12 Fragen an… Christoph Metzelder

12 Fragen an Christoph Metzelnder

Fast gar wäre Christoph Metzelder im Spätherbst seiner Fußballer-Laufbahn in Seattle gelandet, entschied sich mit 32 Jahren dann aber doch fürs Karriereende. So dauerte es etwas länger, bis der ehemalige deutsche Nationalspieler eines Nachts im Januar 2015 seine Leidenschaft für die Seahawks entdeckte. Im Interview spricht Metzelder über den Vergleich zwischen deutschem und US-Sportsystem, Kopfverletzungen im Fußball und die Tücken der Zeitverschiebung.

Christoph, die Seattle Seahawks sind in der Offseason auf der Suche nach einem neuen Kicker. Wie wär’s?
Ich muss Euch enttäuschen. Ich konnte vieles, aber schießen gehörte nicht dazu.

Dein ehemaliger Schalker Mitspieler Christian Fuchs (aktuell Leicester City) kündigte schon an, es nach der Fußball-Karriere als Kicker in der NFL versuchen zu wollen. Welche Position würde der 1,94 Meter große Innenverteidiger Metzelder im American Football besetzen?
In der Selbstwahrnehmung selbstverständlich Tight End, in der Fremdwahrnehmung wahrscheinlich doch eher im Defensive Backfield als Safety oder Cornerback.

Beim FC Schalke 04 hast Du 2013 Deine Profikarriere beendet. Von Königsblau zu Marineblau war es kein großer Schritt. Hat die Farbe Dich zum Seahawks-Fan gemacht?
Grund dafür war eine schlaflose Nacht im Januar 2015, in der ich zufällig bei ranNFL und dem epischen NFC Championship Game zwischen Seattle und Green Bay hängen blieb. Onside Kick, Two-Point Conversion und Overtime. Die Faszination des American Football (gerade im vierten Quarter) in all seinen Facetten, mit Russell Wilson und den Seahawks als Protagonisten – das ist der eigentliche Grund, rein ästhetisch finde ich aber die Farben und den Dress der Seahawks auch stark.

https://twitter.com/CMetzelder/status/556956990787059712

Vor Deiner letzten Station in Gelsenkirchen spieltest Du für den internationalen Top-Klub Real Madrid und Borussia Dortmund, den großen Schalker Erzrivalen. Welches Team ist aus Deiner Sicht aktuell Seattles größter Rivale in der NFL?
Die NFL pflegt sportliche Rivalitäten, allerdings ist das bei weitem nicht so ausgeprägt wie im europäischen Fussball. Die Fankultur in den USA ist doch eine andere. Ich kenne die Rivalität zu den San Francisco 49ers, die ja auch in der NFC West beheimatet sind.

Und diese NFC West ist nach ein paar durchwachsenen Jahren wieder im Aufwärtstrend. Besonders bei den San Francisco 49ers und den Los Angeles Rams herrscht große Aufbruchstimmung. Schrumpfen jetzt die Chancen der Seahawks auf die Playoffs oder spornt die Konkurrenz an?
Die NFC West ist mit den aufstrebenden LA Rams und den wiedererstarkten 49ers knüppelhart! Aber die Seahawks haben immer große Ambitionen, von daher müsste das ein Ansporn sein.

Über das System der US-Profiligen wird inzwischen auch in Deutschland diskutiert. Immer wieder sind eine Gehaltsobergrenze und der NFL Draft das Thema, weil sie die Bundesliga ausgeglichener machen könnten. Wären Playoffs aus Deiner Sicht eine Option für den deutschen Fußball oder sollte das K.-o.-System weiter nur für den DFB-Pokal gelten, den Du 2011 mit den Königsblauen gewonnen hast?
Die Idee der Playoffs ist ja nicht neu, vor Einführung der Bundesliga 1963 gab es noch Endspiele um die Deutsche Meisterschaft. Aber der Spielplan aus Liga, Pokal, kontinentalen Vereins- (Champions League, Europa League) und Nationalmannschaftswettbewerben lässt das kaum noch zu. Kurioserweise hat das kapitalistischste Land der Welt, die USA, das sozialistischste Sportsystem. Die Liga gleicht den Wettbewerb durch Salary Cap und Draft aus, dadurch sehen wir jedes Jahr Überraschungsteams, die es nach ganz vorne schaffen können.

Zurück zu den Seahawks. Richard Sherman, Kam Chancellor, Cliff Avril – sie alle fallen aufgrund von Verletzungen lange aus, teils stehen ihre Karrieren auf dem Spiel. Du hattest in Deiner Karriere auch oft mit Verletzungen zu kämpfen und hast mit Anfang 30 aufgehört. Wann hast Du für Dich entschieden, dass die Zeit nach dem aktiven Fußball wichtiger ist als die Profikarriere?
Ich habe mit 32 Jahren in den Spiegel geschaut und ehrlich feststellen müssen, dass ich auf allerhöchstem Niveau nicht mehr werde mithalten können. Und das war schon irgendwie mein Anspruch. Ich bin dankbar für die Stationen beim BVB, Real Madrid und dem FC Schalke 04, deswegen kam auch ein Wechsel zu anderen Clubs oder in andere Länder nicht in Frage. Wobei ich Anfang 2013 ein paar Mal mit Sigi Schmid, dem damaligen Trainer der Seattle Sounders, telefoniert habe.

Ein Thema, das beim American Football in Bezug auf Verletzungen immer mitschwingt: Gehirnerschütterungen. Als Innenverteidiger hast Du buchstäblich den Kopf hingehalten. Sollten Kopfverletzungen auch im Fußball stärker thematisiert werden?
Ich hatte insgesamt vier Nasenbeinfrakturen, grundsätzlich werden die Köpfe aber im Fussball auch durch Regelverschärfungen (z.B. Ellenbogen) stärker geschützt. Mir gefriert manchmal das Blut in den Adern, wenn ich  in der NFL Tackles in Richtung Helm oder Brustkorb sehe.

https://twitter.com/CMetzelder/status/562067957556473858

2018 kommen die Seahawks erstmals für ein Spiel in der Regular Season nach London. Hattest Du schon die Möglichkeit, das Team in Seattle zu sehen oder wirst Du im Oktober in die englische Hauptstadt fliegen?
Komme ich über Euch an Tickets? :-) Ich hätte nämlich große Lust, die Seahawks das erste Mal live zu sehen!

Wir schauen mal, was sich da machen lässt. Aktuell fehlen auch uns da noch Informationen, da das Stadion, in dem das Spiel stattfinden wird, noch nicht fertig gebaut ist. Bleiben wir beim Thema London Game. Die lange Reise über den großen Teich: aus der Sicht eines Profis eher schöne Erfahrung oder strapaziöser Ausflug?
Wir hatten 2009 mit Real Madrid eine Sommervorbereitung in Nordamerika (Toronto und Washington), mit Schalke waren wir nach der Saison 2011/2012 in New York und Philadelphia. Mir hat das immer Spaß gemacht. Ich erinnere mich an die Reise zur WM 2002 in Japan und Südkorea. Wir haben morgens in Frankfurt trainiert, sind nach Tokio geflogen, kamen dort morgens an und hatten direkt zwei weitere Trainingseinheiten. Als ich dann abends (Ortszeit Tokio) ins Bett ging, wachte ich nach einer Stunde auf und stürzte aus dem Zimmer, weil ich dachte es sei der nächste Morgen und ich hätte verschlafen.

Heute bist Du als TV-Experte für Sky weiter in der Bundesliga unterwegs, so wie auch viele ehemalige NFL-Profis am Spielfeldrand stehen. Welchen Seahawks-Spieler würdest Du nach dem Karriereende gerne vor der Kamera sehen?
Grundsätzlich mag ich die Haltung der Seahawks und ihrer Spieler, die ja als besonders meinungsstark und (politisch) aktiv gelten. Auch das soziale Engagement der NFL und ihrer Clubs ist toll und nachhaltig. Ich persönlich schätze Russell Wilson als Persönlichkeit sehr, er würde das als TV-Experte sicher gut machen.

In der NFL sorgen die Booth Reviews oft für Spannung. In der Bundesliga dagegen ist der Videoschiedsrichter bei vielen Spielern, Trainern und Fans unbeliebt. Du, der Du beide Sportarten gut kennst: Wie stehst Du zum Videobeweis?
Es gab aus meiner Sicht einen großen Fehler bei der Kommunikation: Der Videoassistent schafft keine hundertprozentige Gerechtigkeit, am Ende wird es auch mit Hilfsmitteln immer eine menschliche Entscheidung geben, wenn wir uns in Grauzonen oder der Bewertung von Zweikämpfen bewegen. Ich kritisiere, dass es bisher keine einheitliche Linie beim Einsatz des VA gibt. Keine kalibrierten Abseitslinien und keine Transparenz in den Stadien. Die Fans werden beim Entscheidungsprozess nicht mitgenommen.

Christoph, wir danken Dir für das Gespräch!

 

“12 Fragen an…” ist eine Rubrik, in der regelmäßig Interviews unserer Redaktion mit Persönlichkeiten veröffentlicht werden, die in einer Beziehung zur deutschsprachigen Fangemeinde und den Seattle Seahawks stehen. In den Gesprächen geht es um Zusammenhänge zwischen den Interviewpartnern und unserem Lieblingsteam, Erlebnisse und Erfahrungen im American Football und persönliche Geschichten. Alle bisher erschienenen Interviews aus der Serie gibt’s hier zum Nachlesen.

Menü