© IMAGO Images, Joe Robbins/Icon Sportswire NFL


© IMAGO Images, Joe Robbins/Icon Sportswire NFL
Wer die NFL eine Weile verfolgt, stößt zwangsläufig auf den Begriff „Fantasy Football“. Doch was hat es damit auf sich? Vorab: Mit klassischer Fantasy hat das Ganze weniger zu tun. Ihr spielt nicht mit Elfen und Zwergen, sondern mit echten NFL-Spielern. Das Wort „Fantasy“ kommt daher, dass ihr die Spieler ganz nach eurer Fantasie in euer Team draften könnt, vollkommen egal, für welche Franchise sie eigentlich spielen.
Bei so vielen Fragen und Funktionen wollen die German Sea Hawkers zusammen mit Jonathan Ratzel vom Peanut Punch-Podcast hier einmal versuchen, euch einen ausführlichen Einstieg zu liefern. Und zwar für alle, die vielleicht zum ersten Mal auf das Thema gestoßen sind und noch keinen wirklichen Plan haben, worum es eigentlich geht.
Beginnen wir mit der Frage nach dem „Wo“. Fantasy Football lässt sich auf den verschiedensten Plattformen spielen. Die in Deutschland bekanntesten Möglichkeiten haben wir euch hier einmal aufgelistet.
Sleeper Fantasy ist die aktuell vermutlich beliebteste Plattform für Fantasy Football. Sie richtet sich insbesondere an alle, die gerne auf ihren mobilen Endgeräten auf die App zugreifen. Es gibt aber auch eine Desktop-Version. Werden auf X (ehemals Twitter) Mock-Drafts (Erklärung folgt) oder Gesuche nach neuen Mitspielern gepostet, gehört der passende Link meist zu Sleeper. Auch die großen Wettbewerbe wie die Down Set Talk-Fantasy Football-Bundesliga oder der German Charity Bowl werden auf dieser Plattform ausgetragen.
Den ersten Kontakt mit Fantasy Football hatten viele über die von der NFL selbst angebotene Plattform „NFL Fantasy“, die im Zuge des Kaufs von NFL Media durch Disney vor der Saison 2026 in die Fantasy-App von ESPN überging. Diese Plattform war zuvor, ähnlich wie die von Yahoo in den USA, deutlich größer und bekannter als in Deutschland.
Das heißt: Vor der Saison 2022 waren 10 Millionen Spieler bei ESPN und 7 Millionen bei Yahoo registriert. Zum Vergleich: Sleeper kam zu diesem Zeitpunkt lediglich auf drei Millionen Nutzer. Uns fällt im deutschen Raum jedoch niemand ein, der auf einer der beiden großen Plattformen eine Liga spielt. Unsere Empfehlung für Spieler aus dem DACH-Raum geht daher klar in Richtung Sleeper. Nachdem wir die Frage „Wo?“ geklärt haben, kommen wir zur vermutlich interessanteren Frage: „Wie spiele ich Fantasy Football überhaupt?“ Zunächst benötigt ihr ein paar Freunde, denn allein ist Fantasy Football ziemlich öde. Eine Liga sollte aus mindestens acht, idealerweise aus zwölf Leuten bestehen.
Ab vierzehn Personen wird es schon schwierig, was aber für diejenigen unter euch, die sich intensiv mit den NFL-Kadern auseinandersetzen wollen, ebenfalls reizvoll sein kann. Warum? Weil jeder Spieler pro Liga nur einmal verfügbar ist. Wenn also euer Onkel väterlicherseits, der eigentlich die San Francisco 49ers unterstützt, mit einem schmierigen Grinsen Seahawks-WR Jaxson Smith-Njigba in sein Team holt, seid ihr erst einmal machtlos. In einer Liga kommen oft sehr unterschiedliche Leute zusammen.
Tag a league mate you see in this vid 🤣 pic.twitter.com/uZwTN76H1l
— Sleeper (@SleeperHQ) July 28, 2023
In einem Draft, der dem NFL-Draft ähnelt, bei dem jedes Jahr die College-Rookies in die Profiliga wechseln, wählt ihr nacheinander einen aktuellen NFL-Spieler für euer Team aus. Dabei solltet ihr nicht zu sehr nach Sympathie auswählen, sondern eher danach, wie ihr am Ende der Saison die meisten Punkte der Liga erzielt. Ihr erhaltet Punkte, wenn die von euch ausgewählten Spieler in den realen NFL-Spielen gute Leistungen bringen. Das heißt: Touchdowns werfen oder fangen, Yards auf dem Boden oder durch die Luft erzielen oder durch Interceptions und Fumbles die gegnerische Offense limitieren.
Wie viele Punkte diese einzelnen Aktionen wert sind, unterscheidet sich von Liga zu Liga. Wichtig ist nur, dass ihr die Verteilung der Punkte stets im Blick habt. Die am weitesten verbreiteten Unterschiede beim Scoring liegen in den Punkten, die ein Spieler für das alleinige Fangen des Balles erhält. Diese variieren von 0 Punkten (Standard, kaum noch gespielt) über 0,5 Punkte (Half-PPR) bis zu 1 Punkt (Full-PPR). Die anschließend erzielten Yards werden in allen Varianten natürlich hinzugerechnet.
Der Fantasy-Draft findet logischerweise vor Saisonbeginn statt. Es empfiehlt sich, den Draft so kurz wie möglich vor dem Start der Regular Season abzuhalten. Die Vorfreude auf die kommende Saison wäre vermutlich schnell verflogen, wenn sich euer im Juni ausgewählter Erstrunden-Pick im ersten Spiel der Preseason das Kreuzband reißt. Sobald ein Termin gefunden ist, muss die Reihenfolge festgelegt werden. Im ersten Jahr einer neuen Liga bietet es sich an, die Plätze auszulosen. In bereits länger bestehenden Ligen kann sich etwa der Letztplatzierte der Vorsaison zuerst seine Draftposition aussuchen. Man kann es aber auch so machen:
Elite way for a fantasy football league to pick their draft order 😂
(via TuckerGenal/TikTok) pic.twitter.com/sEVgAnR6Kf
— ESPN Fantasy Sports (@ESPNFantasy) July 31, 2023
Die Draftposition hat allerdings in der Regel keinen großen Einfluss auf das Abschneiden, da Fantasy-Drafts im sogenannten Snake-Format abgehalten werden, anders als der echte NFL-Draft. Das heißt: Wer Pick Nummer 1 hat, muss fast zwei volle Runden warten, bis er wieder an der Reihe ist. Wer hingegen an Position 12 pickt, darf direkt danach noch einmal ran. So geht es dann immer weiter, bis die Kader aller Mitspieler gefüllt sind. Auch die Kadergröße und die Zusammensetzung der aufzustellenden Positionen können von Liga zu Liga variieren. Ein traditioneller Kader einer Fantasy-Football-Mannschaft sieht beispielsweise wie folgt aus:
Viele Ligen, gerade die sogenannten Homeleagues, die man mit Freunden und Bekannten gründet, spielen mit diesem Kader. Aus unserer Sicht gibt es jedoch einige Verbesserungsvorschläge, die auch innerhalb der Fantasy-Community an Beliebtheit gewinnen.
Nummer 1: Werdet den Kicker los! In der NFL hat die Position des Kickers sicherlich ihre Berechtigung, für Fantasy Football ist sie jedoch ziemlich überflüssig. Ein Kicker kann im Laufe eines Spiels mit drei Punkten pro Field Goal und sogar fünf Punkten bei einer Entfernung ab 50 Yards ganz schön viel Einfluss auf das Ergebnis deines Fantasy-Spiels haben. Das Problem ist nur: Es gibt keine verlässliche Möglichkeit, vorherzusehen, welcher Kicker in welchem Spiel wie viele Punkte erzielt. Bradon Aubrey kann noch so treffsicher sein, wenn die Cowboys aber keine Field Goals schießen, weil sie jeden vierten Versuch ausspielen, geht auch er leer aus. Zudem kann es passieren, dass ein Spiel verloren geht, weil der gegnerische Kicker plötzlich sechs Field Goals aus 30 Yards Entfernung erzielt. Um diese zu verwandeln, bedarf es keines Zauberfußes, und zack, 18 Punkte mehr für den Gegner.
Nummer 2: Spielt mit Receiver-Flex. Statt einer festen Tight-End-Position solltet ihr die Möglichkeit einräumen, auch Wide Receiver aufzustellen. Denn was sind Tight Ends am Ende des Tages? Im Idealfall sind es Wide Receiver mit besseren Blocking-Qualitäten und einem physischeren Körperbau. Da es im Fantasy Football aber keine Punkte für Blocking gibt, handelt es sich um ganz normale Receiver, die auch als solche behandelt werden sollten. Bowers, McBride, Kittle und dann? Niemand sollte gezwungen werden, einen Terrance Ferguson oder Eric Saubert aufzustellen, wenn er bessere Receiver auf der Bank hat.
Nummer 3: Entweder ihr werdet die Defense los oder ihr spielt mit IDP, also einzelnen Defensivspielern. Die Auswahl einer kompletten Team-Defense zu Beginn der Saison ist ähnlich mühselig wie die eines Kickers. Defensive Leistungen übertragen sich in der Regel kaum auf die darauffolgende Saison. Ihr habt also kaum eine Möglichkeit, vorherzusehen, welche Defense dieses Jahr gute Leistungen zeigen wird. Eine Lösung wäre, jede Woche die Defense auszuwählen, die gegen die Arizona Cardinals spielt – aber lassen wir das. Eine weitere Option ist das Spielen mit IDP (Individual Defensive Players). Dabei werden individuelle Defensivspieler gedraftet und aufgestellt, die für jedes Tackle, jeden Fumble und jede Interception belohnt werden.
Bislang haben wir uns auf die sogenannten Redraft-Ligen konzentriert. Das bedeutet, dass ihr jedes Jahr ein komplett neues Team aus dem Pool der vorhandenen NFL-Spieler auswählt. Es gibt unzählige Möglichkeiten und Sonderregeln, mit denen sich jede Liga individuell gestalten lässt. Im Folgenden wollen wir jedoch auf die zwei bekanntesten weiteren Formate eingehen: die Keeper- und die Dynasty-Liga.
In der „Keeper-Liga“ funktioniert es ähnlich wie in der Redraft-Liga. Jedes Jahr pickt ihr ein neues Team, mit einer Ausnahme: Nach der Saison oder vor dem neuen Draft darf sich jeder Teammanager einen oder mehrere Spieler aussuchen, die er in seinem Team behalten möchte. Dafür verliert er einen Pick im kommenden Draft. Um welche Runde es sich dabei handelt, variiert von Liga zu Liga. Manche Ligen verzichten auch komplett auf den Verlust von Draftkapital.
Eine „Dynasty-Liga“ ist eher etwas für Fortgeschrittene. Die Kader sind bedeutend größer und im Idealfall behältst du dein Team über mehrere Jahre. Es gibt jedes Jahr einen Draft, bei dem allerdings nur die Rookies gezogen werden, die neu in die NFL kommen. Die Draftpicks sind neben deinen Spielern das wichtigste Kapital und ähnlich wertvoll wie in der echten NFL. Du kannst sie einsetzen, um den besten jungen Spieler in dein Team zu holen, oder du tradest sie zu einem Ligakonkurrenten und erhältst im Gegenzug einen seiner Spieler.
Dynasty-Ligen sind besonders zeitaufwendig, da du ständig überlegen solltest, wo dein Team steht und wie du die nächsten Jahre planen möchtest. Greifst du dieses Jahr an und stärkst dein Team mit erfahrenen Spielern? Bist du im Mittelfeld und versuchst, langsam an die Spitze zu kommen? Oder befindest du dich im Umbruch und tauschst deine alternden Stars gegen Draftpicks für die kommende Auswahl der Rookies ein? Hierfür bleibt natürlich ein wenig Scouting der College-Stars nicht aus. Wenn du alle Picks tradest, kann das jedoch auch zu traurigen Szenen führen.
— Sleeper (@SleeperHQ) July 27, 2023
Weitere Spielarten:
Sobald die Saison beginnt, muss alles dafür getan werden, Woche für Woche Siege einzufahren. An jedem Spieltag triffst du im direkten Duell auf einen Ligakonkurrenten. Wer mehr Punkte als sein Gegner hat, gewinnt die Woche. Für den Gesamtsieg sind nicht unbedingt die meisten Gesamtpunkte, sondern die meisten Spieltags-Siege wichtig. Es kann also vorkommen, dass ein Spieler, der die meisten Punkte erzielt hat, am Ende der Saison die Playoffs verpasst, weil er Woche für Woche Pech mit seinen Gegnern hatte und knapp verlor (was allerdings sehr unwahrscheinlich ist).
Wichtig zu wissen ist zudem: Dein Kader ist nicht in Stein gemeißelt. Viele Spieler werden nicht gedraftet und landen auf dem sogenannten Waiver Wire. Dort können sie jede Woche (in der Regel ab Mittwoch) aufgenommen und euren Kadern hinzugefügt werden. Da ihr eine gewisse Anzahl an Spielern nicht überschreiten dürft, müsst ihr im Gegenzug einen eurer bisherigen Spieler gehen lassen. Dieser wird dann für alle anderen Ligamitglieder verfügbar.
Das Aufnehmen der Spieler funktioniert auf zwei verschiedene Arten: Entweder erfolgt es nach Waiver Priority, das heißt, der Spieler mit der schlechtesten Sieg/Niederlagen-Bilanz und/oder der bislang geringsten Waiver-Aktivität bekommt als Erstes Zugriff auf seinen präferierten Spieler. Die andere Möglichkeit ist der Einsatz von FAAB (Free Agent Acquisition Budget). Davon haben alle Spieler zu Beginn der Saison gleich viel. In der Regel ist es ein gerader Betrag von 100 oder 1000 virtuellen Dollar. Wenn ihr einen Spieler bekommen wollt, müsst ihr auf ihn bieten. Der Manager mit dem höchsten Einsatz erhält den Spieler für sein Team. Insbesondere bei langwierigen Verletzungen von Starspielern kann es sich lohnen, zu Beginn der Saison relativ viel FAAB für den potenziellen Ersatzmann auf den Tisch zu legen.
Das ist jedoch nicht die einzige Möglichkeit, um an neue Spieler zu gelangen. Der zweite Weg ist vermutlich spannender: Ihr tauscht eure Spieler untereinander, das heißt, ihr tradet. Das ist jedoch nicht leicht, denn niemand möchte übervorteilt werden. Ihr müsst also ein Angebot machen, von dem sowohl ihr als auch euer Konkurrent profitiert.
Beispiel: Ihr startet schwach in die Saison, weil sich euer Erstrunden-Pick verletzt hat und vermutlich noch vier Wochen ausfällt. Ihr bietet einem Mitspieler, bei dem es deutlich besser läuft, diesen angeschlagenen Superstar zum Tausch an. Im Gegenzug erhaltet ihr einen objektiv gesehen schwächeren, aber fitten Spieler, der euch genau jetzt helfen kann. Euer Konkurrent ist gedanklich womöglich schon in den Playoffs und freut sich auf einen weiteren Spieler, der ihm in ein paar Wochen helfen wird. Lasst euch auf keinen Fall entmutigen, wenn es in den ersten Wochen nicht direkt läuft – es ist noch kein Fantasy-Meister vom Himmel gefallen! Bleibt dran, seid aktiv auf dem Waiver Wire und macht Trade-Angebote, denn nur so kann die Liga euch und euren Mitspielern Freude bereiten.
Am Ende der regulären Fantasy-Football-Saison (14. NFL-Spieltag) kommen die sechs besten Teams in die Play-offs und spielen an den Spieltagen 15, 16 und 17 die Meisterschaft aus. (Die Fantasy Football-Saison endet in der Regel bereits am 17. Spieltag, da viele Teams in der NFL am 18. Spieltag ihre Stammkräfte für die Play-offs schonen oder weil es für einige Teams um nichts mehr geht, da sie die Playoffs schon verpasst haben.) Am Ende gibt es also ein großes Finale, das über den ersten Platz in eurer Liga entscheidet. Es ist vollkommen egal, wie viele Punkte ihr bis dahin erzielt habt oder ob ihr furios in die Playoffs eingezogen seid oder bis zur letzten Sekunde gezittert habt. Im Finale fängt alles bei null an.
Zum Abschluss dieses Beitrags noch der Hinweis, dass man sich wirklich ewig mit Fantasy Football beschäftigen kann, indem man Analysen liest, Statistiken vergleicht und Videos schaut. Man kann aber auch nur 5 Minuten pro Woche investieren, seine Aufstellung ändern und wieder verschwinden. So kann man am Ende vielleicht doch gegen den gewinnen, der sich intensiv damit beschäftigt hat, denn es spielt auch eine große Portion Glück mit. Das ist das Schöne, und manchmal auch Ärgerliche, am Fantasy Football. Aber Spaß macht es auf jeden Fall, und das ist natürlich die Hauptsache.
Zum Start der Saison stellt sich immer die große Frage, wie ein Fantasy Football-Manager am Ende seine Liga gewinnt. Und genau diese Ungewissheit ist es, die die Spannung bei diesem Hobby ausmacht. Wer als Fan seine Lage aber schon vorab etwas verbessern will, sollte die goldenen Regeln unseres Fantasy Football-Experten Jonathan beachten:
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