Analyse: Der Duane-Brown-Trade

Die Offensive Line war in den vergangenen Jahren, Monaten und Wochen die Schwachstelle der Seattle Seahawks. Während sie Quarterback Russell Wilson inzwischen besser beschützt, rutschte sie beim Blocken fürs Laufspiel am vergangenen Sonntag auf einen neuen Tiefpunkt.

Mit dem zweiten Blockbuster-Trade der laufenden Saison (nach Kearse-Richardson) setzt General Manager John Schneider alles auf eine Karte und rüstet sein Team für die Gegenwart aus. Die Seattle Seahawks sind im sogenannten Win-Now-Modus, das heißt, sie wollen im jetzigen Zustand den maximalen Erfolg erzielen und die Planung für die Zukunft hinten anstellen. Einen Tag vor der Trade-Deadline sicherte sich das Team aus dem Pacific Northwest die Dienste von Left Tackle Duane Brown, der am Sonntag noch auf Seiten der Houston Texans gegen Frank Clark und Co. auf dem Spielfeld stand.

Wen erhalten die Seattle Seahawks durch den Trade?

Duane Brown, 32, war 2008 der First-Round Pick der Texans, absolvierte seitdem 133 Spiele für Houston, stand von 2012 bis 2014 im Pro Bowl und wurde 2011 sowie 2012 ins First Team All-Pro der NFL gewählt. In den vergangenen beiden Jahren verpasste er aufgrund von Verletzungen insgesamt sechs Spiele. In der laufenden Spielzeit absolvierte er am vergangenen Wochenende seine erste Partie, die zuvor verpasste er wegen seines Holdouts. Brown erschien nicht im Training Camp und boykottierte Spiele, da er eine vorzeitige Vertragsverlängerung durchsetzen wollte. Sein laufender Vertrag endet zwar erst nach der Saison 2018, allerdings ist sein Gehalt für das kommende Jahr nicht garantiert. Dazu später im Text mehr.

Wie viel steckt noch in Brown? Ist er wirklich ein Upgrade? Diese Fragen lassen sich recht einfach beantworten. Ja, er ist ein Upgrade. Brown verpasste zwar das Training Camp, viele Einheiten und Spiele in der laufenden Saison – und doch spielte er direkt von Beginn an gegen eine gute Seahawks-D-Line. Am Sonntag schaffte Seattle fünf Sacks, aber kein einziger davon wurde über die linke Seite der Texans-O-Line zugelassen.

Zudem wichtig: Wen wird Brown in Seattle ersetzen?. Nach der Verletzung von George Fant machte Rees Odhiambo den Job des Left Tackles. In den bisherigen sieben Partien ließ Odhiambo zwei Sacks, sechs Hits und 27 Hurries zu. Sein Rating von Pro Football Focus (PFF) beträgt für die laufende Saison 27,5, das ist Platz 73 unter allen Tackles der NFL.

Da Brown bisher erst ein Spiel absolviert hat, ist es ratsam, seine Werte aus der vergangenen Runde zu betrachten. In 13 Spielen erlaubte Brown einen Sack, fünf Hits und 22 Hurries. Sein Rating von PFF: 84,6. In 133 absolvierten NFL-Spielen ließ er insgesamt nur 47 Sacks zu (alle drei Spiele ein Sack) und bekam insgesamt nur neun Holding- sowie 23 False Start-Strafen gegen sich ausgesprochen.

Selbst, wenn Brown nur eine durchschnittliche Saison spielen und nicht an das Niveau der vergangenen Jahre rankommen würde, ist er immer noch ein großes Upgrade. Und der Veteran bringt noch einen weiteren wichtigen Faktor mit: Erfahrung. Von seiner Erfahrung kann in den nächsten Wochen vor allem Rookie Ethan Pocic profitieren, der vorerst weiter auf als Left Guard eingesetzt wird. Brown gilt als außerordentlich guter Kommunikator auf und neben dem Feld.

Bei aller Euphorie dürfen Seahawks-Fans aber keine Wunder erwarten. O-Lines verbessern sich nicht von heute auf morgen schlagartig. Vor allem beim Blocken fürs Laufspiel nicht. Allerdings gibt es auch hier Grund zur Hoffnung: Brown ist bestens mit dem Zone Blocking-Schema vertraut. In den ersten beiden NFL-Jahren war Alex Gibbs sein Offensive Line-Trainer. Gibbs gilt als der Erfinder des Zone Blockings, das sich in den 90er-Jahren in der NFL etabliert hat.

Was kostet die Seattle Seahawks der Trade?

Die Gerüchte um einen Trade rund um Duane Brown sind nicht neu. Bereits nach der Verletzung von George Fant gab es immer wieder entsprechende Gerüchte. Vor dem Spiel gegen die Texans war der viel kritisierte Tight End Jimmy Graham als Trade-Baustein im Gespräch, was aufgrund seines Vertrages nicht überraschend war. Brown und Graham zählen durch ihre Verträge ähnlich stark gegen die Gehaltsobergrenze. Ein direkter Tausch wäre aus Sicht der Seahawks ohne finanzielle Hürden möglich gewesen.

Doch Graham bleibt in Seattle und war bereits am Wochenende wichtiger Bestandteil des Sieges gegen Houston. Stattdessen entschied sich John Schneider für einen etwas komplexeren Deal. Im Tausch für Duane Brown sollten Jeremy Lane, ein Second-Round Pick im Jahr 2019 sowie ein Fifth-Round Pick im Jahr 2018 nach Houston gehen. Nachdem Lane am Dienstag jedoch den Medizincheck nicht bestand, wurde der Deal angepasst. Die Seahawks schicken stattdessen nun für Brown und einen Fifth-Round Pick 2018 zwei wertvollere Picks nach Texas: Einen Second-Round Pick 2019 sowie einen Third-Round Pick 2018. Effektiv ändert sich also, dass Seattle 2018 einen höheren Pick verliert, Jeremy Lane behält und selbst noch einen Fifth-Round Pick erhält. Der Rest des Trades bleibt gleich.

Der geplante Abgang von Cornerback Jeremy Lane, der in dieser Saison von Verletzungen geplagt war und sportlich nicht überzeugte, hätte alleine nicht ausgereicht, um das Restgehalt von Brown in der Saison 2017 ($4,98 Mio.) unter die Gehaltsobergrenze zu bekommen. Vor dem Trade hatten die Seahawks $1,4 Millionen frei. Durch den Trade von Lane hätte sich der Spielraum um weitere $2,12 Millionen erhöht – zu wenig, um sich Brown leisten zu können.

Um den fehlenden finanziellen Spielraum zu beschaffen, führte das Front Office der Seahawks einen Trick durch. $6,26 Millionen von Russell Wilsons Festgehalt wurden in eine Bonuszahlung umgewandelt. Das bedeutet, dass Wilson diesen Betrag sofort bekommt, dieser aber nur teilweise gegen die jetzige Obergrenze zählt. Durch dieses Manöver wurden nochmals $4,1 Millionen an Geldern für Gehälter frei. Den gleiche Trick hatte Seattle bereits früher in der Saison beim Vertrag von Wide Receiver Doug Baldwin angewandt, um D-Liner Sheldon Richardson von den New York Jets zu holen. Dieses Verfahren ist legal und wird von Teams immer wieder genutzt. Allerdings gibt es auch eine Kehrseite. Die finanzielle Belastung durch die Verträge von Wilson und Baldwin wird in den kommenden Jahren höher sein als vor dem Umschichten. Die New Orleans Saints und die Dallas Cowboys gelten als Beispiele der jüngeren Vergangenheit, die aufgrund entsprechender Umschichtungen große Planungsprobleme hatten.

Nun aber bleibt Lane in Seattle, was den Seahawks einen Kader von 54 Mann beschert. Ein Spieler muss gehen. Vor dem ersten Training der Woche muss also eine Transaktion erfolgen. Möglich wäre es, den angeschlagenen Lane auf die Injured Reserve-Liste zu setzen. Der Mittwoch wird hier definitiv eine Entscheidung bringen.

Was wird der Trade bringen?

Duane Brown wird sofort Stammspieler auf Left Tackle sein und Rees Odhiambo auf die Bank verdrängen. Die neue Offensive Line wird somit wie folgt aussehen: LT Duane Brown, LG Ethan Pocic, C Justin Britt, RG Oday Aboushi, RT Germain Ifedi. In Draft Picks umgewandelt bedeutet das, dass vier von fünf Startern in der ersten oder zweiten Runde ausgewählt wurden.

Brown steht auch 2018 bei den Seahawks unter Vertrag. Es ist zu erwarten, dass das Front Office spätestens in der Offseason an einer Vertragsverlängerung um ein weiteres Jahr interessiert ist. Durch seinen Holdout hat der Spieler bereits klar gemacht, dass er mit seinem laufenden Vertrag nicht zufrieden ist. Das werden spannende Verhandlungen.

Was bedeutet der Trade?

Die Seahawks sind im Win-Now-Modus und daher bereit, zukünftiges Kapital gegen sofortige Hilfe zu tauschen. Diese Einstellung ist nachvollziehbar. Nach 2018 laufen die Verträge einiger von Leistungsträger aus, es ist fraglich, ob Spieler wie Richard Sherman oder Earl Thomas dann gehalten werden können. Die Zeit der Seahawks ist jetzt. Selten war die Ausgangslage für einen weiteren Super Bowl-Titel besser als 2017. In Aaron Rodgers ist einer der besten Quarterbacks verletzt – und auch andere NFC-Teams haben ihre Probleme.

Nicht das erste Mal tauscht das Front Office der Seahawks Draft Picks gegen Spieler ein. Beispiele aus den vergangenen Jahren sind Percy Harvin (drei Picks inklusive First-Round Pick) oder der Jimmy Graham (First-Round Pick und Max Unger gegen Graham und einen Fourth-Round Pick).

Auch, wenn Fans keine Wunder von Duane Brown erwarten dürfen, sollte ein Effekt bald zu erkennen sein, vielleicht schon nächste Woche im Spiel gegen die Washington Redskins. Thomas Rawls, Eddie Lacy und J.D. McKissic würden aufatmen.

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