und Schnelligkeit insbesondere im Tackling punkten.

Draft War Room

War Room der Seattle Seahawks

Tight End Luke Willson, „Canada’s Pride“, wie er von den Nachwuchs-Footballspielern seiner High School genannt wird, wurde in der 5. Runde des 2013er Draft ausgewählt. Auch Willson stellte sich insbesondere in der Saison 2014/15 als Goldgriff heraus. Als schneller, groß gewachsener, robuster und passsicherer Tight End bildet er mit Jimmy Graham das „Bash-Brothers Duo“.

Sowohl Linebacker Brock Coyle, fester Bestandteil der Special Teams, als auch Tight End Gary Gilliam, einer der Helden des NFC Championship Game 2014, wurden 2014 als Undrafted Free Agents unter Vertrag genommen. Wie Sweezy vor ihm, wurde auch Gilliams Position den Bedürfnissen angepasst, er ist derzeitig der startende Right Tackle und kann auf eine überraschend gute Saison in der Offensive Line zurückblicken.

Vielen Fans und Experten war vor dem NFL Draft 2015 klar: Die Seahawks brauchen endlich einen spielstarken Wideout. Seattles bester Receiver Doug Baldwin war im Jahr 2014 den Yards nach nur der 43. der NFL.

Neben Zweitrundenpick Tyler Lockett, der eine Rookie of the Year-würdige Saison hinlegte, lässt noch ein anderer Spieler die Herzen aller Seahawks Fans höher schlagen: Runningback Thomas Rawls aus Central Michigan. Undrafted Free Agent.

Ob Pete Carroll, die Seahawks-Fans oder die TV-Kommentatoren („You just watch him and wonder how in the world this guy could go undrafted!“) – für viele ist Rawls der Spieler, dem die Philosophie, das Konzept, das gründliche Scouting des Seahawks-Front Office, quer auf der Stirn geschrieben steht.

Nach seiner beeindruckenden Rookie Season und dem Abgang von Marshawn Lynch ließ Pete Carroll das verkünden, was wir alle uns erhofften: „Er [Rawls] wird gründlich Gelegenheiten bekommen sich zu zeigen.“ Kurz gesagt: der unscheinbare 3rd String Undrafted Rookie Free Agent 2015 wird mit hoher Wahrscheinlichkeit als startender Runningback für die Seahawks 2016 auflaufen, sollte er seine Verletzung voll auskurieren können.

Wer hätte das im September 2015 gedacht?

Vielleicht ja John Schneider?

Abgänge hatten die Seahawks in den vergangenen vier Jahren gerade auf Schlüsselpositionen viele. Golden Tate, Red Bryant, Chris Clemons, Zach Miller und Breno Giacomini sind nur ein paar Beispiele.

Und doch haben es John Schneider und Pete Carroll geschafft, in den letzten vier Jahren immer wieder ein playofffähiges Team auf die Beine zu stellen. Zwei Mal erreichte Seattle den Super Bowl, 2013 krönte man eine überragende Saison mit dem Sieg über die Denver Broncos. Aus diesem Kader waren lediglich vier Spieler bereits vor John Schneiders Ankunft bei den Seahawks.

Der Rest? Ein glückliches Händchen? Tiefschürfende Analysen? Kooperative Absprache mit dem Trainerstab?

Höchstwahrscheinlich all diese Faktoren machen John Schneider und Pete Carroll zu einem der effektivsten Manager-Head Coach-Duos der NFL.

Ein Muster lässt sich für uns Fans, ohne Einsicht in die Unterlagen des Front Office zu haben, nur zu einem gewissen Teil erstellen. Aber wollen wir das überhaupt? Ein vollkommenes und Allzeit konstantes Spielerauswahl-Prinzip, das sich wie eine Formel aufschreiben oder gar berechnen lässt? Selbst wenn wir wollten, wir könnten es nicht.

Das footballspezifische Genie von John Schneider und Pete Carroll lässt sich durch keine Formel der Welt berechnen.

Zu unserem Glück lässt es sich aber am Erfolg der Seattle Seahawks in den vergangenen Jahren ablesen.

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