Pure Ekstase, brutaler Herzschmerz und Wut auf Unkontrollierbares – das alles haben die Seattle Seahawks im Super Bowl bereits erlebt. Dreimal stand dein Lieblingsteam in seiner Historie schon im großen NFL-Endspiel – dreimal lieferte die Partie Schlagzeilen für die Ewigkeit. Schnall dich an für eine wilde Zeitreise durch die Super-Bowl-Geschichte der Seahawks mit „the good, the bad and … the ugly“.
Super Bowl XL: Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht!
Selten wirken Trainer, Spieler oder Fans souverän, wenn sie eine Niederlage auf die Unparteiischen schieben. In diesem speziellen Fall aber könnte es sein, dass selbst neutrale oder die Gegenseite favorisierende Beobachtende zu dem Schluss kommen: Da wurde Seattle übel mitgespielt.
„Ich wusste, dass es gegen die Pittsburgh Steelers hart werden würde. Ich wusste allerdings nicht, dass wir auch gegen die Jungs in den schwarz-weiß gestreiften Shirts würden antreten müssen.“ Diese Sätze sagte Seahawks-Cheftrainer Mike Holmgren nach der 10:21-Niederlage im Super Bowl XL. Der Head Coach und sein Team fühlten sich betrogen von den Schiedsrichtern. Gegen deren Hauptverantwortlichen Bill Leavy richtete sich ihr Zorn ganz besonders. Wäre Seattle ein Land, der Mann hätte wohl Einreiseverbot.
Die Saison 2005 endete für die Seahawks also mit einem Drama, dabei hatte alles so gut begonnen. Running Back Shaun Alexander wurde MVP, weil er seine Gegner hinter einer O-Line mit den Giganten Walter Jones und Steve Hutchinson und hinter Fullback Mack Strong (der Name ist Programm) in Grund und Boden lief, Quarterback Matt Hasselbeck spielte seine statistisch beste Saison in Seattle und Coach Holmgren hatte endlich einen Weg gefunden, den Playoff-Fluch zu besiegen.
Nun erstmals in der Franchise-Geschichte der Super Bowl. Doch dieser stand am 5. Februar 2006 unter keinem guten Stern. Da Michigan geografisch deutlich näher an Pittsburgh liegt als am Bundesstaat Washington, war das Ford Field als Austragungsort des Endspiels in gelbe Terrible Towels, die Stofftücher der Steelers-Fans, getränkt. Das ist relevant, weil Tage nach dem Spiel jemand die Schiedsrichter des Endspiels in einem Cartoon abbildete. Sie ahndeten darin Strafen mit Steelers-Handtüchern anstatt mit gelben Flaggen. Überspitzt, natürlich.
Dennoch: Die große Story des Spiels waren einige unglückliche Entscheidungen der Referees, die zum Nachteil der Seahawks ausfielen. Nicht jede war ein klarer Fehler, in der Summe vernahmen jedoch nicht nur Fans aus Seattle eine gewisse Tendenz hinsichtlich der Regelauslegungen. Satte fünf umstrittene Spielzüge standen in der Nachberichterstattung im Fokus der Medien:
- Receiver Darrell Jackson erzielte den vermeintlich ersten Touchdown des Spiels, verschaffte sich nach Ansicht der Schiedsrichter dabei jedoch mit seinem Arm einen unerlaubten Vorteil im Duell gegen einen Safety der Steelers.
- Deren Quarterback Ben Roethlisberger sprang kurz vor der Halbzeit mit dem Helm voraus in Richtung Endzone, wurde dabei aber relativ deutlich vor der Linie gestoppt. Die Wiederholung konnte allerdings nicht eindeutig zeigen, wo genau sich der Ball am Ende des Spielzugs befand – deshalb: Touchdown Pittsburgh.
- Zudem entschieden die Referees im weiteren Verlauf der Partie bei einer Strafe während eines langen Punt-Returns gegen Seattle,
- ebenso bei einem Holding-Call, dem offensichtlich ein zu früher Start eines Steelers-Verteidigers vorausgegangen war.
- Kurz darauf warf Hasselbeck eine Interception und erhielt bei seinem anschließenden Tackle eine unerklärliche Strafe aufgrund eines angeblich zu tief gesetzten Blocks – obwohl der Quarterback nach dem Fehlpass als Verteidiger agierte.
Mit 21:10 gewannen die Steelers den Super Bowl XL. Die Seahawks traten die Heimreise in den Nordwesten mit dem unguten Gefühl im Bauch an, betrogen worden zu sein. Das von den Rolling Stones in der Halbzeitpause performte „(I Can‘t Get No) Satisfaction“ bekam vor diesem Hintergrund eine völlig neue Bedeutung.
Ob das Schiedsrichtergespann um Leavy hauptsächlich für die Niederlage im ersten NFL-Endspiel der Franchise verantwortlich war, sei dahingestellt. Fakt ist: Die beste Offensive der NFL brachte in der wichtigsten Partie der Saison nur zehn mickrige Punkte zustande. Tight End Jerramy Stevens ließ drei fangbare Bälle fallen, von denen zwei die Seahawks nahe an die gegnerische Endzone gebracht hätten. Die Steelers hingegen agierten äußerst effizient und kaschierten damit den Auftritt von Ben Roethlisberger, dessen Leistung bis heute als schlechteste eines Sieger-Quarterbacks in der Historie des Super Bowls gilt.
Aber daran erinnert sich heute kaum noch jemand – genauso wenig wie an die herrlichen Verschwörungstheorien rund um die fraglichen Schiedsrichterentscheidungen, die jemand auf Reddit zusammengetragen hat.
Super Bowl XLVIII: „12s, they’re bringing the trophy home!“
Zwei Szenen beim zweiten Anlauf der Seahawks, die Vince Lombardi Trophy zu gewinnen, gaben den Ton für dieses historische Endspiel vor:
Der erste Snap beim ersten Angriff der Denver Broncos, der Quarterback Peyton Manning mal so richtig um die Ohren flog. Und der Hit von Monster-Verteidiger Kam Chancellor in den Anfangsminuten, der Star-Receiver Demaryius Thomas mehrere Meter nach hinten schleuderte.
Zwei klare Botschaften von Seattle nach Denver, herzlichst übermittelt bei kühlen Temperaturen im MetLife Stadium von New Jersey: 1) Euch wird hier heute nicht viel gelingen. 2) Die beste Defense der Liga ist besser als die beste Offense der Liga.
Danach lief für Seattle alles wie im Rausch. Und für Mannings Broncos gar nix mehr. Fünfmal bekam Denver in der ersten Halbzeit den Ball, viermal verloren sie ihn wieder. Am schmerzhaftesten waren die beiden Interceptions, gefangen von Chancellor und Malcolm Smith, der zum Super Bowl MVP gewählt wurde, nachdem er seinen Ballgewinn zum Touchdown in die Endzone getragen hatte. Mit einer 22:0-Führung gingen die Seahawks in die Pause, während die gesamte USA (mit Ausnahme vom Pacific Northwest) auf die Comeback-Qualitäten der Broncos in der zweiten Halbzeit hofften, um wenigstens noch ein halbwegs spannendes Spiel zu sehen.
Doch Percy Harvin hatte etwas dagegen. Der rasend schnelle Return-Spezialist war vor der Saison als das letzte fehlende Puzzleteil für den Super-Bowl-Anlauf zum Seahawks-Team gestoßen, verpasste dann aber große Teile der Spielzeit verletzt. Zum Endspiel war er gerade rechtzeitig wieder fit, um den Broncos mit Beginn der zweiten Hälfte den Todesstoß zu verpassen.
Die waren eigentlich so clever gewesen, den Kickoff extra so kurz und hoch zu treten, dass Seattles Returner ihn nicht aus vollem Lauf annehmen und seine Geschwindigkeitsvorteile ausspielen konnte. Aber der Ball hüpfte trotzdem so geschickt auf, dass Harvin ihn unbedrängt aufnehmen konnte, mehrere Haken schlug und locker in Richtung Endzone ausjoggen konnte.
Aus neutraler Sicht war es wohl einer der langweiligsten Super Bowls und die Halftime Show von Bruno Mars womöglich das einzige Highlight, aber aus Seahawks-Sicht war’s der geilste Tag ever!
Super Bowl XLIX: „Oh my god, it‘s picked off at the goal line.“
Ein Jahr später, selbe Situation, anderer Ort. Im University of Phoenix Stadium (heute State Farm Stadium) hätten die Seahawks zur Dynastie werden, die Legion of Boom sich verewigen und Marshawn Lynch seine Bewerbung für die Pro Football Hall of Fame komplettieren können.
Stattdessen aber wurde der 1. Februar 2015 zum einschneidendsten der jüngeren Team-Historie. Die Niederlage gegen Tom Brady und die New England Patriots im Super Bowl XLIX war für diese Seahawks-Generation der Anfang vom Ende. Nicht wegen der 24:28-Niederlage an sich. Sondern wegen der Art und Weise ihres Zustandekommens.
In einem permanent engen, umkämpften Spiel sah Seattle plötzlich wie der Favorit aus, als das Team im dritten Viertel eine Zehn-Punkte-Führung herausspielte. Touchdowns von Marshawn Lynch, Doug Baldwin und Ein-Spiel-Wunder Chris Matthews brachten die Seahawks auf die Siegerstraße. Doch die Verletzung von Pass Rusher Cliff Avril brachte Brady, Edelman und Amendola zurück ins Spiel. Weil sich die O-Line der Patriots von nun an voll auf den anderen dominanten Quarterback-Jäger, Michael Bennett, konzentrieren konnte und Seattles Defense ohne Jeremy Lane und mit Kam Chancellor auf einem Bein verwundbar wurde, war New England zwei Minuten vor Spielende auf einmal in Führung.
Was dann passierte, hätte zum größten Drive der Seahawks-Geschichte werden können. Allein schon der Wunder-Catch von Jermaine Kearse an der gegnerischen 5-Yard-Linie hätte es verdient gehabt, zur besten Aktion der Super-Bowl-Geschichte gekürt zu werden. Weil aber die folgenden Sequenz das Spiel wie eine dunkle Wolke überschattete, wird Kearses Meisterstreich nur eine Randnotiz bleiben.
Noch eine Minute zu spielen, Lauf von Marshawn Lynch, vier Yards, es folgt der zweite Versuch an New Englands 1-Yard-Linie. Seattle hat noch 26 Sekunden, drei Versuche für den Touchdown und eine Auszeit. Der Rest muss nicht groß erzählt werden, denn er ist in jeder Fail-Compilation zur NFL bestens dokumentiert und wird immer dann herausgekramt, wenn die beiden Teams sich begegnen.
In der hoffentlich halbwegs schmerzlosen Kurzfassung lässt sich zur Freak-Interception von Malcolm Butler sagen: Der Prozess, der die Seahawks-Trainer zum Passspielzug bewegte, ist taktisch-strategisch absolut nachvollziehbar (Uhr stoppt bei Incompletion, Lynch strauchelte zuvor bei kurzen Läufen, Patriots rechnen vielleicht eher mit dem Lauf). Er ist aber aus emotionaler Sicht (Lynch ist der Motor und das Herz des Teams und genießt bei seinen Mitspielern größten Respekt) höchst diskutabel – und wir alle wissen, dass das Herz für den Ausgang eines Footballspiels mindestens so entscheidend ist wie der Kopf.
Komplett erholt hat sich diese Generation Seahawks Football nie von dem Schock. Der Erfolg hatte bis zu diesem Zeitpunkt kleine Risse im Teamgebilde immer geflickt. Nun aber war aus dem Riss ein Graben geworden, in den das Team hineinzurutschen drohte – Machtansprüche, Verletzungen und immer wieder die Erinnerung an das herzzerreißende Ende von Super Bowl XLIX beendeten eine Ära, die mindestens einen weiteren Titel verdient gehabt hätte.
Super Bowl LX
Die vierte Teilnahme am Endspiel hat von jeder der vorherigen etwas. Von Super Bowl XL die römischen Zahlen. Von XLVIII die kompromisslose Defense. Und von XLIX den Gegner.
Nun also wieder gegen die Patriots. Wieder die Interception-Endlosschleife auf allen Kanälen. Wieder Häme und Spott. Und … eine Chance auf Wiedergutmachung? Vielleicht ein bisschen, aber komplett ausradieren würde auch ein Sieg das hässliche Ende beim letzten Finalduell nicht.
Denn: Es ist das Duell einer neuen Generation. Dark Side statt Legion of Boom. Drake Maye statt Tom Brady. Mike Macdonald und Mike Vrabel statt Pete Carroll und Bill Belichick. Kenneth Walker III statt Marshawn Lynch.
Die Seahawks tun gut daran, ein neues Kapitel zu schreiben.












