Enttäuschung auf ganzer (Offensiv-)Linie?

(Bild: imago)

Blickt man auf die gerade zu Ende gegangene NFL-Saison zurück und sucht nach Gründen, warum die Seattle Seahawks das zweite Jahr in Folge in der Divisional Round gescheitert sind, erscheinen zwei Faktoren maßgeblich: Zum einen die Verletzungen von Schlüsselspielern wie Earl Thomas und Russell Wilson, zum anderen das schlechte Spiel der Offensive Line. Insbesondere die Verletzungen des Quarterbacks und der permanente Druck auf ihn haben zu mehreren Niederlagen gegen schwächere Teams geführt, ohne die man eine Chance auf den 2. Setzplatz in der NFC gehabt hätte. Und was mit dem Heimvorteil in Seattle möglich ist, haben wir in den erfolgreichen Saisons 2013 und 2014 gesehen.

Häufig wird in Artikeln oder Kommentaren auf das mit nur $6,2 Millionen geringste Gehaltsbudget für die Offensive Line und den Einsatz junger und unerfahrener Spieler hingewiesen. Als bestes Beispiel dient Rookie-Left Tackle George Fant, der zwar starke Athletik-Werte aufweist, aber im College nur ein Jahr als Reserve-Tight End und hauptsächlich Basketball gespielt hat. Hinzu kommt, dass O-Line-Coach Tom Cable trotz seiner Einbindung in die Draft-Entscheidungen von vielen Experten häufig als Opfer geringer Ressourcen und nicht als Teil des Problems gesehen wird.

Wie haben andere Teams ihre Elite-Offensive Lines aufgebaut? Laut Pro Football Focus hatten 2016 die Titans, Cowboys, Steelers, Raiders und Packers die besten Offensive Lines.

Schauen wir uns zuerst einmal an, wieviel Draft-Kapital die Seahawks und die Top-5-OL-Teams seit der Verpflichtung von Pete Carroll und John Schneider in 2010 investiert haben (die Werte basieren auf den allgemein verwendeten Draft-Pick-Werten):

  • Seahawks – ca. 3.600 Punkte für 14 Spieler
  • Titans – ca. 4.300 Punkte für 7 Spieler
  • Cowboys – ca. 3.200 Punkte für 7 Spieler
  • Steelers – ca. 2.400 Punkte für 8 Spieler
  • Raiders – ca. 1.500 Punkte für 9 Spieler
  • Packers – ca. 2.000 Punkte für 10 Spieler

Seattle hat also in den letzten sieben Drafts mehr Spieler ausgewählt als jedes der Top-5-OL-Teams und auch mehr Draft-Kapital investiert als jedes der Top-Teams außer den Titans.

Wie viel haben die Seahawks in andere Positionen investiert (inklusive der für Trades verwendeten Picks)?

  • Quarterback – ca. 600 Punkte
  • CB, SS, FS (LOB) – ca. 1.400 Punkte
  • restliche Offense – ca. 4.000 Punkte
  • komplette Defense – ca. 4.300 Punkte

Das Problem liegt offensichtlich also nicht bei der eingesetzten Menge an Draft-Kapital.

Von den oben genannten Top-5-Teams hat außer den Raiders kein anderes Team wesentliche Verpflichtungen fremder Spieler in der Free Agency vorgenommen. Das Team aus Oakland hatte nach den Free Agent-Verpflichtungen von Rodney Hudson und Kelechi Osemele vergangene Saison mit 37 Millionen Euro die teuerste Offensive der NFL. Für ein Team, das von einem günstigen Rookie-Quarterback profitiert, mag dies ein Weg sein. Für ein Team wie Seattle ist es aber in dieser Form nicht möglich, wenn man nicht auf anderen Positionen Superstars ziehen lassen möchte. Zudem führt das Wettbieten in der Free Agency zu überbewerteten Verträgen und langfristig zu Problemen beim Salary Cap.

Während aber Teams wie die Cowboys und Packers sich mit Spielern nach ihrer Rookie-Zeit auf Vertragsverlängerungen geeinigt haben, hat Seattle die 2010 und 2011 in der 1. Runde gedrafteten Spieler Russell Okung und James Carpenter am Ende ihrer Vertragslaufzeit zu anderen Teams ziehen lassen. Woran liegt das?

Der Kader der Seahawks besteht vorwiegend aus Superstars mit Top-5- oder Top-10-Verträgen gemessen an der jeweiligen Position (z.B. Wilson, Graham, vormals Lynch, Wagner, Thomas, Chancellor, Sherman etc.), Rookies, einzelnen günstigen Veteranen und Spielern, die ihre Verträge outperformt (z.B. Bennett, Avril), also über Wert gespielt, haben.

Seit 2010 hat nur Center Max Unger konstant die Erwartung eines Top-10-Spielers auf seiner Position erfüllt (All-Pro in 2012, Pro Bowl in 2012 und 2013). Er bekam deshalb folgerichtig auch in 2012 einen Vertrag mit Top-5-Gehalt für seine Position. Russell Okung hat insbesondere in 2012 ebenfalls auf einem hohen Niveau gespielt, aber aufgrund von Verletzungen nie konstant überzeugen können (24 verpasste Spiele in sechs Jahren). Und einen Left Tackle, der im Vertragsjahr laut Football Outsiders mehr Blocks verpasst als 24 andere Left Tackles in der NFL, hält man in Seattle genauso wenig wie jeden anderen unterdurchschnittlichen Spieler auf anderen Positionen. Auch wenn die Seahawks letztlich bereit waren, Unger als Teil der Kompensation für Jimmy Graham einzusetzen und ziehen zu lassen, ist anzunehmen, dass Seattle für die Offensive Line die gleiche Strategie verfolgt wie für jede andere Position. Regelmäßig verpflichtete Rookies kämpfen während ihrer Vertragslaufzeit in einem offenen Wettbewerb um (fast) jede Position. Mit Superstars wird vorzeitig verlängert, mit anderen Spielern nur, falls diese deutlich unter ihrem von den Seahawks definierten Marktwert unterschreiben.

Wie ist nun aber das Coaching von Tom Cable zu bewerten? Das Problem der Offensive Line ist nicht erst in 2016 entstanden. Der Abschied von Marshawn Lynch sowie die Verletzungen von Russell Wilson und Thomas Rawls haben aber die Probleme erst richtig deutlich gemacht. Konnte man in den Vorjahren zwar leicht die großen Schwächen beim Pass Blocking bemerken (Russell Wilson war laut Football Outsiders immer einer der fünf QBs mit dem höchsten prozentualen Anteil an Spielzügen, bei denen er unter Druck stand), so wurden die Schwächen im Running Game durch QB und RB kaschiert. So kamen im Jahr 2014 laut Football Outsiders 21 der Runningbacks mit mehr als 100 Runs erst nach mehr Yards mit einem Verteidiger in Kontakt als Marshawn Lynch. Der Titel „Beast Mode“ war hier mit 2,2 Yards vor und 2,5 Yards nach Kontakt (!) redlich verdient. Zudem band die von Russell Wilson ausgehende Gefahr im Laufspiel häufig einen extra Verteidiger, der dann an anderer Stelle fehlte oder eine Sekunde langsamer reagieren konnte. Ohne Lynch und die Schnelligkeit von Wilson wurden die Schwächen der Offensive Line dann 2016 schonungslos offengelegt.

Cables Stärke scheint darin zu bestehen, Spieler mit passenden Athletik-Werten auch ohne jede OL-Erfahrung zu NFL-Spielern zu machen (wie Sweezy, Fant und Gilliam). Gleichzeitig muss man ihm aber vorwerfen, erfahrene und höher bewertete College-Spieler nicht entscheidend weiterzuentwickeln. Schaut man sich Spiele zum Ende der vergangenen Saison an, kann man letztlich keine Unterschied zwischen dem absoluten Newcomer Fant und Ifedi mit vier Jahren Erfahrung bei einem Top-College erkennen. Viele Fehler wiederholen sich und eine deutliche Weiterentwicklung war während der Saison nicht erkennbar. Zudem ist die von Cable trainierte Version des Zone Blocking-Schemas offenbar nicht passend für jeden Spieler. Der gewechselte James Carpenter hat inzwischen seine besten Saisons bei den Jets gespielt, Okung konnte in Denver zum ersten Mal in seiner Karriere jedes Spiel starten. Auch Jahri Evans, der am Ende des Training Camp 2016 von Seattle gecuttet wurde, hatte anschließend bei den Saints wieder eine gute Saison.

Eine absolute Ausnahmestellung in der Entwicklung von Spielern weit über ihren Draft-Status hinaus, wie sie die Seahawks zum Beispiel bei Defensive Backs haben (Sherman, Chancellor, Maxwell, Browner, Shead etc.), ist damit für die Offensive Line nicht festzustellen. Pete Carroll scheint seinen Assistant Head Coach Tom Cable eher mit Blick auf das gesamte Laufspiel als nur hinsichtlich der Offensive Line zu bewerten, anders scheint das Vertrauen angesichts Carrolls „Alles-besser-machen-als-es-jemals-zuvor-gemacht-wurde“-Mottos nicht zu erklären.

Zusammenfassend hat Seattle durchaus große Ressourcen in die Offensive Line investiert, aber in der Summe bei weitem zu wenig daraus gemacht. Auch wenn man Fant, Glowinski, Britt und Ifedi im nächsten Jahr alleine durch mehr Erfahrung und Kontinuität eine bessere Leistung zutrauen kann, sollten die Seahawks dennoch ihren Prozess hinsichtlich der Offensive Line generell überdenken. Der von einigen Experten gewünschte Neuanfang auf der Trainer-Position bleibt offensichtlich aus. Dennoch ist aufgrund der hier gewonnenen Erkenntnisse zu hoffen, dass in Zukunft ein zusätzlicher Assistant Coach eingebunden und die Rolle von Tom Cable im Draft-Prozess reduziert wird.

Ob Justin Britt bereits dieses Jahr einen neuen Vertrag bekommt, muss von seinen Gehaltsforderungen abhängig gemacht werden. Ihn jetzt schon als Top-10-Center zu bezahlen, wäre riskant. Verlangt er weniger, wäre das großartig, um eine gewisse Kontinuität für die Offensive Line zu gewährleisten. Angesichts der Unerfahrenheit der Line, des gut ausreichenden Platzes unter der Gehaltsobergrenze und der wohl relativ schlechten Qualität von Offensive Line-Spielern im diesjährigen Draft erscheint ein Trade oder größerer Free Agent-Vertrag für einen erfahrenen Tackle oder Guard als sinnvolle Lösung. Dass Seattle im Zweifelsfall bereit ist, einen derartigen Blockbuster-Trade zu machen, haben die Trades für Percy Harvin (2013) und Jimmy Graham (2015) gezeigt. Man darf gespannt sein, ob John Schneider und Pete Carroll in der Offseason 2017 erneut den Mut und die Gelegenheit haben, einen neuen Topspieler für die Offense zu verpflichten.

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