„Chris Carson wohl spät im Frühling wieder einsatzbereit“, hieß es noch Ende November auf vielen Nachrichtenkanälen. Da war das letzte Spiel des Running Backs bereits sechs Wochen her. Von einer Nackenverletzung war damals die Rede – und davon, dass Carson wohl eine Operation zur Fusion der Wirbelsäule benötige. In Seattle ist der Frühling längst angebrochen, die Spieler haben die verpflichtenden Offseason-Einheiten hinter sich und kehren erst im Juli zum Training Camp ins VMAC zurück. Chris Carson war bislang nicht auf dem Feld zu sehen. Ist seine Karriere ernsthaft in Gefahr, Herr Dr. Grünwald?
Hui, die letzte Ausgabe Nachgehawkt ist schon verdammt lange her. Zwischen ihr und der heutigen Runde liegen der Ausbruch einer Pandemie, ein Schwimmkurs für DK Metcalf, eine Free-Agent-Hund-Verpflichtung im Hause Länge und fünf Siege in Serie der Seattle Seahawks. All diese Dinge – aber nicht nur die – werfen Fragen auf. Diesen möchte ich mich heute widmen. Sitz, Pfötchen und ab geht’s!
Mein Plan war, kurz nach Saisonende bei den Seattle Seahawks nochmals einen Mailbag-Beitrag zu verfassen. Ich hatte natürlich gehofft, diesen im Februar nach meiner Rückkehr aus Florida schreiben zu können, wo Russell Wilson gerade als Super-Bowl-MVP die Vince Lombardi Trophy in Richtung seines Vaters nach oben gestreckt hat. Doch weil beschriebenes Szenario nur in meiner Fantasie existiert und Wilson in dieser Saison in Florida höchstens wertvollster Spieler des wertlosen Pro-Bowl-Spektakels wird, gibt’s die letzte Nachgehawkt-Ausgabe der Saison schon im Januar.
Der letzte Mailbag-Beitrag ist schon eine Weile her, aber heute gibt’s endlich die dritte Runde mit Euren Fragen aus den sozialen Medien. Bei den zahlreichen Zukunftsfragen, die wir über Twitter erhielten, lief die Glaskugel in der Redaktion trotz stetig sinkender Temperaturen heiß. Ob sie dennoch die Wahrheit ausgespuckt hat…?
Es war der wichtigste Moment des Spiels – und Tyler Lockett saß einfach nur da und schaute zu. Nicht weil er nicht wollte, auf keinen Fall. Der Wide Receiver der Seattle Seahawks konnte nicht zurück aufs Spielfeld, um seinem Team in der Overtime gegen die San Francisco 49ers zu helfen. Es muss gegen Ende der regulären Spielzeit gewesen sein, dass sich Lockett bei einem Zusammenstoß am Schienbein verletzte und nicht mehr zurück aufs den Rasen kam, weil sein Bein anschwoll. Nach der Partie gab Head Coach Pete Carroll bekannt, Lockett werde wegen einer schweren Prellung nicht mit dem Team zurück nach Seattle fliegen. Wenige Minuten später vermutete David J. Chao (@ProFootballDoc) bei Twitter, dass Lockett wegen eines potenziellen Kompartmentsyndroms unter Beobachtung stehe. Was ist das Kompartmentsyndrom, Herr Dr. Grünwald?
Diese Mailbag-Sache hat ziemlich viel Spaß gemacht vor zwei Wochen. Deshalb gibt’s heute eine zweite Runde mit Euren Fragen aus den sozialen Medien – und in der dreht sich alles um den Rückfall der O-Line in Cable’sche Züge, US-amerikanisches Münzgeld und einen etwas angenervten Pete Carroll.
Mailbags scheinen in Mode gekommen zu sein in diesem Jahr (oder möglicherweise schon viel früher und wir haben das bloß nicht mitbekommen). Deshalb gibt’s auch bei den German Sea Hawkers ab sofort eine Fragerunde. Eure Fragen aus den sozialen Medien werden von uns auf der Website aufgegriffen. In der ersten Ausgabe dreht sich alles um zwei ehemalige Seahawks, einen potenziellen Neuzugang und die neuen Football-Fabelwesen in Seattle.
Dr. Ulrich Grünwald ist seit 2018 unser German Football Doc und spricht mit uns über die medizinischen Aspekte der Sportart American Football. Als ehrenamtlicher Verbandsarzt beim American Football Verband Deutschland (AFVD) beschäftigt er sich täglich mit den Gefahren der Sportart, die er einst auch selbst aktiv ausübte.
Mit uns hat er während eines Lehrgangs der Frauen-Auswahl des nordrhein-westfälischen Verbandes über Gehirnerschütterungen und CTE gesprochen und uns seine Einschätzungen zu verschiedenen Aspekten gegeben.
Grünwald hospitierte in der Preseason 2015 in der medizinischen Abteilung der Seattle Seahawks, wo er Einblicke in die Praktiken des Ärzte- und Physiotherapeutenstabs erhielt.
Wenn Grünwald über Kopfverletzungen im American Football spricht, differenziert er.
Relevant sei im Zusammenhang mit Langzeitfolgen besonders die frühe Erkennung von Gehirnerschütterungen. Betroffene Spieler ohne Diagnose wieder aufs Spielfeld zu schicken, sei riskant. Prominentes Beispiel war 2014 der deutsche Fußball-Nationalspieler Christoph Kramer, der im WM-Finale trotz Gehirnerschütterung noch mehrere Minuten auf dem Spielfeld stand und so der Gefahr einer zweiten, folgenschwereren Erschütterung ausgesetzt war.
Bei der Krankheit CTE, die nach neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft nicht unbedingt durch Gehirnerschütterungen, sondern eher durch häufige Kopfstöße mit hoher Geschwindigkeit hervorgerufen wird, ist eine Diagnose schwierig.
Der Ansatz bei der Verhinderung von CTE liegt daher neben der Früherkennung von Gehirnerschütterung in der Verbesserung der Spielsicherheit. Ob dabei neue Regeln, die es verbieten, einen Quarterback mit voller Wucht in den Boden zu rammen, mehr als Aktionismus um den Star des Spiels sind, darf hinterfragt werden. Als effizienter dürfte sich ein Umdenken beim Tackling erweisen, indem der Kopf aus der Bewegung heraus genommen wird.
Fast täglich gibt es im Bereich Kopfverletzung neue Erkenntnisse. Für Grünwald ist klar, dass Spätfolgen von Kopfverletzungen nicht an einem einzigen Faktor festgemacht werden können.
Ein Blick in die Praxis in Deutschland: Die Arbeit am Spielfeldrand fokussiert sich auf die Erkennung von Schädel-Hirn-Traumata. Wie geht der Doc vor, wenn er eine Gehirnerschütterung vermutet?
Die im Vergleich zur NFL geringere Geschwindigkeit im deutschen American Football ist für die Häufigkeit von Kopfverletzungen laut Grünwald kein Faktor.
Immer wieder wird Doc Grünwald innerhalb dieses Projekts Aspekte kommentieren, die in unserer Sammlung zur Sprache kommen. So äußert er sich beispielsweise zu Russell Wilsons Wunderwasser, „Hawk Tackling“, und für die Diagnose von Gehirnerschütterungen eingesetzte Scat-Karten.
Es war genau die Szene, auf die man sich irgendwie schon eingestellt hatte: Doug Baldwin am Boden. Der Wide Receiver ging angeschlagen in die Regular Season 2018, hatte seit der Vorbereitung Probleme mit dem rechten Knie. Nun lag er auf dem Spielfeld im Broncos Stadium at Mile High und konnte nicht weitermachen. Entgegen der ersten Vermutung war es jedoch nicht Baldwins rechtes Knie, das ihn außer Gefecht setzte, sondern das linke. Denvers Nose Tackle Domata Peko Sr. war dem Passempfänger ins Kniegelenk gefallen, als dieser im ersten Quarter gerade einen Gegenspieler blocken wollte. Baldwin konnte nach ärztlicher Untersuchung nicht aufs Feld zurückkehren. Die Diagnose am Abend der Niederlage: Innenbandverletzung. Konkreter wurde es am darauffolgenden Tag, als Insider von einem Teilanriss des Innenbandes zweiten Grades berichteten. An wie vielen Knien kann ein Spieler gleichzeitig verletzt sein, Herr Dr. Grünwald?
Das Verletzungspech, es klebt weiter an den Running Backs der Seattle Seahawks. In der vergangenen Saison Chris Carson, Eddie Lacy, C.J. Prosise, in dieser Vorbereitung Rookie Rashaad Penny – und seit Dienstag nun auch: J.D. McKissic. Der 25-Jährige zog sich im Training einen Bruch im Mittelfuß zu, der ihn voraussichtlich für mehrere Monate außer Gefecht setzt. Während sich dadurch geklärt haben dürfte, ob C.J. Prosise den Cut übersteht, bleiben andere Fragen allgegenwärtig: Können die Ballträger der Seahawks gesund bleiben? Und was ist eigentlich eine Jones-Fraktur, Herr Dr. Grünwald?
Erst dachten alle, Doug Baldwin habe einen freien Tag bekommen, so wie das bei Veterans öfter der Fall ist. Merkwürdig wurde es erst, als der Wide Receiver noch ein zweites Training aussetze – und dann auch in der dritten Einheit in Serie nur am Spielfeldrand stand. Spätestens durch ein Reporter-Video, das Baldwin zeigt, wie er beim lockeren Fangen eines Balles sein linkes Bein nicht belastet, wurde klar, dass da etwas nicht stimmt. Head Coach Pete Carroll sprach später von einem entzündeten Knie. Wie steht es um Doug Baldwin, Herr Dr. Grünwald?
Und dann knallte es. Für Richard Sherman war die Saison 2017 noch früher beendet als für die anderen Spieler der Seattle Seahawks. Der Cornerback riss sich in Week 10 im Thursday Night Football-Spiel gegen die Arizona Cardinals bei einer Verteidigungsaktion die Achillessehne im rechten Fuß. Wie schnell verheilt ein Achillessehnenriss, Herr Dr. Grünwald?
Für die Seattle Seahawks ist die Saison 2017 beendet. Strong Safety Kam Chancellor und Defensive End Cliff Avril werden sie als die Spielzeit in Erinnerung behalten, in der sie sich so schwer verletzten, dass ihre Karrieren nun in Gefahr sind. Die Diagnose lautete: „Stinger“. Was ist ein Stinger, Herr Dr. Grünwald?