Fischadleraugen: Die Defensive 2020

Fischadleraugen K.J. Wright Defensive 2020

Konträr zur Offensive der Seattle Seahawks in der vergangenen Saison kann man über die Defensive eine schönere Geschichte erzählen. Der von Defensive Coordinator Ken Norton Jr. geführte Mannschaftsteil war lange Zeit auf dem Weg zu einer der historisch schlechtesten Defensiven der NFL-Geschichte zu werden.

Wir alle erinnern uns noch an die Schreckenszahlen aus der ersten Saisonhälfte:

Vor dem Rückspiel gegen die Arizona Cardinals in Woche 11 fand ein mutmaßlich wegweisendes Meeting mit der gesamten Defensive statt. Jeder Spieler musste dabei seine Verantwortlichkeiten und Aufgaben bei den verschiedenen Schemata benennen. Und wenn man der Legende glauben darf, so schildert es Head Coach Pete Carroll, sei in diesem Moment “etwas passiert”. Und das Ergebnis dieses Meetings durfte man in der zweiten Saisonhälfte bestaunen.

Die Defensive der Seattle Seahawks steigerte sich enorm, konnte ein historisch schlechtes Abschneiden in sämtlichen Metriken abwenden. Dabei wurde per In-Season-Trade Defensive End Carlos Dunlap akquiriert, der dem Pass-Rush neues Leben einhauchte. Auch seine Nebenmänner konnten davon profitieren. Emporkömmlinge wie Cornerback D.J. Reed mutierten zum Starter und spielten weit über den gesetzten Erwartungen. Auch Defensive Coordinator Ken Norton Jr. fand seinen Flow, reduzierte die Anzahl seiner Blitz-Calls, versteckte seine Blitze und Coverages vor dem Snap und laborierte an verschiedenen Looks der Front herum (die Seahawks spielten häufiger eine Bear-Front).

Analyse

Beginnen möchte ich mit einem exemplarischen Beispiel zu Beginn der Saison. Im Spiel gegen die Buffalo Bills, indem die Seahawks-Defensive 44 Punkte kassierte, war von der späteren Form nichts zu erkennen. Und es fehlte die Fantasie, wie man diese Defensive auf Kurs bringen sollte. Schauen wir auf den ersten Touchdown der Buffalo Bills in diesem Spiel.

Allen bekommt den Ball in der Shotgun. Wide Receiver Isaiah McKenzie startet seine Route im Slot. Dabei läuft er keine fest definierte Route, sondern sucht nach Räumen in der Zonenverteidigung. Die sogenannten Seams bezeichnen die Schnittstellen zwischen den einzelnen Zonen und sind die Schwachstellen einer jeden Zonenverteidigung.

Cornerback Tre Flowers, zuständig für das rechte Spielfeld-Drittel, deckt die falsche Zone. Er müsste ähnlich wie sein Pendant auf der anderen Seite (Quinton Dunbar) seine Zone tiefer spielen. Dadurch hätte er entscheidend in das Play eingreifen können. Abgesehen davon liegt die Schuld aber auch bei Free Safety Quandre Diggs, der hier den klassischen Single High Safety spielt. Somit ist er für das tiefe mittlere Drittel zuständig oder hat die Aufgabe, die beiden äußeren Cornerbacks zu unterstützen. McKenzie läuft nah an Diggs vorbei und spätestens als McKenzie die 15-Yard-Linie passiert muss Diggs ihm eigentlich folgen. So aber reagiert er zu spät und kann den Gegenspieler nicht mehr stoppen. Die Defensive ist das erste von vielen Malen in diesem Spiel geschlagen.

In der nächsten Szene springen wir in das erste Spiel nach dem Defensiv-Meeting – das Divisionsduell in Woche 10 gegen die Arizona Cardinals. Ein wunderbares Beispiel für eine sehr viel bessere Abstimmung im gesamten Mannschaftsteil.

Reed spielt das linke Felddrittel der Seahawks in der Passverteidigung und folgt eingangs dem Wide Receiver auf seiner Seite. Als der Gegenspieler aber seine Route abbricht und in die Mitte zieht übergibt Reed seinen Gegenspieler an Slot-Cornerback Ugo Amadi. Der wiederum gibt seinen Gegenspieler an Linebacker Bobby Wagner weiter. Zonenverteidigung, wie sie sein sollte. Reed sieht relativ spät, dass Wide Receiver Andy Isabella hinter ihm durchgebrochen ist. Doch gerade weil er erkennt, was gerade vor sich geht und durch seine Schnelligkeit gelingt es ihm, noch zum Ort des Geschehens zu gelangen und Isabella entscheidend zu stören.

Doch selbst wenn Reed seinen Einsatz verschlafen hätte – sein Kollege Diggs wäre das Sicherheitsnetz gewesen und hätte das Play verhindert. Diggs hält hier lange diszipliniert seine Zone. Er antizipiert den Pass von Murray, der unter starker Bedrängnis durch den wiederbelebten Pass Rush werfen muss und eilt Reed zur Hilfe. Beide treffen anschließend etwa zeitgleich am Ort des Geschehens ein und machen es Isabella unmöglich, den wichtigen Fang zu machen.

Oft wurde Safety Jamals Adams gelyncht. Und in vielen Fällen auch zurecht. Seine Vielseitigkeit als Pass Rusher oder als Tackler in der Laufverteidigung war aber trotzdem ein wichtiger Bestandteil der Defensive.

Im Vorfeld des schon jetzt schon legendären Goalline-Stands in Woche 16 gegen die Los Angeles Rams (die Seahawks verteidigten vier Versuche innerhalb kürzester Distanz zur Endzone) ereignete sich folgende Szene. Während die spätere Sequenz eine großartige Teamleistung ist, blicken wir hier auf die Individualleistung Adams’. Er hat eigentlich die Aufgabe, den Quarterback unter Druck zu setzen. Die Rams haben aber keinen Passspielzug ausgewählt und mit einem Laufspielzug, dazu über außen, eigentlich den perfekten Play Call für den Blitz der Seahawks-Defense ausgewählt. Runningback Henderson läuft über die rechte Seite und damit von Adams weg. Dieser registriert den Spielzug aber blitzschnell und kann durch seine beeindruckende Athletik den Gegenspieler noch vor der Endzone stoppen.

Einer der Geschichten der Saison ist auch die von K.J. Wright. Der Veteran-Linebacker, nach der Saison Free Agent, spielte eine hervorragende Saison. Seine Zukunft bei den Seattle Seahawks? Ungewiss. Linebacker und Freund Bobby Wagner macht, wie schon vor zwei Jahren, mächtig Werbung beim Front Office. Wright verbriefte auf der abschließenden Pressekonferenz bei der Räumung des Locker Rooms, dass er sehr gerne in Seattle bleiben würde. Er schloß es nicht aus für ein anderes Team aufzulaufen. Und für den Fall der Fälle, dass wir die letzten Snaps von Wright im Blau-Grün-Grauen Dress gesehen haben, hier eine seiner besten Szenen der Saison.

Wir blicken daher auf das Heimspiel gegen die Minnesota Vikings. Wright ließ im Laufe der Saison einige mögliche Interceptions fallen. Im Spiel gegen die Vikings gelang ihm dafür wohl die schwerste Interception seiner Karriere. Er reagiert erst auf den angetäuschten Lauf, beißt aber nicht komplett zu. Anschließend geht es zurück in die Zone. Quarterback Kirk Cousins forciert den Wurf. Wright gelingt es diesmal nicht nur, den Ball zu einer Interception abzufangen. Er schafft dies sogar in OBJ-esquer Manier mit nur einer Hand. So fangen nur wenige Linebacker einen Ball ab.

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